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  • Politik
  • Vor 100 Jahren wurde Juri Olescha geboren

Tragödie der Intelligenz

  • Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 2 Min.

In Oleschas Märchen »Die drei Dickwänste« (1924) werden die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Die Zirkusartistin befreit den Schmied und findet ihren Bruder wieder Verachtung trifft den Papagei, der genüßlich denunziert hat. Die drei Vielfraße werden eingesperrt. Doch so leicht wie im Märchen lassen sich im Leben Konflikte nur selten lösen. Der russische Schriftsteller Juri Olescha wußte das aus eigener Erfahrung.

Die literarischen Anfänge lagen in Odessa, im Kreis von Katajew, Ilf und Bagrizki. Erst die Moskauer Jahre nach 1922 brachten den Durchbruch, auch wenn Oleschas Werke umstritten waren und von dogmatischen Kritikern abgelehnt wurden. Heute finden der Roman »Neid« (1927) und das auf seiner Grundlage entstandene Drama »Die Verschwörung der Gefühle« (1929) hohe Anerkennung - nicht nur als große künstlerische Entwürfe, sondern auch als eine prophetische Voraussage jener Tragödie, die über einen Großteil der russischen Intelligenz hereinbrach, als er ehrlichen Herzens nach einem Kompromiß mit der Sowjetmacht suchte. In »Neid« merkt der Künstler Nikolai Kawalerow, daß er zu sensibel ist und als überflüssig gilt. Er verspürt Neid auf den Direktor und Wurstmacher Andrej Babitschew, der wie ein Fels auf dem Boden der neuen Zeit steht und keine Gefühle zu kennen scheint. Kawalerow hingegen sehnt sich nach Liebe und Zärtlichkeit, Mitleid und Eifersucht, hat mit dem »Seelenzustand« des Stalinschen Sozialismus seine Probleme, ähnlich wie der Ingenieur Iwan Babitschew, der Bruder des Wurstmachers. Mit Hilfe einer unerhört modernen Erzählweise gestaltete Olescha die Tragödie als Groteske, ließ die beiden Intelligenzler am Ende possenhaft auf die Gleichgültigkeit anstoßen und im breiten Federbett der Witwe Anetschka versinken.

In seiner Rede auf dem Schriftstellerkongreß 1934 bekannte Olescha, daß Kawalerow die Welt mit den Augen des Autors gesehen und sie in den frischesten und leuchtendsten Farben gemalt habe. Die kommunistische Kritik an dem Roman hätte ihn erschüttert und seine Befürchtung bestätigt, daß er nicht mehr gebraucht würde. Was er für seine Stärke gehalten habe - die Fähigkeit, die Welt auf seine eigene Weise zu sehen -, dürfe doch nicht bedeutungslos sein. Der Fünfjahrplan sei nicht sein Thema, der revolutionäre Held nicht der Typ, mit dem er sich identifizieren könne.

Zwischen 1936 und 1956 war Oleschas Name aus der Sowjetliteratur verschwunden. Auch zu uns kamen seine Werke erst nach dem Tod 1960 in Moskau. Noch heute werden in Rußland Teile aus seinem Tagebuch veröffentlicht, die von der Zensur nicht zum Druck zugelassen wurden.

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