nd-aktuell.de / 17.08.2005 / Brandenburg
Vitamin C oder Stoff, aus dem Bomben entstehen
Geldstrafe für gefährlichen Chemikalienmixer, der sein Elternhaus in ein Labor verwandelte
Peter Kirschey
Glück hat er gehabt, der 31-jährige Pharmaziestudent Johannes. Glück, dass er nicht Ahmed oder Mohammed heißt, Glück, dass seine gefährliche Zimmereinrichtung nicht das Haus seiner Eltern explodieren ließ. Als die Polizei am 17. Januar seine Wohnung durchsuchte, da vermutete sie eigentlich ein Rauschgiftlabor. Johannes G. hatte versucht, mit gefälschten Rezepten in Apotheken an Chemikalien zu kommen. Was die Beamten dann vorfanden, ließ sie in ganz andere Richtungen denken und handeln.
Neben Batterien von rund 4000 Feuerwerkskörpern stießen die Ermittler auf Schwarzpulver, Patronen, Waffen, Chemikalien und eine verdächtige weiße Granulatmasse. Die herbeigerufenen Sprengstoffspezialisten schlussfolgerten messerscharf: Bei dem weißen Pulver handelt es sich um den hochexplosiven Sprengstoff Triacetonperoxid (TATP), den Stoff, aus dem die Terroristen heutzutage ihre Mordwerkzeuge basteln. Da wurde richtigerweise nicht lange gefackelt, die Umgebung evakuiert, das vermeintliche TATP in größter Vorsicht auf die Straße gebracht, mit Diesel besprüht und dann verbrannt. Der Rest der Ladung wurde beschlagnahmt und abtransportiert. Wilde Spekulationen über ein mögliches Terroristenlabor machten damals die Runde
Grund genug, um die Angelegenheit zur Anklage zu bringen. Gestern wurde verhandelt. Der an Chemie interessierte Student gibt alles zu: das Feuerwerk, das er über ein Jahrzehnt angehäuft, das Schwarzpulver, das er sich zusammengemixt, und die Patronen, die er aus Sammelleidenschaft aufgehoben hat. Nur beim TATP spielt er nicht mit. Dieses Teufelszeug kenne er nicht, auch wenn man im Internet die genauen Rezepturen nachlesen kann.
Der polizeiliche Sprengstoffexperte, als Zeuge geladen, begründete seine TATP-Vermutung. Die Ausgangsstoffe befanden sich in der Wohnung, das Feuer brannte und knisterte so wie bei TATP, also muss das weiße Pulver auch der Sprengstoff gewesen sein. Doch einen Beweis gibt es nicht. Das Material ist vollständig verbrannt, eine chemische Analyse wurde nicht gemacht. So bleibt es bei der Vermutung. Die Polizisten handelten nach dem Prinzip: Gefahrenabwehr geht vor Spurensicherung.
Und der Hobbylaborant, im braven Anzug erschienen, meint, es könne auch reines Vitamin C oder ein Schönheitspulver aus China gewesen sein, das sich ebenfalls in seiner Tiegelsammlung befand.
Das Gegenteil ist ihm nicht nachzuweisen. Ob in Diesel getränktes Vitamin C genauso brennt, konnte nicht ermittelt werden. Und so kann das Gericht nur das bewerten, was tatsächlich auch nachzuweisen ist. Das Urteil fällt milde aus: 130 Tagessätze zu jeweils 15 Euro.
Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/76637.vitamin-c-oder-stoff-aus-dem-bomben-entstehen.html