Die Sprachsammler

Die Brüder Grimm und ihr »Deutsches Wörterbuch« - Droht einer nationalen Edition das Aus?

Nein, es war nicht ihre Idee, und sie verspürten auch wenig Neigung, sich der Sache anzunehmen. Die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig wollte ein »Deutsches Wörterbuch« drucken, und sie, Jacob und Wilhelm Grimm, sollten die Konzeption und Redaktion übernehmen. Sie sagten erst nach einigem Zögern zu. Gerade vertrieben aus Göttingen, weil sie sich mit anderen Professoren mutig dem König von Hannover widersetzt hatten, der eigenmächtig die Verfassung außer Kraft gesetzt hatte, mussten sie ja schließlich für ihren Unterhalt sorgen. Und die Aufgabe erschien ihnen lösbar. »Wenn wir beide 4 Jahre der Sache täglich 2 Stunden widmen, und ich will gerne fleißig seyn«, schrieb der jüngere Wilhelm seinem Bruder im April 1838, »so glaube ich kommen wir zu Ende.« Sie ahnten nicht, was sie erwartete.

Ein Wörterbuch der deutschen Sprache, historisch fundiert und alphabetisch geordnet, ein Werk, das den gesamten Wortschatz erfasst, das seine Entwicklung, seine Bedeutung, seine landschaftlichen Eigenarten beschreibt, daran ist auch schon vorher gedacht worden, aber erst die Grimms packten die kühne Aufgabe an, am Anfang noch ganz gelassen und optimistisch, bald jedoch schon ächzend unter der Last, überarbeitet, zermürbt von unendlich langen Tagen am Schreibtisch, gezeichnet von Anstrengung, Verdruss und Schlaflosigkeit. Bereits im Sommer 1839 fragte sich Jacob in einem Brief an Bettine von Arnim, ob ihr Leben wohl ausreichen würde, das »herkulische Unternehmen« zu bewältigen.

Gut, sie waren nicht allein. Sie holten sich Mitarbeiter, Wissenschaftler, Schulmeister, Schriftsteller. Es gab auch Zuträger, die anonym blieben. Mancher sprang gleich wieder ab, als er merkte, was da auf ihn zukam. Andere, Uhland etwa oder Gustav Freytag, blieben. Sie alle, Jacob und Wilhelm Grimm voran, sammelten. Sammelten, nur mit kargen Hilfsmitteln ausgerüstet, besessen Wörter, durchforsteten die Literatur seit Luther, hielten fest, was in Kirchen, auf Märkten und Straßen gesprochen wurde, was in Arzneiverordnungen und Vorschriften stand. Ihr Werk sollte ja nicht bloß die Sprache der Höfe, Bürgerhäuser und Amtsstuben dokumentieren. Sie schrieben ihre Funde auf Zettel, die sich zu Bergen türmten, und verfassten, je nach Laune und Wissen, ihre Berichte zu jedem Wort. Es gab kein festes Konzept. Der eine fasste sich kurz, andere arbeiteten unbekümmert drauflos, verliebt in einzelne Worte, selbstverliebt natürlich auch, sie exzerpierten, verglichen, ordneten, füllten die Artikel haufenweise mit Belegen, auch überflüssigen, sodass ihre Erläuterungen manchmal ins Unermessliche wuchsen und alle vernünftigen Relationen sprengten. 127 engbedruckte Spalten über »Geist», 185 über »Gewalt«, 18 Spalten für »liegen», aber 325 für »stehen«. Dabei war schon kräftig gekürzt worden. Kurioser ging es nicht mehr.

1854 erschien der erste Band des Wörterbuchs. Er enthielt alle Wörter von A bis Biermolke. Wilhelm Grimm kam noch bis zum Buchstaben D. Dann, am 16. Dezember 1859, starb er. Im Jahr darauf lag der zweite Band vor. »Biermörder« war sein erstes Wort. Jacob lebte bis zum 20. September 1863. Da war gerade »Frucht« erreicht. Nun knieten sich andere in das Projekt, das schließlich, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Preußischen Akademie der Wissenschaften anvertraut und nach 1945 von Arbeitsstellen in beiden deutschen Staaten, in Göttingen und Berlin, betreut wurde. 1961 war man bei »Zypressenzweig« angelangt und damit endlich, nach langer, langer Zeit, fertig. Grimms »Deutsches Wörterbuch«, ein Jahrhundertbuch, Enzyklopädie und wunderbarer Schmöker in einem, lag nun in 32 Bänden vor (1971 ergänzt durch einen Band mit dem Quellenverzeichnis). Freilich: Ans Ausruhen war nicht zu denken. Wenigstens die ersten, noch von den Grimms besorgten Bände mussten gemustert, revidiert, ergänzt, überarbeitet werden. Zu uneinheitlich waren die einzelnen Artikel, subjektiv gefärbt, zu lückenhaft auch das Ganze. Immerhin waren inzwischen eine Menge neuer Wörter im Umlauf.

Im Herbst 1984, als der Deutsche Taschenbuch Verlag den Grimm in einem 33-bändigen Reprint vorlegte, nannte Walter Jens dieses Riesenwerk »ein Geschenk der Wissenschaft ans deutsche Volk«, ein »gewaltiges Warenhaus des Geistes, das sichtbar macht, was zwischen Uhland und Pieck deutsche Geschichte bestimmte«, und auch eine »schrecklich-schöne Bibel«. Jeder, der in ihr liest, so Jens, wird darüber belehrt, »wie faszinierend … seine Muttersprache ist und wie gering, an solchem Angebot gemessen, die Aussicht, das geliebte Deutsch je zu beherrschen«.

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