Barmherziger

Franz Müntefering ist neuer Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes

Wahrscheinlich ist es um die Bibelfestigkeit von Franz Müntefering (SPD) nicht zum Besten gestellt. Vielleicht hätte es sich der 73-Jährige mit seinem neuen Ehrenamt als Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) noch einmal anders überlegt, wenn er wüsste, in wessen Fußstapfen er da eigentlich tritt.

Nachlesen konnte Müntefering seine inoffizielle Stellenbeschreibung im Buch der Bücher, genauer gesagt im Neuen Testament, in jenen Zeilen, wo Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, der sich um einen von Räubern Gepeinigten kümmert, während etwa ein Priester an dem leidenden Mann achtlos vorübergeht. Zusammengefasst dreht sich die Erzählung also um das Thema Nächstenliebe, die Hilfe für Menschen, ohne Blick auf deren sozialen Status oder Herkunft.

Dann gibt es die Geschichte weitaus jüngeren Datums des Politikers Franz Müntefering, niedergeschrieben von einer Journalist im Jahre 2006 nach Christi Geburt in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Wenig barmherziges weiß die Schreibende über den damaligen Arbeitsminister zu berichten. Als die im Bundestag vereinigte Sozialdemokratie gemeinsam zu Tisch sitzt, rechnet der SPD-Linke Ottmar Schreiner mit den Hartz IV Gesetzen ab.

Müntefering, bis heute ein Verfechter der Agenda 2010, lässt sich daraufhin zu dem von ihm falsch vorgetragenen und an wenig Nächstenliebe erinnernden Bibelvers »Nur wer arbeitet, soll auch essen« hinreißen. Richtig aber hätte es laut des Apostel Paulus lauten müssen: »Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen.« In Anbetracht der damals von der offiziellen Statistik erfassten Herscharr von fünf Millionen Arbeitslosen ein für bürgerliche Verhältnisse offensichtlicher Affront.

Der neu gewählte Chef der Barmherzigen unterstellte mit seiner Aussage damals jedem Joblosen somit Selbstverschulden. Im Grunde beschrieb Müntefering nur, was Hartz IV für Betroffene bedeutet - nämlich Arbeitszwang unter Androhung von Sanktionen. Mit der Philosophie des barmherzigen Samariters hat diese Sicht nichts gemein. Robert D. Meyer

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