nd-aktuell.de / 30.05.2013 / Kultur / Seite 17

Nachhaltig und gerecht

Sozialökologische Transformation als Ausweg aus den Krisen

Michael Brie

Die tiefe Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus, die sich verschärfenden Zivilisationskrisen, neue Kriege der USA und der NATO sowie die emanzipatorischen Widerstandsbewegungen unserer Zeit sind der aktuelle Hintergrund für das hier anzuzeigende Buch. Was hebt es aus der Flut von Publikationen zur Thematik heraus? Wieso sollten dieses Buch Linke lesen?

Erstens, weil hier eine Perspektive von unten geboten wird. Das Buch steht im tiefen Widerspruch zu Publikationen der »Green Growth Leader« und elitärer Think Tanks, die Antworten auf die ökologische Frage in einem weitgehend technokratisch von oben gesteuerten Prozess finden wollen und dabei zwangsläufig vor allem auf veränderte Strategien der Herrschenden setzen. Gramsci nannte solche Veränderungen »passive Revolution«. Die Autoren dieses Buches dagegen weisen auf die »Interessen der Schwächsten« in Deutschland, Europa wie der Weltgesellschaft hin.

Sie blicken systematisch und konsequent »von unten« auf die Probleme und erarbeiten eine dezidiert sozialistische Perspektive. Sie legen den »Glutkern« des Marxismus frei, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. Sie meinen mit »nachhaltiger und gerechter Problemlösung« Wandlungen im Leben und Zusammenleben der Menschen, »die immer zuerst die Lebensbedingungen der sozial und global Schwächsten verbessern, ihre Position in den Gesellschaften stärken und zugleich die Grenzen für die Selbstbestimmung der Einzelnen und die Reproduktion der Gesellschaft/der Menschheit zurückdrängen«. Zugleich betonen sie, dass ohne die »Mobilisierung jener, die selbstbestimmt, solidarisch und ökologisch verantwortungsvoll handeln wollen«, die bescheidensten Reformen im Ansatz steckenbleiben, wie der »Atomausstieg« bewiesen hat.

Zweitens ist der Blick auf die realen Machtstrukturen gerichtet. Anstelle der oft nur abstrakten Kritik »des Kapitals« oder der »herrschenden Eliten« werden in diesem Buch die konkreten »Kapitaloligarchien« benannt, die die Herrschaftsknoten der heutigen Gesellschaften kontrollieren. Es ist eine »Herrschaft der Wenigen« (Aristoteles), die sich daraus ergibt, so die Verfasser, dass sie die Kontrolle über die zentralen Ressourcenflüsse ausüben, um ihre Vorherrschaft zu reproduzieren. Dies generiere ein gemeinsames Interesse und Handeln der Eigentümer, Finanziers, Manager, Staatsbediensteten, Politiker, Anwälte, Berater, Militärs, »Sicherheitsspezialisten«, wissenschaftlichen Eliten und Funktionäre internationaler Organisationen.

Die Analyse der Kapitaloligarchien nimmt konkrete Gestalt an, wenn das »zerstörerische Quartett« von Energiewirtschaft, Transportwirtschaft, Agrarbusiness und Militärisch-Industriellem Komplex in den Blick gerät. Hier sind die ressourcenverbrauchenden Bereiche vor allem konzentriert. Der Hightech-Bereich der Informations- und Kommunikationsindustrien und die globale Finanzindustrie ergänzen dieses Viereck zu einem Sextett, vernetzen es einerseits zu einer komplexen Hightech-Produktionsweise und unterwerfen es andererseits dem Rhythmus der entfesselten globalen Kapitalverwertung. Gemeinsam peitschen sie Umwälzung wie Zerstörung voran.

Drittens zeichnet das Buch die aufgezeigten Alternativen aus. »Was tun, wenn eigentlich nichts geht?« Es gibt keinen Grund, regungslos auf das Unheil zu starren. Auch Minderheiten von links können etwas bewegen. Entlang der Achsen von Subsistenzwirtschaft und Ökosozialismus, demokratischer Partizipation und echter Nachhaltigkeit wird Alternativen nachgespürt. Die Autoren konstatieren, dass gerade im Zeitalter »der Globalisierung« die lokale und regionale Entwicklung im Zentrum der drei strategischen Handlungsfelder - gegen Privatisierung, Konzernpraktiken und zerstörerische Großprojekte - steht. Vor allem in den Regionen kämen am ehesten jene Akteure aus unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen zusammen, deren Allianzen erforderlich seien, um gesellschaftliche Standards und Regeln für die öffentlichen Finanzen zu setzen sowie den Energie-, Transport-, Landwirtschafts- und High-Tech-Bereich um- und den Sicherheitsapparat abzubauen. Eben jene Akteure sind es auch, die wider soziale und ökologische Zerstörung streiten. Wie schwierig aber ist es, diese regionalen und lokalen Kämpfe zu transnationalisieren!

Viertens stellen die Autoren Grundelemente einer Transformation der Gesellschaft vor, die alle Lebensbereiche, jedes Feld von Produktion und Reproduktion, alle Macht- und Eigentumsverhältnisse grundlegend umwälzen würde. Dies ist kein Green New Deal und kein Grüner Kapitalismus. Es ist ein konkreter Ansatz, »Realpolitik wie positive Utopie«, der »unversöhnlichen Kampf und Kompromiss« verbindet. Wie die neue »Vergesellschaftungsform« konkret aussehen wird, kann nicht vorausgesagt werden. Das Buch bietet nicht »die« Lösung, nicht »die« Antwort. Es formuliert Fragen neu - ein wichtiger Schritt für Antworten und Lösungen.

Lutz Brangsch/Judith Dellheim/ Joachim H. Spangenberg/Frieder Otto Wolf: Den Krisen entkommen. Sozialökologische Transformation. Hg. v. Rosa-Luxemburg-Stiftung. Karl Dietz Verlag, Berlin. 257 S, br., 14,95 €.