nd-aktuell.de / 30.05.2014 / Politik / Seite 13

Holländischer Bahnhof entsteht in Stralsund

Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern lösen sich mit neuen Aufträgen aus der Abhängigkeit der Schiffbaubranche

Martina Rathke, Stralsund
Komplex gebogene Stahlbauteile für Megayachten oder den Flugzeugbau sowie spektakuläre Architekturbauten werden bei den Stralsunder Firmen Ostseestaal und Formstaal gebaut.

Wie ein Riese überragt die große Schiffbauhalle der insolventen Stralsunder Volkswerft in Mecklenburg-Vorpommern das Firmengelände der beiden Stahlbaufirmen Ostseestaal und Formstaal. Doch während auf dem Werftgelände die Arbeiten weitgehend ruhen, werden auf dem Nachbargelände tonnenschwere Stahlkomponenten geschweißt, geschnitten und gepresst.

Die Unternehmen haben sich aus der Abhängigkeit der Schiffbaubranche lösen können. »Wir haben es geschafft, die Abhängigkeit vom Schiffbau von 100 auf 50 Prozent reduzieren und durch andere Auftragsfelder ausgleichen zu können«, so der Ostseestaal-Prokurist und Formstaal-Geschäftsführer Thomas Kühmstedt.

Derzeit entsteht auf dem Gelände der beiden Firmen eine 510 Tonnen schwere Dachkonstruktion für den neuen Hauptbahnhof in der niederländischen Stadt Arnheim. Die Komponenten für das extravagant geschwungene Stahldach sollen im Herbst nach Arnheim geliefert werden, sagt Projektleiter André von Oehsen. Auftraggeber für den ungewöhnlichen Architekturbau ist die Niederländische Bahn. Das Auftragsvolumen liegt im einstelligen Millionenbereich.

Mit der Brücke der Marina Hotels über der Formel-1-Strecke in Abu Dhabi (2009), dem Porsche Pavillon in Wolfsburg (2012) oder dem National Convention Centre in Doha (Katar/2009) haben sich die Stralsunder einen Namen gemacht. Aus den kühnen Architekturentwürfen konstruieren die Ingenieure und Planer Bauteile, die herstellbar, zerlegbar und transportierbar sind.

Im Jahr 2000 begann Ostseestaal - Tochter der niederländischen Central Industry Group - in Stralsund mit der Produktion von kompliziert gebogenen, kaltgepressten Stahlbaukomponenten für den Schiffbau. Gezielt hatte das Unternehmen damals die Nähe zur Volkswerft gesucht und in ihr über Jahre auch einen verlässlichen Partner gehabt.

Allein zehn Prozent des Auftragsvolumens kamen früher von der Stralsunder Werft, wie Kühmstedt berichtet. Die Fähigkeiten der Stralsunder waren bereits damals auf anderen Werften in den Niederlanden, Polen, Russland oder auch in asiatischen Ländern gefragt. Durch neuartige Technologien sei das Unternehmen weltweit konkurrenzfähig, erklärt der Ostseestaal-Manager Michael Schulze. »Wir können dadurch deutsche Qualität zu polnischen Preisen anbieten.«

Doch mit dem Beginn der Schiffbaukrise musste das Unternehmen umsteuern und suchte sich seitdem Auftraggeber, die ebenfalls komplexe geformte Stahlbausegmente benötigen. »Ein Hocker kann auf drei Beinen auch besser stehen als auf einem«, sagt Schulze.

Am Standort in Stralsund sind heute rund 150 feste Mitarbeiter beschäftigt. Daneben gibt es aber auch atypische Beschäftigungsformen. Je nach Auftragslage werden zwischen 20 bis 50 Leiharbeiter beschäftigt. Der Umsatz liege laut Manager Schulze bei rund 25 Millionen Euro im Jahr. Während Ostseestaal die Stahl- und Alubleche zuschneidet und verformt, werden in dem Nachbarunternehmen Formstaal die Komponenten dann zusammengeschweißt. Das niederländische Mutter-Unternehmen von Ostseestaal hält knapp 25 Prozent an der Formstaal GmbH. Auch personell sind die Firmen miteinander verflochten.

Ostseestaal und Formstaal sind inzwischen im Komponentenbau für die Offshore-, Flugzeug- und Windkraft-Industrie aktiv. So entstehen aus einem Spezialstahl mit einem 36-prozentigen Nickelanteil Formen für Kunststoffteile von Flugzeugen, die in Autoklaven bei hohen Temperaturen und Drücken passgenau in Form gebracht werden. Die Stahlformen müssen sich in dem Autoklaven genauso verhalten wie der Kunststoff - ansonsten würde die Tragfläche oder das Rumpfteil deformiert oder gar reißen, erklärt von Oehsen.

Zu den Kunden der Firmen gehören unter anderem Airbus, Boeing - oder auch Nordic Yards, für die Ostseestaal Fundamentelemente oder Kabelumführungen für Offshore-Plattformen baute. dpa/nd