nd-aktuell.de / 19.09.2014 / Kultur / Seite 14

Bebels Antikriegskampf

LESEPROBE

Dieses Buch ist ein Beitrag zur Sozialismus-Forschung und insbesondere zur Erkenntnis dessen, was August Bebel dachte und wollte. Es lässt Bebel nicht nur erneut in seiner auch im Reichstag ausgesprochenen Sorge vor einem europäischen Krieg aus der militaristischen Gesinnung des von Preußen beherrschten Kaiserreiches und seiner Rüstungspolitik erkennen, sondern auch in einem bisher unbekannten eigenwilligen Versuch, dieser Kriegsgefahr zu begegnen. In Gesprächen und im Briefwechsel mit dem ihm befreundeten englischen Generalkonsul Angst in Zürich während der Jahre 1910 bis 1913 gab Bebel wiederholt seiner Überzeugung Ausdruck, dass Europa am Vorabend des schrecklichsten Krieges stehe, den es je gegeben habe, und dass es an England sei, sich des von Deutschland bedrohenden Anschlags auf seine Seeherrschaft bewußt zu sein und entsprechend zu handeln ...

Als das Deutsche Kaiserreich 1871 in Versailles ausgerufen wurde, saßen August Bebel und Wilhelm Liebknecht und andere Sozialdemokraten in Gefängnissen, weil sie sich gegen den nationalistischen Übermut des Sieges über Frankreich und gegen die Annektion von Elsaß-Lothringen geäußert hatten. Seitdem galten die Sozialdemokraten als »vaterlandslose Gesellen«, mit denen jeder Umgang verpönt war; sie blieben für die Regierungen des Kaiserreiches und des Bürgertums »vaterlandslose Gesellen« bis zum Ersten Weltkrieg. Den nach Bebels Urteil aus Deutschland heraufziehenden Krieg aus deutscher Kraft abzuwehren, sah Bebel keine Möglichkeit, insbesondere auch nicht durch die SPD. Die Reichsregierung war ja unabhängig vom Reichstag. Sie war vorgegeben aus den Vollmachten des nach Bebels Urteil gefährlich unberechenbaren Kaisers Wilhelm II. Sie hatte ihren Rückhalt an Preußen mit seinem Dreiklassenwahlrecht. Im Reich waren die Sozialdemokraten trotz gleichen Wahlrechts durch die Einteilung der Wahlkreise benachteiligt, so dass ihre wachsende Stimmenzahl immer noch nicht zu voller Auswirkung kam, als sie 1912 zur stärksten Fraktion im Reichstag wurden.

Aus dem Vorwort von Gustav W. Heinemann zur Erstauflage des mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung neu edierten Buches von Helmut Bley »Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung 1904 - 1913« (Offizin, 299 S., br., 19,80 €).