nd-aktuell.de / 12.12.2014 / Berlin / Seite 10

Die neue Frau von Friedland

Verlegerin Margot Prust bemüht sich um das Werk des Dichters Adalbert von Chamisso

Steffi Prutean
Im 18. Jahrhundert führten die Frauen von Friedland einen literarischen Salon im Oderbruch. Auch wenn es ihr Schloss nicht mehr gibt: der Salon erlebt eine Renaissance.

Für Margot Prust ist es der Dreiklang, den sie so mag: Ein guter Ort zum Arbeiten und Wohnen, der literarische Hintergrund und die Weite der Landschaft. Seit zehn Jahren lebt die Buchgestalterin und Verlegerin im Oderbruch, gelegen zwischen Berlin und der polnischen Grenze. Fast genauso lange engagiert sie sich für Adelbert von Chamisso, der in dem Dorf Kunersdorf 1813 die Novelle »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« geschrieben hat. An diesem Samstag um 15 Uhr eröffnet das Kleist-Museum Frankfurt (Oder) dazu eine Ausstellung. Einen Tag später um 15 Uhr wird das sogenannte Buntbuch Nr. 55 »Chamisso in Kunersdorf« von Monika Sproll im Chamisso-Literaturhaus vorgestellt.

Wenn Prust über ihre Zeit in Kunersdorf spricht, fällt oft das Wort Fügung. Über Jahre hatte sie mit Freunden ein großes Bauernhaus im Oderbruch gesucht. Sie waren in Neuenhagen bei Berlin ansässig und wollten sich verändern. Mit der einstigen Dépendance von Kunersdorf fanden sie ein Domizil. Der Gemeinderat stimmte dem Konzept, das kulturhistorische Erbe zu bewahren, zu. Dann kam der 21. Dezember 2005. »Ich habe an einem Tag ein Haus verkauft und ein anders Haus gekauft«, erinnert sich die 68-jährige Prust.

In Kunersdorf waren im 18. Jahrhundert die Frauen von Friedland aktiv, die nicht nur ihre Güter reformierten, sondern auch das Schloss zu einem märkischen Musensitz entwickelten. Daran knüpften die neuen Entdecker an. »In der Region war Chamisso so unbekannt, obwohl er zu den größten Dichters der Romantik zählt«, beschreibt Margot Prust die Ausgangssituation. Nach Gesprächen, so mit der Autorin Regina Scheer (»Machandel«), gründeten sie die Chamisso-Gesellschaft. »Die gab es in der Bundesrepublik nicht.«

Inzwischen hat die Gesellschaft 83 Mitglieder und gute Kontakte zu den Nachfahren des dichtenden Naturforschers. »Chamisso ist meine Berufung, macht mir viel Freude«, betont Prust. Über 400 Werkausgaben gibt es vom Schlemihl, alle unterschiedlich illustriert, in 60 Sprachen übersetzt. Der Dichter hat auch das Pflanzenverzeichnis der Friedländer Güter fortgeführt, in dem 1700 Gewächse bestimmt sind. »Wir wollen erforschen, was sein Anteil daran war«, denkt Prust schon Jahre voraus.

Chamissos Nachlass befindet sich in der Staatsbibliothek Berlin, das Pflanzenverzeichnis teilweise im Botanischen Garten zu Berlin und der Nachlass seiner Weltreise in der Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Für die Forschung bietet Chamisso noch viele Ansatzpunkte. »Da gibt es noch viel, was wir präsentieren wollen. Wir sehen uns als kleine populärwissenschaftliche Außenstation«, beschreibt Prust die Rolle des Musenhofes samt Literaturhaus.

Zum Gebäude, in dem der Findling-Verlag untergebracht ist, gehört der Küchengarten des einstigen Schlosses. »Wir möchten den historischen Musenhof in zeitgenössischer Form wiederbeleben und einen kulturell-künstlerischen Austausch im Oderbruch anstoßen, wo mehr als 80 Künstler leben.« Über Kleinode in der Region könne der Tourismus stärker angekurbelt werden.

»Das Engagement in Kunersdorf ist wirklich aller Ehren wert und ein tolles Ergebnis der Eigeninitiative von Frau Prust«, sagt Hans-Georg Moek, Sprecher des Brandenburger Kulturministeriums. Der Kunersdorfer Musenhof habe sich durch privates ehrenamtliches Engagement zu einem Gedenkort für Adelbert von Chamisso und die Frauen von Friedland entwickelt und die Gründung der Chamisso-Gesellschaft bewirkt. »Wir haben die Einrichtung daher auch immer wieder projektbezogen gefördert, zuletzt 2013.«

Bereits jetzt kommen Besucher mit Bussen nach Kunersdorf - vor allem wegen der angrenzenden klassizistischen Grabkolonnaden von Carl Gotthard Langhans. Sie besuchen dann auch das Literaturhaus mit seiner Ausstellung. »Unsere Besucher, im Schnitt 2000 pro Jahr, kommen von außerhalb«, sagt Prust.

Das Desinteresse der Einheimischen beunruhigt die Hausherrin nicht: »In vergleichbaren Kultureinrichtungen in der Region, wie dem Theater am Rand in Zollbrücke, ist das ähnlich.« Für die Zukunft suchen die Frauen von Kunersdorf nach einem Modell, um die Stätte auch künftig der Öffentlichkeit zu erhalten. »Das müssen wir hier in den nächsten Jahren stemmen.« Und dabei hofft Prust auf eine Fügung: »Alles, was ich bisher hier in die Hand genommen habe, ist ohne Komplikationen gelaufen.« dpa