Fachmann mit sozialer Kompetenz

LINKE nominierte den jungen Verwaltungswirt Sebastian Kullack als Landrat in Oberhavel

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
In Oberhavel wird ein Nachfolger für Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD) gesucht, weil dieser Innenminister geworden ist. Die LINKE musste länger nach einem Kandidaten suchen als geglaubt.

Eine Sache musste Sebastian Kullack noch am Telefon klären. Er legt den Hörer auf und tippt etwas in seinen Computer. Jetzt ist alles klar mit der Buchung der Flüge. Die Kollegin kann ihre Dienstreise antreten. Der Personalstab der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der sich unter anderem mit der Abrechnung von Reisekosten und der Zahlung der Gehälter befasst, hat auch kurz vor Jahresende viel zu tun. 2010 hat Kullack bei der Stiftung angefangen. Sein Schreibtisch steht im nd-Hochhaus am Berliner Franz-Mehring-Platz, Zimmer 339. Gegenüber sitzt die Anzeigenabteilung der Tageszeitung. Seinen Job an den Nagel zu hängen, das hatte Kullack eigentlich nicht vor. Doch am 22. Februar oder am 8. März könnte es dazu kommen. Dann wird im Kreis Oberhavel der neue Landrats gewählt. Der 22. Februar ist der erste Abstimmungstermin. Eine Stichwahl würde am 8. März stattfinden.

Die LINKE hat den 32-jährigen Kullack aufgestellt. Mit 95,9 Prozent der Stimmen wurde er Mitte Dezember nominiert. Es wurde auch Zeit. Weil der bisherige Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD) zum Innenminister aufrückte, wird ein Nachfolger benötigt. Die Konkurrenz hatte sich schnell auf ihre Kandidaten festgelegt. Die SPD schickt den Bildungs- und Finanzdezernenten Ludger Weskamp ins Rennen, die CDU den Kreistagsabgeordneten Matthias Rink.

Die LINKE hinkte hinterher. Eigentlich wollte sie einen Namen etliche Tage früher nennen. Doch bei der Suche nach einem geeigneten Personalvorschlag musste die Partei Rückschläge hinnehmen. Hohen Neuendorfs Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung und Templins Bürgermeister Detlef Tabbert wurden beispielsweise gefragt. Doch beide sagten ab. Kullack war am Ende eine Art Verlegenheitslösung, wie er freimütig einräumt. Zurückgesetzt fühlt er sich deswegen nicht. »Es gab eine lange Liste mit acht Namen«, sagt er - und auf dieser Liste stand er auch. Dass die anderen zuerst gefragt worden sind, empfindet er als logisch. Gestandene Männer mit Erfahrung wie Hartung und Tabbert wären zweifellos vorzuziehen gewesen, meint Kullack bescheiden.

Nach einer Notlösung sieht der 32-Jährige aber ganz und gar nicht aus, wenn man sich ihn und seine Qualifikation so anschaut. Ein Studium der Verwaltungswissenschaft hat er in Berlin mit Diplom abgeschlossen und sowohl beruflich als auch kommunalpolitisch Erfahrungen gesammelt. Ab 2008 leitete er den Sozialausschuss der Stadtverordnetenversammlung seiner Heimat Hohen Neuendorf. Im Ortsteil Bergfelde ist er aufgewachsen, und dort hat er sich mit seiner Partnerin ein altes Haus gekauft. Eine Tochter ist unterwegs. Sie wird im März zur Welt kommen.

Dass sind auch die Gründe, warum Kullack kürzer getreten ist und bei der Kommunalwahl am 25. Mai nicht wieder kandidierte, sich mit einer politischen Tätigkeit als sachkundiger Einwohner begnügte. Es sollte mehr Zeit sein für das mit großer Freunde erwartete Kind und die Sanierung des Eigenheims. »Denn wenn ich etwas mache, dann will ich es zu 100 Prozent machen«, sagt Kullack entschlossen.

Man darf ihm glauben, dass er sich voller Elan in die neue Aufgabe als Landrat stürzen und für frischen Wind in der Kreisverwaltung sorgen würde. »Der Spruch: ›Das haben wir immer so gemacht‹ - ich glaube, der ist in jeder Verwaltung in der Wand eingraviert«, bemerkt er lächelnd. »Man sieht es nur nicht, weil es hinter der Tapete versteckt ist.« Kullack liegt an bürgerfreundlichen Behörden, die den Menschen helfen und bei finanziellen Forderungen ihren Ermessensspielraum ausnutzen anstatt bei Steuern, Beiträgen und Gebühren an die Oberkante zu gehen - mit dem Gedanken, nur nichts zu verschenken.

Auf die Liste mit den Personalverschlägen ist Kullack nicht nur wegen seiner fachlichen Fähigkeiten gekommen. Nominiert wurde der Verwaltungswirt am Ende auch wegen seiner »sozialen Kompetenz«, wie der Kreisvorsitzende Lukas Lüdtke betont.

Nach dem Abschluss der 10. Klasse machte Kullack in einem Restaurant eine Lehre als Koch. Als er damit fertig war, habe es in diesem Beruf damals aber nur zwei Perspektiven gegeben: »Entweder Du fährst zur See oder Du gehst in die Schweiz.« Getrennt von den Verwandten leben, kam für Kullack aber nicht in Frage. Deshalb machte er das Abitur nach und nahm ein Studium auf. Nachdem er als Zivildienstleistender mit geistig und körperlich behinderten Kindern arbeitete, hätte er sich eine Zukunft als Sozialpädagoge vorstellen können. Doch in dieser begehrten Fachrichtung bekam er keinen Studienplatz. Deshalb wurde es die Verwaltungswissenschaft.

Bevor es mit der Anstellung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung klappte, musste Kullack sich drei Monate lang mit Hartz IV über Wasser halten. »Es war schlimm«, sagt er. Selbst für einen Verwaltungswirt wie ihn war die Antragstellung kompliziert und das Geld kam erst nach wochenlangem Kampf. »Ich kann jetzt verstehen, wenn sich Leute nicht mehr anders zu helfen wissen, als im Jobcenter herumzuschreien.« Bei einem Vorstellungsgespräch als Vermittler bei der Arbeitsagentur erhielt Kullack auch noch Einblick in die andere Seite. Da wurden die Erwerbslosen als Produkt klassifiziert und er sollte sich entscheiden, ob er einer Baufirma von zwei qualifizierten Schweißern den jungen oder den alten Mann anbieten würde. Den Alten, dachte Kullack, denn der Junge habe bessere Chancen, noch allein etwas zu finden. Aber nein, wurde Kullack bedeutet. Der Alte sei doch längst rausgerechnet aus der Statistik, seine Vermittlung nicht wichtig. Diese Sichtweise hat Kullack erschüttert.

Über seine Erfolgsaussichten bei der Landratswahl macht sich Kullack keine Illusionen. Er mimt keine übertriebene Zuversicht, wie das Politiker aus taktischen Gründen oft tun. Kullack gilt als ein Mensch, der vorsichtig kalkuliert. Trotzdem rechnet er sich eine gewisse Chance doch aus. »Nein, ich würde es nicht als aussichtslos betrachten«, antwortet er nach einem Moment des Überlegens auf die Frage nach seiner Prognose. Immerhin sei der Landtagsabgeordneten Kornelia Wehlan (LINKE) auch eine Überraschung gelungen. Sie ist Landrätin in Teltow-Fläming geworden. Wehlan hatte ihre Mitbewerber im Frühjahr 2013 in der Direktwahl klar distanziert und war nur knapp an der Mindestwahlbeteiligung gescheitert. Das erzeugte Druck, so dass Wehlan schließlich vom Kreistag zur Landrätin gekürt wurde.

Das mindestens 15 Prozent der Wahlberechtigten für den Sieger einer gültigen Landratsdirektwahl gestimmt haben müssen, sieht Kullack denn auch als größtes Problem. Die meisten Einwohner wissen nicht einmal, dass die Landräte in Brandenburg seit 2010 von ihnen selbst gewählt werden können, hat er bemerkt. Bisher scheiterten sechs von neun Landratsdirektwahlen am Desinteresse der Bürger. Das wurmt die LINKE, die sich für die Einführung der Direktwahl stark gemacht hatte. In Oberhavel wollen die Sozialisten jetzt extra darum werben, dass sich die Menschen an der Wahl beteiligen.

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