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Rauchbombe und Auto-Attacke

Ermittlungen nach Angriffen auf Flüchtlingsunterkunft und eine Lokalpolitikerin im Norden

  • Von Olaf Harning, Norderstedt
  • Lesedauer: 3 Min.
Besorgnis haben zwei offenbar fremdenfeindlich motivierte Anschläge in Schleswig-Holstein ausgelöst. Die Stimmung in den beiden Gemeinden spiegeln diese Vorfälle jedoch nur begrenzt wider.

Für die Männer aus Syrien und Afghanistan war es ein Schock: Als sie am vergangenen Freitag gegen 22 Uhr aus ihrer Unterkunft in der ehemaligen Grabauer Mühle - sie liegt in Schleswig-Holsteins Landkreis Stormarn - geklingelt wurden, empfing sie im Treppenhaus bereits dichter Qualm. »Ich konnte nicht mal einen Meter weit gucken«, berichtete ein Syrer. Er warnte seine Mitbewohner und flüchtete mit ihnen ins Freie. Mithilfe von Handtüchern gelang es einem der Flüchtlinge schließlich, die unmittelbar vor ihrer Wohnungstür gezündete Nebelkerze anzufassen und hinauszuschleudern. Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand.

Zwar ist auch Tage nach der Attacke noch unklar, wer die im Internet erhältliche Rauchbombe im Treppenhaus der von neun Männern bewohnten Unterkunft deponiert hat. Allgemein befürchtet aber wird ein fremdenfeindlicher Hintergrund, das bestätigte am Montag auch die Lübecker Staatsanwaltschaft: »Das ist selbstverständlich kein Willkommensgruß«, so Günter Möller, der schon 1992 die Ermittlungen nach dem tödlichen Brandanschlag auf zwei türkische Familien in Mölln führte. »Die Art und Weise der Ausführung, das angegangene Objekt, das alles spricht für mich dafür, dass dies ein Anschlag aus der extrem rechten Ecke war«, sagte Möller. Einschlägige Schmierereien oder Bekennerschreiben wurden jedoch nicht gefunden, die Staatsanwaltschaft setzte eine Belohnung von 5000 Euro für sachdienliche Hinweise aus.

Für Rätselraten sorgt indes ein Angriff auf die stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Boostedt im benachbarten Kreis Segeberg. Wie erst jetzt bekannt wurde, war Marina Weber (FDP) bereits am 5. Dezember beim abendlichen Spaziergang angefahren worden. Offenbar gezielt, denn sie trug eine gelbe Warnweste, war auf dem Gehweg unterwegs und das Unfallfahrzeug war unbeleuchtet und fuhr nach dem Zusammenprall einfach davon. Zwei gebrochene Rippen und Prellungen trug die Kommunalpolitikerin davon. Weil das Land Schleswig-Holstein demnächst bis zu 500 Flüchtlinge in der Boostedter Rantzau-Kaserne unterbringen will und Weber sich zur Verantwortung der Gemeinde bekannte, war sie im Internet zuletzt mehrfach angegangen worden - auch von organisierten Rechtsextremisten. Daher liegt auch in diesem Fall ein fremdenfeindlicher Hintergrund nahe. Der Kieler Staatsschutz ermittelt.

Immerhin: Die Stimmung in den beiden Gemeinden im nördlichen Umland Hamburgs spiegeln die Vorfälle nur sehr begrenzt wider. So hat sich die Aufregung über die geplante Unterkunft in Boostedt gelegt. Sowohl ein kirchlicher Arbeitskreis, als auch der frisch gegründete Verein »Willkommen in Boostedt« wollen die Flüchtlinge in Empfang nehmen. Dass es noch vor Monaten eine »ruppige Einwohnerversammlung« gab und die NPD im Ort Flugblätter verteilt, sieht Bürgermeister Hartmut König (CDU) gelassen: »Das spiegelt in keinem Fall die Einstellung der Boostedter Bürger wider.«

Und auch in der 800-Einwohner-Gemeinde Grabau sind die neun Asylbewerber in der alten Mühle und ihre Nachbarn nach dem Rauchbombenanschlag noch enger zusammengerückt, als ohnehin schon. »Grabau ist ja ein Dorf, das selber aus Flüchtlingen besteht«, erinnerte eine Anwohnerin an die Fluchtbewegungen des Jahres 1945: »Letztendlich ist es ja dasselbe, ob die Menschen aus Ostpreußen, Afghanistan oder Syrien kommen.« Am Sonnabend soll es von 11 bis 14 Uhr eine Solidaritäts-Kundgebung für alle Flüchtlinge vor dem Blauen Haus auf der Hude in Bad Oldesloe geben.

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