nd-aktuell.de / 08.04.2015 / Kommentare / Seite 4

Unter Geiern

Bernd Zeller versucht sich als Journalisten-Versteher und ruft nach der Ständigen Allzweck-Kommission

Bernd Zeller

Unser heutiger Bericht widmet sich dem richtigen Umgang seitens der Presse und der Politik mit unvorhergesehenen Katastrophen. Momentan weiß man nur, wie man damit nicht umgehen sollte, nämlich so wie geschehen.

Man handelt sich leicht den Ruf eines Journalistenverstehers ein, wenn man sagt, die Leute machen nur ihre Arbeit. Das Problem liegt darin, dass die anderen Journalisten auch nur ihre Arbeit machen und es darum geht, schneller zu sein als die und nun vielleicht nicht gerade besser, aber wenigstens gefühlsintensiver und neuigkeitsträchtiger oder eben nur schneller. Die Journalisten wähnen sich in einem Informationsauftrag gegenüber den Lesern und Zuschauern, den ihnen zwar keiner von denen erteilt hat, aber wenn alle zuschauen und lesen, stimmen sie schlüssig der Aufgabenverteilung zu.

Es wäre übertrieben, den Medien eine Geiermentalität vorzuwerfen, zumal nicht einmal Geier eine solche besitzen. Geier haben eine ökologische Funktion, Medien hingegen nicht. Dafür verzichten Geier völlig darauf, kompetent und seriös wirken zu wollen. Dass sie sich auch nicht um die herrschenden Stimmungen und Gefühle kümmern, lässt sie erst einmal unsympathisch erscheinen, aber nur ohne direkten Vergleich zu Journalisten.

Was man den Presseleuten nachsehen muss, ist, dass sie im Falle einer Katastrophe ihr professionelles Geschick anwenden wollen, wie es sonst nur in der Sportberichterstattung benötigt wird. Üblicherweise besteht die Arbeit der Redaktionen in der Verarbeitung von Pressemitteilungen, mit denen sie überschüttet werden. Recherche ist höchstens noch, irgendwas bei Google einzutippen. Eine Katastrophe bietet den willkommenen Anlass, wenn auch keinen schönen, jenseits von Verlautbarungen etwas zu erforschen. Besonders, wenn keine Rücksichten auf Interessen wichtiger Kräfte zu nehmen sind. Dass dann gleich gar keine Rücksicht genommen wird, ist bedauerlich, jedoch Ausdruck demokratischer Werte, zu denen die Pressefreiheit gehört.

Denselben Vorteil nutzen Politiker, die sich nicht erst absichern müssen, was zu sagen wäre und ob nicht jemand beleidigt sein könnte, und die mit ungeahnten Vorschlägen ihre Analyse- und Handlungsfähigkeit zum Ausdruck bringen. Am beliebtesten sind die Forderung nach dem Einsatz eines einfachen Mittels, für das sie selbst gar nicht zuständig sind und das international beschlossen werden müsste, und die Einsetzung einer Kommission.

Hier wäre im Interesse der Steuerzahler zu fragen, ob es wirklich immer wieder eine neue Kommission sein muss, deren Einsetzung nach einem Unglück vorgenommen wird, oder ob nicht eine ständige schnelle Eingreifkommission genügt, die einmal mit anerkannten Experten besetzt wird und sofort bereitsteht für einen Bericht an die Politiker und Medienleute.

Eine Gelegenheit könnte der Atomstreit mit Iran sein. Iran hat in Verhandlungen durchgesetzt, die Voraussetzungen für den Ausstieg aus der Atomkraft zu schaffen. Sigmar Gabriel könnte sich nebenbei die Kanzlerkandidatur sichern, wenn er bei gegebenem Anlass sofort eine Expertenkommission parat hat, um die Energiewende in Iran zu vollziehen. Die Kanzlerin hätte sicher nichts dagegen, allerdings müssten sich beide zuvor mit der Türkei abstimmen hinsichtlich der Formulierungen. Vorfälle von historischer Relevanz bewertet man lieber nicht auf eigene Verantwortung, um sich nicht als Sieger der Geschichte aufzuspielen. 100 Jahre nach betrüblichen Zusammenstößen zwischen Türken und Armeniern kann die übergroße Koalition ja auch nicht politisch unsensibel auf Prinzipien pochen, sondern muss sich nach den tatsächlichen Konstellationen richten bei dem, was sie plaudert.

Katastrophen, die die Koalition auslöst, fallen zum Glück nicht unter die Katastrophenberichterstattung, sondern werden von Pressemitteilungen und Hintergrundgesprächen vorbereitet und medial begleitet.