nd-aktuell.de / 29.06.2015 / Kultur / Seite 15

Chef mit Leseschwäche

Julian Reichelt, bild.de

Jürgen Amendt

Journalismus ist ein Beruf, den man erlernen kann. Im Regelfall absolviert man während des Studiums ein Praktikum und volontiert nach erfolgreichem Examen noch zwei Jahre bei einer Zeitung oder einem Sender. Für die Berufsausübung ist allerdings logisches Denken erforderlich; man muss z.B. in der Lage sein, Informationen, die nichts miteinander zu tun haben, säuberlich zu trennen, damit keine falschen Schlüsse gezogen werden. Nehmen wir folgendes Beispiel. 2013 hatte der »Spiegel« berichtet, dass die NSA jahrelang Merkels Handy abgehört hat. Der Verfasser des Textes hielt es für möglich, dass US-Dienste auch Wirtschaftsspionage betreiben. Anschließend heißt es: »Falls Edward Snowdens Dokumente eines bewiesen haben, dann dies: Alles, was gedacht wird, wird auch getan, das war schon bei Dürrenmatts Physikern so«. Ein Praktikant, der meint, mit diesem Satz belegen zu können, dass die Dokumente zu den Merkel-Abhör-Enthüllungen von Snowden stammten, kann nicht damit rechnen, dass der Artikel das Wohlgefallen des redigierenden Redakteurs erhält.

Julian Reichelt hat genau einen solchen logischen Fehlschluss gezogen, darf allerdings trotzdem weiter sein Praktikum als Chef von bild.de fortsetzen. Sein »Ausbilder«, Gleen Greenwald, der 2013 die von Edward Snowden zugespielten geheimen NSA-Dokumente veröffentlichte, versuchte dieser Tage per Twitter vergeblich, Reichelt auf seinen Irrtum aufmerksam zu machen. Reichelt, seit Februar Chefredakteur von bild.de, zeigte sich beratungsresistent und beschimpfte Greenwald als »pöbelnden Ideologen«. Der schlug zurück und nannte Reichelt einen »sleazy tabloid editor« (»schmieriger Boulevard-Redakteur«). Auch die Versuche von anderen, Reichelt auf seinen Lesefehler aufmerksam zu machen, scheiterten. Der gebürtige Hamburger (Jg. 1980) und ehemalige »Bild«-Volontär gab sich bis zum Schluss hanseatisch stur.

Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf: Ist die Unfähigkeit zum logischen Denken möglicherweise bei »Bild« Voraussetzung, um Karriere zu machen?