Über Madrid nach Deutschland zurück

Das lange erwartete Lexikon deutscher Spanienkämpfer ist endlich erschienen

Ocho, ocho«, pflegte mein Großvater zu sagen, wenn er uns Kinder warnen wollte: Seid wachsam. Dabei zog er mit dem linken Zeigefinger das linke Augenlid hinunter. Gängige Geste unter Spanienkämpfern: Achtung, der Faschist lauert überall. Ojo heißt im Spanischen das Auge.

Wachsamkeit ist angesichts neofaschistischer Umtriebe auch heute geboten. Und da ist es gut, wenn an den früheren antifaschistischen Kampf erinnert wird. Das lange angekündigte und spannend erwartete biografische Lexikon deutscher Spanienkämpfer ist endlich erschienen. Schade, dass Hans Landauer es nicht mehr erlebte. Der im Juli vergangenen Jahres verstorbene österreichische Interbrigadist und Überlebender des KZ Dachau hat als Mitarbeiter des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes bereits vor Jahren ein Lexikon über seine in Spanien 1936 bis 1938 kämpfenden Landsleute vorgelegt - und die deutschen Kameraden gern geneckt, dass sie ein solches noch nicht zu Wege gebracht haben. Auch nicht zu DDR-Zeiten, als es doch für antifaschistische Forschungen und Publikationen reichlich moralische und finanzielle Unterstützung gab.

Nun, dieses Lexikon wäre in der DDR so nicht auf den Markt gelangt. Das wird schon bei der Lektüre des Vorworts deutlich, in dem die Herausgeber Werner Abel und Enrico Hilbert die Motivation der 4500 Deutschen beschreiben, die sich auf teils abenteuerlichsten Wegen nach Spanien durchschlugen, um die Volksfrontrepublik gegen Franco, Hitler und Mussolini zu verteidigen: »Nur über Madrid kommen wir nach Deutschland zurück«, ließ Gustav Regler in seiner Autobiografie »Ohr des Malchus« Hans Beimler sagen, und George Orwell schrieb 1938 in »Hommage to Catalonia«: »Als die Kämpfe am 18. Juli (1936, K.V.) begannen, spürte wahrscheinlich jeder Antifaschist in Europa eine erregende Hoffnung, denn hier stand anscheinend endlich die Demokratie gegen den Faschismus auf.« Regler und Orwell galten als Unpersonen.

Aber auch weniger namhafte Spanienkämpfer wurden in der DDR zeitweilig beargwöhnt, als »Westemigranten« stigmatisiert oder gerieten gar in den Sog der fürchterlichen Field-Affäre Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre. Sie wären in einem DDR-»Biolex«, so sie nicht berühmte Namen trugen, verschwiegen worden. Abel & Hilbert strebten weitestmögliche Vollständigkeit an, ohne Rücksicht auf Brüche in Nachkriegsbiografien oder auch Auseinandersetzungen, Ausgrenzungen und Ausschreitungen bereits während des Spanienkrieges. Die Editoren betonen aber auch: »Die Erinnerung an den Abwehrkampf in Spanien gehörte von Anfang an zur antifaschistischen Erinnerungskultur der DDR.« Und: »Die DDR ehrte ihre Spanienkämpfer.« Fakt bleibt: Außer einigen Memoiren und belletristischen Werken kam in der DDR nur eine zweibändige Edition mit episodischen Erinnerungen von etwa (immerhin) 200 Spanienkämpfern heraus: »Brigada Internacional«.

Schlimmer dran waren die ehemaligen Interbrigadisten in der Bundesrepublik; man verweigerte ihnen nicht nur Wiedergutmachung und Rentenansprüche, sondern zerrte sie auch vor Gericht. Und noch heute - da keiner mehr lebt - wird deren antifaschistischer Widerstand offiziell nicht gewürdigt. Lediglich dem Zufall, dass eine Handvoll Spanienkämpfer im 1. Deutschen Bundestag saß, verdankt sich, dass auf der die Namen aller Abgeordneter seit 1949 ausweisenden Wand im Parlamentsgebäude auch Interbrigadisten zu finden sind. Zu einer expliziten Ehrung hat sich das Hohe Haus noch nicht bequemt, trotz stetiger Erinnerung durch die Linken. Und trotz eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers, der aus Spanien für norwegische Blätter berichtete und zugleich Verbindungsmann zwischen der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und der spanischen POUM war. Willy Brandt fehlt übrigens in diesem Lexikon nicht.

Ich freute mich, auf meinen Großvater und dessen Bruder zu stoßen, die in der antifaschistischen Abwehrfront auf unterschiedlichen Posten standen, der eine auf moskau-kommunistischer, der andere auf anarcho-kommunistischer Seite. Das Lexikon grenzt dankenswerterweise nicht aus, zollt gleichen Respekt allen Antifaschisten, ob Kommunisten, Linkssozialisten oder Libertären, die in Spanien eine Chance sahen, den sich über Europa ausbreitenden Faschismus zurückzudrängen und »die Demütigungen der verlorenen Kämpfe der Vergangenheit zu rächen«.

Abel & Hilbert verweisen auch auf die sich mit der Madrider Volksfrontregierung verbindende Aussicht auf eine soziale Revolution. Sie wurde von Moskauer Abgesandten und der spanischen KP nicht gutgeheißen respektive sukzessive sabotiert. Denn erst müsse die Schlacht gegen den Faschismus gewonnen werden. Ein einleuchtendes Argument. Wie auch das Gegenargument nicht einer gewissen Logik entbehrt: Die Revolution würde die soziale Basis des Abwehrkampfes verbreitern. Wie auch immer, tatsächlich haben zuvörderst kommunistische Parteien und die Komintern zur Solidarität mit dem spanischen Volk aufgerufen, während die westlichen Demokratien sich an ihre feige Appeasement-Formel »Non-Intervention« hielten, worauf Rainer Trosstorff in seinem historischen Exkurs verweist. Angenehm, dass der Vorspann knapp gehalten ist, denn es geht um die Helden des antifaschistischen Kampfes. Die Biografien unterscheiden sich freilich im Umfang; von einigen ist nur die Zugehörigkeit zu einer Einheit oder der Ort, an dem er oder sie fiel, bekannt. Gut, dass auch sie aufgenommen sind. Die Publikation mag eine Spur eröffnen.

Kurzum: eine verdienstvolle Edition, an der viele seit vielen Jahren wirkten und die im Ausland schon hoch gelobt wurde. Hoffentlich findet sie auch hierzulande die ihr gebührende Anerkennung. Man ist gespannt auf den zweiten Band, der die stenografischen Lebensläufe atmosphärisch mit Fotos, zeitgenössischen Texten sowie Erlebnisberichten bereichern soll. Willy Münzenberg wird dann mit von der Partie sein.

Werner Abel/Enrico Hilbert : »Sie werden nicht durchkommen«. Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution. Edition AV. 567 S., br., 45 €; Buchpremiere mit Abel, Dieter Nelles und Harald Wittstock heute, 19 Uhr, Franz-Mehring-Pl. 1, Berlin; Moderation: Karlen Vesper

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