nd-aktuell.de / 16.09.2015 / Politik / Seite 7

Am Stacheldraht vor der EU

Flüchtlinge können nicht mehr nach Ungarn

Thomas Roser, Horgos
Nach dem Inkrafttreten von Ungarns Notstandsgesetzen hängen Tausende Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Serbien und dem neuen Grenzwall fest. Immer neue kommen hinzu.

Vergeblich rütteln die verhinderten Grenzgänger am Tor. Nur zwei Meter ist Maher nach seiner 16-tägigen Odyssee aus seiner Heimatstadt Damaskus vom scheinbar nahen Ziel EU entfernt. Doch zwischen ihm und dem blauen Schild mit dem Sternenbanner ist nun am Grenzübergang Horgos 2 Stacheldraht aufgebaut.

Stoisch lassen die ungarischen Grenzwächter in den blauen Kampfanzügen die wütenden oder bittenden Zurufe der im Niemandsland zu Serbien ausgesperrten Flüchtlinge über sich ergehen. Seine Freunde hätten in der Nacht die Grenzpassage durch die Wälder gewagt: »Die sind jetzt in Wien«, seufzt der Student. »Wir versuchten es auf dem legalen Weg und können nun weder vor noch zurück. Wir hängen fest.«

Zelte, Übertragungswagen und die Kleintransporter der Hilfsorganisationen versperren die Zufahrtsstraße zum Grenzübergang. Ratlos ziehen lange Kolonnen von Menschen über die nahe Autobahn. Vor einer Containertür im Stacheldrahtzaun suchen Hunderte Einlass in eine abgezäunte »Transitzone«. Doch nur wenige werden in unregelmäßigen Abständen zur Abnahme von Fingerabdrücken und dem Stellen eines aussichtslosen Asylantrags herein gelassen.

Mal geht das Grenztor kurz auf, dann wird unvermittelt die gesamte Autobahn mit Hilfe beweglicher Tore komplett abgesperrt. Noch sei schwer vorherzusehen, wie die Flüchtlinge auf die Abriegelung des Grenzübergangs reagieren werden, sagt in der Morgensonne der Arzt Johannes Kortmann von der deutschen Hilfsorganisation »Humatica«. »Die Situation ändert sich ständig.«

Apathie und Wut machen sich bei den Flüchtlingen breit. Schon 13 Tage ist der stoppelbärtige Basel mit drei Freunden aus Damaskus zu seiner Familie unterwegs, die in Dortmund lebt. Wie es weitergehen soll, wisse er nicht, sagt der Rechtsanwalt im abgezäunten Niemandsland verbittert. »Wir haben kein Geld mehr, jeder hat uns unterwegs abkassiert - und fast all unser Gepäck wurde von Dieben gestohlen. Und nun scheint das hier unsere neue Heimat zu werden.«

1300 Menschen hatten die Nacht vor den Grenzübergängen verbracht. Ihre Zahl ist im Lauf des Dienstags bald auf mehrere Tausend angestiegen. Belgrad werde keine von Ungarn ins Niemandsland abgeschobenen Flüchtlinge zurücknehmen, hatte am Vorabend Serbiens Sozialminister Aleksander Vulin gewarnt. Doch die meisten der in Horgos Ausgesperrten scheinen an einen längeren Aufenthalt in ihrem unfreiwilligen Gastland ohnehin kein Interesse zu haben. »Wir wollen nicht zurück. Nachher stecken uns die Serben in ein Lager«, sagt Maher: »Heute warten wir noch ab. Wenn die Grenze zu bleibt, versuchen eben auch wir den illegalen Weg über die Grenze.«

Nördlich der Grenze wird aufgeräumt. Neben den Zäunen des leer gefegten ungarischen Aufnahmelagers in Röszke sammeln Müllmänner Zelte, Taschen und Abfallberge ein. Auch die Hilfsorganisationen brechen ihre Zelte ab. Die meisten ihrer Kleintransporte fahren in den serbischen Süden, andere nach Norden. »Habt ihr schon eine Mitfahrgelegenheit nach Wien?«, fragt eine blonde Helferin ihre sich verabschiedenden Mitstreiter.

Das nur vier Fahrstunden entfernte Österreich ist für jene hinter den Zäunen im drei Kilometer entfernten Horgos wieder ein sehr fernes Ziel. »Wo sollen wir hin?«, fragt am Ortsausgang von Horgos ratlos der braun gebrannte Kifa. Zwei Wochen hat der kräftige Syrer mit seinem Vater unermüdlich Berge, ein Meer und Grenzen überquert. Doch nach dem vergeblichen Marsch über den abgesperrten Schienenstrang weiß der Französisch-Lehrer aus Damaskus nicht mehr weiter: »Gibt es von Serbien noch einen anderen Weg nach Wien? Wie weit weg ist Slowenien?«