nd-aktuell.de / 02.01.2016 / Kultur / Seite 26

Ich zeig’ dir was, was du nicht siehst

Studie belegt: Wer mit der Hand auf etwas hinweist, muss mit Missverständnissen rechnen. Von Frank Ufen

Frank Ufen

Der Mensch - so behauptet der amerikanische Anthropologe Michael Tomasello - ist der einzige Primat, der nur überleben kann, wenn er mit seinen Artgenossen durch ein Netzwerk von Beziehungen der Kooperation verknüpft ist und wenn er sich mit ihnen verständigt, um seine und ihre Handlungen aufeinander abzustimmen. Hierbei dürfte er - vermutet Tomasello weiter - von Anfang an Zeigegesten verwendet haben, um die Aufmerksamkeit von anderen auf bestimmte Dinge zu lenken. Doch während Zeigegesten für die menschliche Kommunikation und Interaktion eine Schlüsselrolle spielen, können Menschenaffen mit ihnen nicht viel anfangen. Sogar unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, lassen es dabei bewenden, hin und wieder mit dem Finger auf etwas zu deuten, an das sie unbedingt gelangen wollen. Es fällt ihnen allerdings nicht im Traum ein, Zeigegesten zu benutzen, um ihren Artgenossen etwas mitzuteilen.

Für Menschen gehört der Gebrauch des Zeigefingers zum wichtigsten Werkzeug der Alltagskommunikation überhaupt, Doch merkwürdigerweise kommt es hierbei immer wieder zu Missverständnissen. Dauernd passiert es, dass man jemanden auf etwas hinweisen will, das ziemlich weit entfernt oder nicht leicht zu erkennen ist. Doch der andere kann die Stelle nicht finden, auf die man mit dem Finger deutet, und ist verwirrt und ratlos.

Um den Ursachen für diese unerwarteten Missverständnisse auf den Grund zu kommen, haben die Würzburger Psychologen Oliver Herbort und Wilfried Kunde kürzlich ein raffiniertes Experiment durchgeführt. Über ihre Forschungsergebnisse berichten sie im Fachjournal »Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance« (Bd. 42, S. 78).

In ihrem Experiment ließen die Würzburger Psychologen 64 Testpersonen mit dem Finger auf Zahlen deuten, die ihnen kurz zuvor mitgeteilt worden waren. Die Zahlen waren auf einem von oben nach unten verlaufenden Zahlenstrahl angeordnet. Jeweils zwei Probanden bildeten ein Gespann, und immer wenn eine der beiden Testpersonen auf eine Stelle gezeigt hatte, sollte die andere möglichst genau dorthin mit dem ausgestreckten Zeigefinger weisen. Immer wenn der Adressat einer Zeigegeste sie korrekt interpretierte, mussten er und sein Gegenüber also auf dieselbe Zahl deuten. Doch in den allermeisten Fällen wurden die Gesten falsch verstanden. Immer wieder war zu beobachten, dass die Ziele der Zeigegesten von den Versuchspartnern viel zu hoch lokalisiert wurden. Dass es zu solchen systematischen Abweichungen kommt, ist laut Herbort und Kunde darauf zurückzuführen, dass diejenigen, die auf Objekte in ihrer Umgebung deuten, und diejenigen, die darauf reagieren, verschiedene Perspektiven einnehmen und verschiedene geometrische Regeln anwenden. »Die geometrischen Regeln, die beschreiben, auf welche Art eine Person auf etwas zeigt, unterscheiden sich von den Regeln, die zur Interpretation von Zeigegesten herangezogen werden«, erklärt Herbort. Das heißt: Wer auf etwas zeigt, bringt unwillkürlich die Spitze seines Zeigefingers, seine Augen und das anvisierte Objekt auf eine Linie. Derjenige hingegen, an den die Zeigegeste gerichtet ist, nimmt sie aus einer Außenperspektive wahr und neigt dazu, sich an der Stellung der Schulter und des ausgestreckten Arms zu orientieren. Und deswegen blickt er dann weiter nach oben, als er sollte.