Ausgabe vom 25.10.2008

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Unten links

Nun spielt die Krise total verrückt. Die Nachfrage nach Rohöl ist drastisch gesunken. Finanzexperten bewerten die Stimmung am Ölmarkt als »extrem schlecht«: Der Preis für einen Barrel Rohöl hat sich binnen Wochen auf rund 60 US-Dollar mehr als halbiert. Zwar winken den Verbrauchern damit fallende (natürlich nicht halbierte) Preise bei Benzin und Heizöl – aber das kann ja nicht der Sinn einer...

ndPlusHans-Gerd Öfinger, Wiesbaden

Rot-Grün in Hessen steht

SPD und Grüne haben sich am Freitag endgültig auf die Bildung einer Minderheitsregierung in Hessen geeinigt.

ndPlusManfred Schell

Welche Bahn wollen wir?

Für kommenden Montag war der Börsengang der Deutschen Bahn geplant, der Termin wurde aufgrund der Finanzkrise verschoben. Leider gerät in Deutschland vieles zu schnell in Vergessenheit. Bereits im Jahre 2006, so lautete die Bahnbotschaft, sei die Deutsche Bahn AG kapitalmarkt-, also börsenfähig gewesen. Der Bahnvorstand, insbesondere dessen Vorsitzender Hartmut Mehdorn, und der Aufsichtsrat wusste...

Krise hat Europa im Griff

Während die Börsen weltweit erneut einen Tag der Kursstürze erlebten, nahmen in Berlin die Gremien des Rettungsfonds für die deutschen Banken ihre Arbeit auf.

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Ansatz mit globaler Wirkung

In der Berliner Humboldt Universität treffen sich beim dritten deutschsprachigen Grundeinkommens-Kongress dieses Wochenende Befürworter des Modells aus Österreich, der Schweiz und Deutschland. Auch Vertreter aus Entwicklungsländern und vom internationalen Netzwerk BIEN (Basic Income Earth Network) reisen an.

ndPlusSusanne Götze

In der LINKEN umstritten

Das Thema Grundeinkommen ist hoch sensibel. Linke Politiker wie Aktivisten wirken merkwürdig angespannt, wenn es zur Sprache kommt. Das Grundeinkommen hat mittlerweile schon eine linke Parteigeschichte.

»Unsere Welt hat viel zu bieten«

»Unsere Welt hat viel zu bieten«

ND: Bitte erklären Sie zunächst kurz Ihre Grundeinkommens-Projekte? Unaeb: Ich bin von der lutherischen Kirche, die zusammen mit anderen Organisationen das Basic Income Grant-Projekt in Namibia betreut. Wir starteten ein Pilotprojekt in einer kleinen Gemeinde namens Otijvero, 120 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Windhoek. Jeder Einwohner dieser Gemeinde, außer die Bezieher der staatlichen Rente...

Die dritte Säule der Demokratie
Ekkehard Krippendorf

Die dritte Säule der Demokratie

»Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek« heißt die vom Deutschen Bibliotheksverband organisierte bundesweite Werbewoche für das Lesen und die dazu unverzichtbaren öffentlichen Bibliotheken.

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Milde Strafe für geistigen Brandstifter
Peter Kirschey

Milde Strafe für geistigen Brandstifter

Der Berliner Landesvorsitzende der rechtsextremen NPD, Jörg Hähnel, wurde gestern wegen »öffentlicher Billigung von Straftaten« zu einer Geldstrafe von 4500 Euro verurteilt.

ndPlusLutz Debus, Duisburg

Kirchturm, Schornstein, Minarett

Die Pflastersteine auf dem Bürgersteig wurden erst vor wenigen Tagen verlegt. Eile ist geboten, denn am Sonntag soll die dann größte Moschee Deutschlands eingeweiht werden. Nicht in Berlin, Hamburg, München oder einer anderen Metropole des Landes steht das für 1200 Betende ausgerichtete Gebäude mit dem 34 Meter hohen Minarett, sondern in Duisburg, am Rande des nördlichen Stadtteils Marxloh. Im Vor...

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ndPlusOlaf Standke

Keine Hintertüren

Am Sonntag beginnt eine weltweite Aktionswoche zum Verbot von Streumunition. Dabei haben Aktivisten in über 60 Ländern die erste Dezemberwoche im Auge. Dann nämlich soll in Oslo die »Convention on Cluster Munitions« unterzeichnet werden. Im Mai hatten sich nach langjährigen zähen Verhandlungen 107 Staaten in Dublin auf einen Vertragstext zum Verbot dieser vor allem für die Zivilbevölkerung so verh...

ndPlusDieter Janke

Bazillus steckt Rente an

In Krisenzeiten schießen Verschwörungstheorien bekanntlich ins Kraut. Eine besagt, die Bush-Administration habe Lehman Brothers vorsätzlich kollabieren lassen, um den finanziellen Flächenbrand über die Landesgrenzen zu tragen und bei ihren Gegenstrategien Europa und Asien mit ins Boot zu holen. Niemand weiß freilich, wie viel Realismus bei solchen Gedankenspielen mit von der Partie ist. Wie die Bu...

Silvia Ottow

Adieu, Solidarität . . .

Ein Gesundheitsökonom hat eine neue Versicherung erfunden. Hurra, werden die Gesellschaften rufen, die schon jetzt alle Mühe haben, ihren Kunden noch diese und jene Police aufzuschwatzen. Denn dieses Mal handelt es sich um eine Gesundheitspolice und was soll noch laufen in diesen schwierigen Zeiten, wenn nicht das? Die Idee ist, dass der gesetzlich Krankenversicherte jeden Monat 40 Euro zusätzlich...

ndPlusJan Freitag

»Digger Alder«

Wer Mehmet Kurtulus spielen sieht, könnte glatt Angst vor ihm kriegen. Schließlich hat ihn sein Freund und Leibregisseur Fatih Akin oft als türkischen Kleingangster besetzt. Kein Wunder also, dass Kurtulus, der schon 1974 als Zweijähriger nach Salzgitter kam, da etwas geraderücken möchte. Denn eigentlich, sagt der Schauspieler, »bin ich absolut handzahm«. Und weil er zwar irgendwie südländisch aus...

Als Pfarrer gegen Pro Reli?

ND: Sie haben sich als Pfarrer, der im Ruhestand lebt, an die Öffentlichkeit gewandt und mit einem Offenen Brief gegen das Volksbegehren Pro Reli protestiert. Warum? Lotz: Weil ich denke, der Offene Brief wird nicht nur vom Adressaten – dem protestantischen Bischof Wolfgang Huber – gelesen und vielleicht zur Seite, in den Papierkorb, getan, sondern es können ihn andere in den Zeitungen...

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Schwarz-Gelb im Kommen, Kemmer will bleiben

CSU und FDP sind am Freitag in München zu ihrer entscheidenden Runde der Koalitionsverhandlungen zusammengekommen. Überschattet wurden die Verhandlungen vom Machtkampf im BayernLB-Verwaltungsrat um die Ablösung von Bank-Chef Michael Kemmer.

Reimar Paul

Die Mühen der Landtagsebene

Christel Wegner, DKP-Mitglied und ursprünglich auf der Linkspartei-Liste in den niedersächsischen Landtag gelangt, ist bundesweit bekannt. Grund waren Äußerungen über Geheimdienste im Sozialismus, die zu Schlagzeilen und Distanzierung führten. Jetzt arbeitet sie weitgehend unbeachtet.

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Ehepaar verlor bei Lehman 12 000 Euro

Frankfurt am Main (AFP/ND). Am Frankfurter Landgericht hat am Freitag ein weiterer Prozess wegen Geschäften mit Wertpapieren der US-Bank Lehman Brothers begonnen. Ein Ehepaar aus Hessen klagt gegen die Frankfurter Sparkasse, weil das Kreditinstitut die Anleger aus deren Sicht nicht ausreichend auf die Risiken hingewiesen habe. Das Paar will erreichen, dass das Kreditinstitut den Kauf der Wertpapie...

Schnüffler im Rampenlicht
ndPlusInes Wallrodt

Schnüffler im Rampenlicht

Viele haben den Preis verdient, aber keiner will ihn haben: Freitagabend wurden in Bielefeld die diesjährigen Big Brother Awards vergeben. Unter den Preisträgern sind Bundestag, Telekom und DAK.

Seite 7

Präsident Uribe unter Druck

In Kolumbien haben Bombenexplosionen mit 16 Verletzten einen von den Gewerkschaften ausgerufenen landesweiten Streiktag überschattet. Sechs Sprengsätze detonierten in verschiedenen vornehmen Vierteln von Bogotá.

Seite 8
ndPlusGregor Putensen

Schelte für Stubb

Seit dem Frühjahr steht Alexander Stubb an der Spitze der finnischen Außenpolitik. Und die politische Kritik am Liebling der Medien wächst.

Gábor Kerényi, Budapest

Budapester flohen am Nationalfeiertag

Zwei Tage vor dem mitterweile von vielen Ungarn gefürchteten Nationalfeiertag am 23. Oktober wurde das Ergebnis der Umfrage eines Forschungs- und Beratungsinstituts publik. Gefragt war die Meinung der Bevölkerung über die Nationalfeiertage. Das überraschende Ergebnis: Das politisch seit Jahren tief gespaltene Land denkt in dieser Frage weitgehend einheitlich.

Seite 9
ndPlusThomas Berger

Prävention mit Geld

Mit einem 10,4 Milliarden australische Dollar (5,5 Milliarden Euro) schweren Finanzpaket will die Regierung das Land wirtschaftlich auf Wachstumskurs halten. Zugleich wurden Vorsorgemaßnahmen verkündet, um ein Überschwappen der globalen Finanzkrise auf den fünften Kontinent weitgehend zu vermeiden.

Ulrike Henning

Scharfe Strafe bei Abtreibung

Die Vereinigung von Fachkräften und Verbänden zu Schwangerschaftsabbruch und Kontrazeption (FIAPAC) führt am 24. und 25. Oktober in Berlin ihren 8. Internationalen Kongress durch. Da nur in wenigen Ländern eine kontinuierliche Fortbildung in diesem Bereich angeboten wird, haben sich für die diesjährige Veranstaltung mehr Teilnehmer angemeldet als Plätze zur Verfügung stehen.

Tobias Müller, Amsterdam

Milliarden für Branchenprimus

Nach einem dramatischen Kursverfall in der vergangenen Woche greift nun auch in den Niederlanden der Staat dem größten Bankversicherer des Landes massiv unter die Arme.

Seite 10
ndPlusAlexander Ludewig

Union schielt nach oben

»Wir können jeden Gegner in der Liga schlagen«, tönt Pavel Dotchev vor dem Duell am Sonnabend (14 Uhr) beim 1. FC Union Berlin. Ganz Unrecht hat der Trainer des SC Paderborn nicht. Nach zehn Spieltagen führen die Ostwestfalen mit nur einer Niederlage das Drittligaklassement an.Etwas zurückhaltender klingen die Worte des Tabellenzweiten aus Köpenick. »Das Spiel gegen Paderborn wird ein echter Gradm...

Erstes Ostderby

Egal mit welchem Beteiligten man im Vorfeld der Bundesligapartie zwischen dem FF USV Jena und Turbine Potsdam spricht – es ist stets ein Kribbeln ob des Ostderbys zu spüren, das am Sonntag (13 Uhr) im Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld seine Premiere im Rahmen der Frauenfußball-Bundesliga erlebt.»Das ist ein sehr interessantes Spiel« erklärt Potsdams Trainer Bernd Schröder. »Wir unterschätzen diese...

ndPlusMark Stralau

»Respekt, aber nicht zu viel«

Am Sonntag reist der Hamburger SV zum Gipfeltreffen der Fußball-Bundesliga. Dass die Hanseaten in der Partie des Tabellenersten gegen den direkten Verfolger mit im Spiel sind, ist nicht unbedingt eine Überraschung. Der Gegner schon: 1899 Hoffenheim.Der Aufsteiger hält sich hartnäckig an der Spitze und begeistert mit berauschendem Offensivfußball. Das Team des früher als Fußballprofessor belächelte...

Alexander Ludewig

Pantelic kam, sah und traf

Lautstark hatten die Fans von Hertha BSC die Einwechslung von Marko Pantelic gefordert. Der Berliner Torjäger saß am Donnerstagabend beim ersten Spiel in der Gruppenphase des UEFA-Pokals gegen Benfica Lissabon 66 Minuten lang auf der Bank. Keine acht Minuten später erzielte der Serbe den Treffer zum 1:1 (0:0)-Endstand. Und wer weiß ob Hertha-Trainer Lucien Favre den 30-Jährigen überhaupt eingesetz...

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»Man kann reden so viel man will,...«

Gesamtweltcupsieger Bode Miller (USA) hat zum wiederholten Mal den Internationalen Ski-Verband FIS attackiert. Vor dem heutigen Auftakt des alpinen Weltcups im österreichischen Sölden warf er den Funktionären vor, sie würden nicht genug für die Sicherheit der Rennläufer tun. »Man kann reden so viel man will – es ändert sich nichts. Es würde sich nicht einmal etwas ändern, wenn einer von uns ...

An die eigene Nase
ndPlusThomas Wieczorek

An die eigene Nase

Was haben sämtliche anderen Sportnationen im Gegensatz zur deutschen gemeinsam? Im Gegensatz zu Deutschland können sie internationale Wettkämpfe nicht ordentlich organisieren. So muss man es jedenfalls annehmen, wenn man hiesigen Medien Glauben schenkt. Stets hinken die Ausländer mit dem Terminplan für den Neubau der Stadien hinterher, die außerdem noch viel zu weit auseinanderliegen. Sie haben ni...

1. e4 wäre schön ...

1. e4 wäre schön ...

Notation der 7. Partie (Damengambit). Weiß: Viswanathan Anand (Indien) - Schwarz: Wladimir Kramnik (Russland) 1.d4 d5; 2.c4 c6; 3.Sf3 Sf6; 4.Sc3 dxc4; 5.a4 Lf5; 6.e3 e6; 7.Lxc4 Lb4; 8.00 Sbd7; 9.De2 ;Lg6 10.e4 00; 11.Ld3 Lh5; 12.e5 Sd5; 13.Sxd5 cxd5; 14.De3 Te8; 15.Se1 Lg6; 16.Lxg6 hxg6; 17.Sd3 Db6; 18.Sxb4 Dxb4; 19.b3 Tac8; 20.La3 Dc3; 21.Tac1 Dxe3; 22.fxe3 f6; 23.Ld6 g5; 24.h3 Kf7; 25.Kf2 Kg6; 2...

ndPlusGünter Berg

Zwischen Ural und Alster

Stress für die Berliner Eishockeybären. Eine solche Woche gab es in der Klubgeschichte noch nie. Fünf Spiele in zehn Tagen und dazu über 6000 Flugkilometer zur Champions League ins ferne russische Magnitogorsk. Insgesamt kann der Deutsche Meister dabei zwölf DEL-Punkte einsammeln, in der Champions League den Gruppensieg ansteuern und 50 000 Euro kassieren.Die Stresswoche zwischen Mannheim und Hamb...

ndPlusMark Wolter

Gelungene Rückkehr in die Eliteliga

Julius Jenkins stand abgetaucht unter einem Handtuch über dem Kopf abseits des Spielfelds in einer Hallenecke. Der sonst beste Punktesammler der Basketballer von Alba Berlin konnte wegen einer allergischen Schockreaktion in der »Crunchtime«, der spielentscheidenden Schlussphase, der ersten Berliner Euroleaguepartie seit vier Jahren nur noch zuschauen und mitzittern. Wie die rund 12 500 Zuschauer i...

Seite 12

Gerichte lahmgelegt

Von Ralf Streck, San SebastianIm spanischen Justizwesen fielen in dieser Woche zahllose Prozesse aus, weil ein Streik der Justizbeamten die Gerichte lahm gelegt hat. Auch Richter, die nicht streiken dürfen, schlossen sich der Kampfansage an die sozialistische Regierung an und hielten zumeist Richterversammlungen ab. Umso konservativer die Region, desto stärker war die Beteiligung an dem Streik. Di...

Seite 13
Vom Leben nichts verlangt
Klaus Bellin

Vom Leben nichts verlangt

Das Gebäude steht heute leer. Hoch über der Tür eine Inschrift: »Haus I«. Hier ist Robert Walser ein- und ausgegangen, der Dichter, der nun Patient war und kein Dichter mehr sein wollte, der nichts mehr schrieb und alles tat, um nicht aufzufallen, ein leiser, höflicher Mensch, der mit »vorbildlichem Eifer« Tag für Tag Papiertüten klebte oder Hülsenfrüchte verlas und sonntags aufbrach zu seinen Wan...

Seite 14
Wandersmann
Gunnar Decker

Wandersmann

Nun also auch er, der liedhafte, der scheinbar für ewig Jugendliche mit seinen langen Haaren, der sich bis zuletzt seine androgyn-erotische Ausstrahlung bewahrt hatte. Mythos »Renft«. Und Peter Gläser war als »Cäsar« die Gegenstimme zu »Monster« (dem wilden Thomas Schoppe). Durch ihn blieb das Lied hörbar im lauten Protestschrei des Rock. Unbeirrbar intensiv in seiner melodiösen Zurückhaltung: ein...

PLATTENBAU
Erik Brandt-Höge

PLATTENBAU

Ende der 90er war er ganz schön hip, ein paar Jahre später in jedem als »Lounge« angekündigten Großstadtcafé zu hören, und heute ist er geradezu gesundgeschrumpft zum Erwachsenengenre: Nu Jazz. DJs entstauben hierfür alte Jazz-, Funk- und Soulplatten und tun sie mit clubtauglicher elektronischer Musik zusammen. Eins der für diesen Stilmix bekanntesten DJ-Kollektive kommt aus Berlin und heißt Jazza...

ndPlusKlaus-Dieter Schönewerk

Dichter und Maler

Mitte des vorigen Jahrhunderts, als das Wort »Herr», das bisher nicht ohne sein Pendant »Knecht« denkbar war, bestenfalls noch als höfliche Anredefloskel brauchbar schien, rief ein junger Lyriker aus Weimar in die Zeit der großen Entwürfe 1949 über alle Grenzen hinweg: »Hallo, Bruder aus Krakau«. In Armin Müllers Geburtsstadt Schweidnitz, nun zu Polen gehörig, war er nicht mehr geduldet. Die Nähe ...

Entschuldigung
ndPlusJindra Kolár, Prag

Entschuldigung

Am Rande der großen politischen Beben, die Prag in diesen Tagen erschüttern, spielt sich noch der »Fall« Milan Kundera ab. Oder ist es am Ende gar kein Fall? Darüber streiten sich zur Zeit hierzulande Historiker, Literaturwissenschaftler, Journalisten und nicht zuletzt der Schriftsteller Milan Kundera selbst.In der Wochenzeitschrift »Respekt« warf der Historiker Adam Hradlinek am 13. Oktober diese...

Seite 15
ndPlusBernd Kammer

Von Narren und Krachern

Eberhard Diepgen ist wieder da. Erst nahm der Ex-Regierende und Ex-CDU-Landeschef seine Partei ins Gebet, dem Kurs des designierten Landesvorsitzenden Frank Henkel zu folgen, dann stellte er sich direkt auf die Kanzel und predigte am Donnerstag in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche über »Kompromisse und Narren in der Politik«. Die Kirche war voll, aber Namen hat Diepgen nicht genannt. * Auch Ve...

Klaus Joachim Herrmann

LINKE Argumentationshilfe zum Streik

Lange Zeit hat Rot-Rot erfolgreich den Eindruck besten Einvernehmens in der Koalition gepflegt. Doch gehören auch Risse ins Bild. Die Verschärfung der Tarifauseinandersetzung mit dem öffentlichen Dienst unterstreicht den derzeit sicher wichtigsten rot-roten Problemfall. »Anders als Teile der SPD hielt und hält DIE LINKE es für selbstverständlich, den Beschäftigten in ihren Tarifforderungen schon j...

Stefan Otto

»Erlaubt ist, was hilft«

Die Schäden durch den einsetzenden Klimawandel sind bereits jetzt enorm. »Das Hochwasser an der Elbe vor sechs Jahren kostete 1,8 Milliarden Euro«, sagte Robert Pohlhausen, Vorsitzender des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), gestern vor Journalisten. »Die Kosten durch Sturmschäden belaufen sich jährlich auf etwa drei Milliarden Euro.« Dabei herrscht in Deutschland noch im...

Seite 16
ndPlusBarbara Staacke

Buffet für bunte Mieter

Es kommt nicht oft vor, dass ein Wohnungsunternehmen seine Mieter monatlich zum Brunch einlädt und das gratis. Für die Genossenschaft »Fortuna« ist das in Marzahn-Mitte seit diesem Sommer gängige Praxis. Doch bevor sich die Gäste an die Tafel setzen, legen sie selbst mit Hand an. Da werden Salate kreiert, Obstteller garniert, Quark und Müsli angerührt. Am Ende lockt ein buntes Büfett, so bunt gemi...

Seite 17
Das Eigene im Fremden
ndPlusVolkmar Draeger

Das Eigene im Fremden

Wohltuend entfernt von den hasserfüllten Gewalttiraden, wie man sie auch auf der Tanzbühne sieht, ist »Ibeji«. Caroline Meyer Picard beginnt ihr Duett in den Sophiensaelen leise und führt es eine Stunde lang mit wundersamer Leichtigkeit bis zum ebenso unspektakulären Finale. Inspirieren ließ sich die französische Choreografin mit Wohnsitz in Berlin von einem alten Ritual der afrikanischen Yoruba-R...

Frecher Abgang, gutes Omen
Lucía Tirado

Frecher Abgang, gutes Omen

Don Christobal schwang sich zum Schluss kichernd aufs Pferd. Gierige Frauen und die Kirche klauten dem alten Geizknochen vorher das Geld. Seine Kinder wollten ihm an den Kragen. Der Tod wollte ihn holen. Allesamt schickte der Grobian sie zur Hölle. Nun zieht er neuen Abenteuern entgegen und beendete mit frechem Abgang als gutes Omen Mittwochabend den am 16.10. mit »Salto. Lamento« begonnenen »Dial...

Oktober
ndPlusChristina Matte

Oktober

I. So etwa müssen die Laubwälder auch vor 60 Jahren geleuchtet haben: entflammt in Zitronen- und Honiggelb, in Rost, Ocker und Orange, in Burgunder- und Purpurrot – noch einmal entzündet im Oktober die Natur ein Feuerwerk, als sollten wir uns sattsehen dürfen, bevor sie sich in Grau kleidet, um bis zum Frühjahr auszuruhen. So etwa hätten die Laubwälder rund um Freileben aussehen können, im O...

Seite 18
Wilfried Neiße

»Absolut neutrale« Studie für neue Tagebaue

Die Konzernspitze von Vattenfall sah sich gestern in ihrem Ziel bestätigt, neue Tagebaue in der Lausitz aufzuschließen. Dabei pochte sie auf die Ergebnisse einer Studie, die einen solchen Schluss tatsächlich nahe legt. Pikanter Weise aber, ohne es genau so deutlich zu sagen.Dass eine von Vattenfall bezahlte Studie zu dem Schluss gelangt, dass die Braunkohle unverzichtbar für die Zukunft der Lausit...

Seite 19
ndPlusPeter Porsch

Über Tote nie Schlechtes

De mortuis nihil nisi bene – dass wirklich Schlechtes über Jörg Haider nach dessen Tod gesagt worden wäre, kann man nicht erkennen, jedenfalls nicht in Österreich und schon gar nicht in Kärnten. Sollte es dort irgendwo der Fall gewesen sein, dann ist es kaum auszumachen, mit großer Vorsicht formuliert, meist hinter vorgehaltener Hand oder nicht zitierbar. Eine – auf ihre Seriosität sto...

»Die Okkupation provoziert den Terror«

»Die Okkupation provoziert den Terror«

Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann ist Sohn deutsch-jüdischer Holocaust-Überlebender. Mit 21 Jahren emigrierte er von Frankfurt am Main nach Israel und war von 2000 bis 2005 Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität in Tel Aviv, wo er heute als Professor für Geschichte und Philosophie am Institute for the History and Philosophie of Science and Ideas tätig ist. Zuckermann veröffentlichte mehrere Beiträge und Bücher über das deutsch-israelische Verhältnis. Zuletzt erschien von ihm »Zeit der Lemminge: Aphorismen« im Wiener Passagen Verlag. Mit Moshe Zuckermann sprach für ND Gerhard Hanloser.

Seite 20

WochenChronik

24. Oktober 1648: Der Dreißigjährige Krieg, der Millionen Tote in Europa kostete, wird mit dem Westfälischen Frieden in Münster beendet. 27. Oktober 1553: Auf Befehl des Reformators Johann Calvin wird der spanische Arzt, Jurist, Religionsphilosoph und Aufklärer Michel Servet in Genf verbrannt. 28. Oktober 1918: Der Deutsche Reichstag nimmt die »Oktoberverfassung«, Reformvorschläge von Reichskanzle...

Masaryks Vision
ndPlusManfred Püschner

Masaryks Vision

Die Tschechoslowakei gibt es nicht mehr. Dieser Staat wurde gebeutelt wie kaum ein anderer. 1938 überließen ihn seine Verbündeten Hitlerdeutschland, das ihn 1939 auslöschte. Und 1968 schickten die (neuen) Verbündeten Panzer. Vier Jahre nach der »samtenen Revolution« von 1989 schließlich wurde der Staat geteilt, ohne die Tschechen und Slowaken zu fragen. Ein gemeinsamer Staat der Tschechen und Slow...

ndPlusManfred Stenner

Gegen den atomaren Wahnsinn

Am 22. Oktober 1983 fanden die größten Friedensdemonstrationen statt, die es jemals in der Bundesrepublik Deutschland gab. In Bonn, Hamburg, Berlin und Süddeutschland gingen weit über eine Million Menschen auf die Straße, um gegen die geplante Stationierung neuer Atomraketen zu demonstrieren. Eine über hundert Kilometer lange Menschenkette bildete sich zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, wo gemäß dem ...

Wahrung geistiger Autonomie
Kurt Schneider

Wahrung geistiger Autonomie

Dem gesamtdeutschen Ansatz linkssozialistischen Denkens nachzugehen, war das erklärte Anliegen der Konferenz »Leo Kofler und Wolfgang Abendroth. Die sozialistische Linke und 1968«, zu der die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen nach Leipzig eingeladen hatte. Sie knüpfte an bisherige Tagungen der Stiftung zum Werk von Walter Markov, Werner Krauss, Ernst Bloch, Fritz Behrens und Emil Fuchs an und setzte...

Walter Schmidt

Flaggenwechsel am Stephansdom

In den Mittagsstunden des 6. Oktober 1848 begann die große Glocke des Wiener Stephansdoms Sturm zu läuten. In der Kaiserstadt war Ungewöhnliches geschehen. Das revolutionär-aktive Wien, Arbeiter, Handwerker und Studenten, hatte sich erhoben, Schienen waren aufgerissen, Bahnbrücken zerstört, Barrikaden errichtet worden. Ziel der Aktionen war, die auf kaiserlichen Befehl gegen die ungarische Revolut...

Seite 21

Riesenmagnet dank Wärme

Auch wenn die heutige Klimaerwärmung die Natur, die uns modernen Menschen so bequem eingerichtet erscheint, ernsthaft zu verändern droht, so hat es doch in der Erdgeschichte schon bei weitem extremere Verhältnisse gegeben – nur eben ohne Menschen. Vor 55 Millionen Jahren, im Paläozän, das ohnehin schon etwas wärmer war als unser heutiges Erdzeitalter, erhöhte sich die Temperatur in weniger a...

ndPlusMartin Koch

Schöpfung im Labor

Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1952. An der University of Chicago besuchte der 22-jährige Student Stanley Miller eine Vorlesung von Chemie-Nobelpreisträger Harold Urey. Der erklärte bei dieser Gelegenheit, dass das Leben vermutlich in einer von Blitzen durchzuckten Uratmosphäre entstanden sei, die vor allem Wasser, Wasserstoff, Ammoniak und Methan enthalten habe. So dachten damals viele Wissens...

Reinhard Renneberg, Hongkong

Karl Marx und die Ameisen

Auch das noch! Nach der ausgestandenen Termiteninvasion zieht sich nun eine mehrspurige Ameisenstraße direkt in meinen Laptop hinein. Was mich gleich auch an die in Europa zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution verbreiteten Vergleiche »meiner Chinesen« in ihrer Mao-Kluft mit einer Schar blauer Ameisen erinnert. Das Bild ist jedoch längst passé, wie man heute schnell erkennt, wenn man abends d...

ndPlusCarola Pahl

Fester Griff mit Motorfingern

So schnell kann’s gehen: Ein leichtsinniger Sprung in den Baggersee oder ein Motorradunfall können eine Querschnittlähmung verursachen. Wenn die Wirbel und das darin verlaufende Rückenmark im Halsbereich verletzt werden, betrifft die Lähmung nicht nur die Beine, sondern auch Arme und Hände. Das nennt man Tetraplegie. Von rund 1800 neuen Patienten, die jährlich zu den rund 60 000 Querschnittg...

Seite 22
Die Zerstörung einer Hoffnung
Gert Eisenbürger

Die Zerstörung einer Hoffnung

Am 25. Oktober 1983 überfielen US-Truppen die Karibikinsel Grenada, mit rund 344 Quadratkilometern und 90 000 Einwohnern eines der kleinsten Länder der Welt. Vorangegangen war der Invasion ein Machtkampf in der revolutionären Führung des Landes, der einen für die gesamte Region hoffnungsvollen politischen und sozialen Prozess blutig beendete.

Seite 23
Günther Frieß

Von Hüttenromantik bis High-Tech-Ausrüstung

Das Cover zeigt einen Ausschnitt aus Ferdinand Hodlers Gemälde »Aufstieg und Absturz« aus dem Jahr 1894. Unsere Vorstellung von den Alpen und dem Bergsteigen ist eine Erfindung, die auf romantischer Überhöhung durch die Kunst basiert. Dieses Bild wird heute revidiert. Derzeit werden die Alpen gleichsam »neu« erfunden, künstlerisch als auch architektonisch, man denke nur an die silbrig glänzende Mo...

Schräges Rindvieh und ermüdende Hunde

Er hatte das Rennen um den »ND-Wanderer 2008« gemacht, besser gesagt: den ND-Leserwettbewerb um die Teilnahme an der »Wanderrallye 2008«. Die führte Matthias Zwirner, der im dänischen Grasten zu Hause ist, zusammen mit mehreren Gleichgesinnten, die von anderen Medien ausgewählt wurden, fast zwei Wochen durch schöne deutsche Lande. Was er unterwegs erlebte, konnten Sie, liebe Leserinnen und Leser, in acht kurzweiligen wie amüsanten Beiträgen lesen. Und: Matthias Zwirner war einer der beiden Gewinner der »Wanderrallye 2008«. Weil er nicht nur gut wanderte, sondern auch reporterte und fotografierte. Aus einer Gruppe, die sich zum Beginn der Rallye nicht kannte, wurden Freunde, die auch weiterhin schöne Landschaften erkunden. Diesmal im Allgäu.

Seite 24

Testspiel

Was war es? Was gabt Radio Moskau am 28. 10. 1962 bekannt? Welche war es? Welche DDR-Fernsehsendung lief am 30. 10. 1989 zum letzten Mal? Wer war es? Wer wurde am 31. 10. 1984 von zwei seiner Leibwächter erschossen?...

ndPlusUdo Bartsch

Kinderbuch

Frederike steckt in einer Zeitschleife. Am letzten Tag der Sommerferien wünscht sie sich, die neue Woche möge nicht beginnen ... und es geschieht! Täglich ist jetzt Sonntag, täglich begegnet sie denselben Leuten und weiß schon vorher, was sie tun und sagen werden. Was anfangs lustig scheint, wird immer belastender: Der Unfall, den Frederike an der Kreuzung beobachtet, lässt sich am Tag darauf zwar...

Glück und Taktik
ndPlusHeiko Frings

Glück und Taktik

Wenn sonst kein Thema passen will – Fantasy passt immer irgendwie. Sind dabei auch noch Drachen im Spiel, umso besser lässt es sich vermarkten. Dabei würde der »Drachenwurf« mit jedem anderen Geflügel oder Schuppentier genauso gut funktionieren, denn bei diesem einfachen Würfelspiel kommt es nur auf die Farbe der Würfelsymbole an. Drei offene Marker gibt es in jedem Zug zu erwürfeln, und wie...

Unerklärliche Aufgabe
Carlos García Hernández, Schachlehrer

Unerklärliche Aufgabe

So wie schon in den Jahren 2004 und 2006 hat der 43-jährige englische Großmeister Nigel Short die diesjährigen Commonwealth-Meisterschaft gewonnen. Es nahmen fast 300 Kontrahenten aus Großbritannien und aus den ehemaligen Englischen Kolonien teil. Der Favorit mit der höchsten ELO-Zahl des Turniers, Nigel Short, spielte anfangs nur schwach. Er schaffte allerdings den Gesamtsieg, weil er die letzten...

René Gralla

Gaudi am Brett

Zwei Männer beiderseits eines Brettes schieben stumm Figuren auf 64 Feldern herum. Zu Beginn und am Ende des Matches ein kurzer Händedruck, das ist das Maximum an Kommunikation. Wie das gerade laufende WM-Duell zwischen Titelverteidiger Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik demonstriert, ist Schach eine ziemlich spröde Angelegenheit, die sich kaum dafür eignet, eine gesellige Runde zu unterhalten...