Ausgabe vom 12.03.2009

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Unten links

»Ich trage keine Uniformen«, wies die Kanzlerin den Befehl des Provinzfürsten Oettinger zurück, endlich »die Uniform der Parteichefin« anzuziehen. Ja ist denn ihre Drei-Knöpfe-Kluft in den drei Pastellfarben keine Uniform?! Gewiss, die kräftig-blaue Bluse mit dem FDJ-Symbol hatte der blonden »Angie« einst besser gestanden. Nur einen Kadetten-Rock trägt der Steinmeier. Noch. Denn da die SPD jetzt d...

Velten Schäfer

VEB neuen Typus'

Es gibt einen Punkt, an dem sich das linke Sentiment mit der Logik des reinen Marktes trifft: Unternehmer, die sich verspekuliert haben, will man untergehen sehen. Sie sollen selbst einmal erleben, wie es ist, wenn ein anonymer Mechanismus über ein Leben den Stab bricht. Dann zumal, wenn sie zuvor so selbstherrlich waren wie die Schaeffler-Dynastie. So verständlich dieses Bauchgefühl sein mag, so ...

16 Tote nach Amoklauf bei Stuttgart

Knapp sieben Jahre nach der Bluttat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hat ein Amoklauf an einer Schule in Baden-Württemberg Entsetzen ausgelöst: Ein 17-Jähriger erschoss am Mittwochmorgen an seiner früheren Realschule in Winnenden nahe Stuttgart neun Schüler und drei Lehrerinnen. Auf seiner Flucht tötete er drei Passanten und nahm sich nach einem Schusswechsel mit der Polizei selbst das Leben. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem Tag der Trauer für ganz Deutschland.

ndPlusHaidy Damm

IG Metall will »Schaeffler in Arbeitnehmerhand«

Nachdem der Autozulieferer Schaeffler den Karren an die Wand gefahren hat, wollen jetzt die Arbeitnehmer das Steuer übernehmen. Gestern legten die IG Metall und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Schweinfurt ein Rettungskonzept vor, mit dem eine Insolvenz verhindert und die Standorte sowie die weltweit etwa 220 000 Arbeitsplätze erhalten werden sollen.

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Jürgen Amendt

Stunde Null in Erfurt

Der Amoklauf des 19-jährigen Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002 stellte eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte dar. Der Schüler hatte an diesem Tag zwölf Lehrer, eine Sekretärin, einen Polizisten, zwei Mitschüler und anschließend sich selbst erschossen. Wenige Tage vor der Tat war der als still und verschlossen geltende Jugendliche von der Schule verwies...

»Er schoss auf alles, was er zu Gesicht bekam«

Entsetzen über einen Amoklauf auch in den USA: Ein Mann hat im Bundesstaat Alabama ein Blutbad angerichtet: In zwei Orten des Bezirks Geneva erschoss er am Dienstag mindestens elf Menschen, bevor er sich selbst tötete. Medienberichten zufolge war der Mann mit einigen seiner Opfer verwandt, andere tötete er wahllos. Sein Motiv war zunächst unklar. »Es war das schlimmste Blutbad in der jüngsten Gesc...

Gesine Kulcke und Jürgen Amendt

»Seltene Form extremer Gewalt«

Die Menschen die Kreisstadt Winnenden, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, stehen unter Schock. Die Albertville Realschule befindet sich mitten in einem Wohngebiet und ist Teil eines Bildungszentrums: zu dem Schulgelände gehören neben der Realschule ein Gymnasium und zwei Hauptschulen. Das Bildungszentrum wird täglich von mehr als 1000 Schülern besucht. Vor einem Jahr gehörte auch Tim K. dazu....

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ndPlusMax Böhnel, New York

Ebbe an »Pier 92«

Dem internationalen Kunstmarkt geht es schlecht. Das spiegelte sich auch auf der New Yorker Messe »Armory Show« wider.

Manfred Loimeier

Antipathie gegen die »Métros«

Frankreich hat Ärger mit seinen Übersee-Départements. Nach dem Ende des Generalstreiks auf Guadeloupe haben die Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und niedrige Löhne nun auf das französische Überseegebiet La Réunion im Indischen Ozean übergegriffen.

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Kodex für soziale Netzwerke

Drei große Internet-Communities in Deutschland wollen ihre jugendlichen Nutzer zu mehr Vorsicht bei der Veröffentlichung persönlicher Daten im Netz bewegen. Dabei soll ein gemeinsamer Verhaltenskodex helfen.

Gabriele Oertel

Müntefering relativiert (etwas) das Verhältnis zur LINKEN

Die Umfragewerte für die Sozialdemokraten bleiben wenig erbaulich: Bei 25 Prozent rangiert ihre Partei derzeit. Und Bundestags- wie Landtagswahlen werfen ihre Schatten voraus. SPD-Chef Franz Müntefering holte gestern darob zu einem leichten Entlastungsschlag aus – und relativierte sein Verhältnis zur linken Konkurrenz.

ndPlusClaus Dümde

Wahl-Rezepte statt Analyse

Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, bis zum Einzug in den Bundestag 2005 Chef eines Gesundheitsinstituts der Uni Köln, hat ein halbes Jahr vor der Wahl ein neues Buch präsentiert: »Gesund im kranken System«.

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ndPlusVelten Schäfer, Schwerin

Diagnose an die Fakultät?

Offenbar um Schwänzer bei Klausuren oder Prüfungen zu enttarnen, greift die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Rostocker Uni zu drastischen Methoden. Seit diesem Semester verlangt ein von ihren Studierenden zu unterzeichnendes Papier von diesen offenbar, im Fall einer Erkrankung bei einem Prüfungstermin, die ärztliche Schweigepflicht in Teilen aufzuheben: »Studierende sind aufgr...

Hendrik Lasch, Magdeburg

Opfer sollen wenigstens fliehen dürfen

In Sachsen-Anhalt sind 2008 zwei Menschen von Rechtsextremen getötet und mindestens 226 verletzt worden, darunter viele Flüchtlinge. Der Verein »Miteinander« fordert für diese bessere Wegzugsmöglichkeiten.

Nicolaus Schütte

Altfallregelung geht nach hinten los

Viele langjährig Geduldete haben lediglich eine »Aufenthaltserlaubnis auf Probe« erhalten. Bis zum Jahresende müssen sie eine eigene Arbeit vorweisen. Ansonsten droht ihnen nächstes Jahr die Abschiebung.

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Protest gegen Terror

In zahlreichen Städten Nordirlands fanden am Mittwoch Aktionen statt, mit denen vor einem Wiederaufflammen des Terrors gewarnt werden sollte. Der britische Premier betonte, die Verantwortlichen für die jüngsten Anschläge würden zur Rechenschaft gezogen.

Jung verbreitet Optimismus

Trotz anhaltender Angriffe und Anschläge der Taliban sieht Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung in Afghanistan eine Stabilisierung der Sicherheitslage.

Washington setzt Peking unter Druck

Die USA haben China nachdrücklich aufgefordert, die Tibet-Politik zu überdenken. Peking warnt angesichts des Vorstoßes vor Schaden in den bilateralen Beziehungen.

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Peter Kirschey

Propagandaschlacht um Raketenstart

Ein nordkoreanischer und ein USA-General sollen sich jüngst zwei Mal in Panmunjom an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea getroffen haben. Der KDVR-Militär habe die Gefährlichkeit und den aggressiven Charakter des laufenden Manövers »Key resolve« entlarvt, heißt es aus Pjöngjang. Man werte diese Kriegsübung als Versuch der USA, Nordkorea zu vernichten, und werde »mächtige Gegenmaßnahmen« und »Vorbereitungen für den Kriegsfall« treffen.

ndPlusRalf Klingsieck, Paris

Sarkozys Streich gegen die Linke

Frankreichs Rechtsregierung schlägt mit der Extremismus-Keule auf die linke Opposition ein. Dazu nutzt sie jetzt auch die Justiz.

Für Wahlen ohne Religionsproporz

Für Wahlen ohne Religionsproporz

Samir Diab ist Mitglied des Politbüros der Libanesischen Kommunistischen Partei (LKP) und weilte kürzlich auf Einladung des Bundesvorstandes der LINKEN in Deutschland. Über die 2008 gebildete Einheitsregierung des Landes, Libanons Perspektiven nach dem jahrelangen Bürgerkrieg und das besondere Wahlsystem der Republik zwischen Mittelmeer, Israel und Syrien sprach mit ihm Patrick Widera.

Seite 8
ndPlusMartin Ling

Kleine Schritte

Raúl Castros Angebot steht: Auf Augenhöhe und ohne Vorbedingungen ist Havanna jederzeit bereit, über das Verhältnis USA-Kuba zu sprechen. Eine klare Antwort von Barack Obama steht weiter aus. Immerhin hat der neue USA-Präsident nun Kurskorrekturen veranlasst. Die von Vorgänger George Bush im Wahlkampf 2004 als Geschenk an die Hardliner in Miami veranlassten massiven Einschränkungen der Besuchs- un...

ndPlusGabriele Oertel

Frühlingserwachen

Politische Normalität sieht anders aus – aber immerhin. Der SPD-Chef will fortan den Mitgliedern der linken Konkurrenz nicht mehr nur mit der DDR-Keule eine überziehen. Nicht nur, weil er freilich selber weiß, dass das im Westen mehrheitlich nur Lacher erzeugt, weil die meisten heutigen Mitglieder der LINKEN dort mit der einstigen SED kaum was am Hut hatten. Und auch nicht nur, weil er endli...

Ines Wallrodt

Mindest-Anstand

Der neue Verhaltenskodex für soziale Netzwerke enthält lediglich Mindestregeln für den Umgang mit persönlichen Daten der Nutzer. Sie gehen kaum über das hinaus, was in den vergangenen Monaten bereits eingeführt wurde. Denn die Aufmerksamkeit hat zugenommen für die Kehrseite des Mitmach-Webs: Das Internet vergisst nichts. Das superwitzige Partyfoto auf dem Tisch des Arbeitgebers hat doch einige Anh...

Jürgen Amendt

Der Konvertit

Das vernichtendste Urteil über Wolfgang Büchners Noch-Arbeitgeber stammt vom renommierten Medienjournalisten Stefan Niggemeier. »›Spiegel Online‹ ist ein Boulevardmedium«, schrieb Niggemeier im Mai vergangenen Jahres in seinem Webblog. Anlass war die Berichterstattung vieler Medien über die Wahl Stanislaw Tillichs zum neuen sächsischen Ministerpräsidenten. »Spiegel Online« hatte eine...

Unzufriedenheit mit der LINKEN?

Unzufriedenheit mit der LINKEN?

ND: Sie sind Sprecher der am vergangenen Freitag gegründeten Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Hartz IV der LINKEN. Was will die neue BAG? Schulten: Die BAG Hartz IV will in erster Linie, dass die Partei da bleibt, wo sie eigentlich herkommt. Die LINKE formierte sich ja auch unter dem Eindruck der Hartz IV-Proteste. Sie steht für eine »neue soziale Idee«, ohne dass diese neue Idee bisher wirklich mi...

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Rainer Funke

Freud und Leid

Zweifelsfrei hat man Schulz anno dazumal übel mitgespielt. Er träumte vom Medizinstudium, wurde wegen mangelnder Potenzen in den Fächern Russisch und Staatsbürgerkunde abgelehnt, um paradoxerweise zum Lehrerstudium der Geschichte an die Leipziger Karl-Marx-Universität »umgelenkt« zu werden. Und so beginnen 1981 die studentischen Freuden und Leiden des jungen Schulz. Ihn ereilt jenes Schicksal, wie...

ndPlusChristel Berger

Lust am Verbotenen

Auf über vierhundert Seiten widmet sich dieses Buch den »heimlichen Lesern« in der DDR. Nein, die verbotene Lektüre unter der Bettdecke, die ich als Kind betrieb, fällt nicht darunter, vielmehr das Sich-Besorgen und Lesen von Druckerzeugnissen »von drüben« ist gemeint. Dazu hat es eine Konferenz in Leipzig gegeben. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag stellten in bewährter Weise, ähnlich wie bei d...

Die Eiswand färbt sich rot
ndPlusKarin Schmidt-Feister

Die Eiswand färbt sich rot

Am Theater Trier stellte Sven Grützmacher die sehr eigene Version eines Ballettklassikers für sein Tanztheaterensemble aus zwölf Damen und Herren vor: »Schwanen. See.« Die ungewöhnlich kühne musikalische Dramaturgie dieser sechszehnteiligen Szenenfolge erwächst aus überzeugender Verbindung von Teilen der originalen Schwanensee-Partitur op. 20 und Tschaikowskis letzter Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 74....

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Die ganz normale »Unreinheit«

Erleben wir in den westlichen Gesellschaften eine Rückverwandlung des Monotheismus der Religionen in einen Polytheismus des Religiösen? Allgemeine Beobachtungen wie auch wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass sich der Einzelne in immer größerer Unabhängigkeit von den institutionalisierten Religionsgemeinschaften seinen eigenen Glaubenskosmos schafft. In seinem neuen Buch »Der eigene Gott. Friedensfähigkeit und Gewaltpotential der Religionen« (Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 275 S., 19,80 Euro) setzt sich der renommierte Münchner Soziologe ULRICH BECK mit diesem neuartigen Phänomen auseinander. Mit ihm sprach für ND ADELBERT REIF.

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STARporträt

STARporträt

Die schöne blonde Amerikanerin (Foto: AFP) liebt die netten, glatten Figuren nicht. Dieser Neigung kommt ihre neue Rolle entgegen – in »Shopaholic« ist sie intrigante Konkurrentin von Isla Fisher, hinsichtlich des Jobs und dem Mann. Leslie Bibb (*17.11.1974 Bismarck/North Dakota) gewann im Alter von 16 Jahren in der Oprah Winfrey Show einen Model-Wettbewerb und machte Karriere, nach einer Sc...

Im Dauerlauf des Lebens

Im Dauerlauf des Lebens

Steve Martin (Fotos: dpa) stieg nach Erfolgen als Stand-up-Comedian und in der innovativen TV-Show »Saturday Night Live« mit Carl Reiners Komödie »Reichtum ist keine Schande«, 1979, ins Filmgeschäft ein. Als Autor, Schauspieler und Produzent prägte er etliche Komödienhits, darunter »Der Vater der Braut« und zuletzt »Im Dutzend billiger«. In »Pink Panther 2« schlüpft er das zweite Mal in die Haut des tapsigen Pariser Polizisten Jacques Clouseau, der nach wie vor auf der Jagd nach dem größten Edelstein der Welt, dem Pink Panther, ist.

Chance verpasst
ndPlusGunnar Decker

Chance verpasst

Wie soll ick Theata machen, wenn alle zum Film gehen!« Derart explodiert Boleslaw Barlog, als er hört, dass seine Entdeckung, die er soeben im Herbst 1945 ans Schlossparktheater geholt hat, schon wieder weg will. »Disziplin im Chaos, unmelodische Ernsthaftigkeit zwischen Zynismus«, so wird sie sehr viel später, in ihrem Buch »Der geschenkte Gaul«, den Theatermacher beschreiben. Aber Hildegard Knef...

Seite 12
ndPlusIrmtraud Gutschke

Aufs Ganze gegangen

Zum Titel »Ruhm« seines jüngsten Romans würde es passen, wenn Daniel Kehlmann den Preis der Leipziger Buchmesse bekäme. Sein unbezweifelbares Erzähltalent spricht dafür. Es ist ja wirklich atemberaubend, wie er in diesem Buch aus neun stilistisch ganz unterschiedlichen Geschichten ein Ganzes formt, indem er, immer wieder überraschend, Schicksale miteinander verknüpft, die eigentlich gar nichts mit...

ndPlusJürgen Engler

Stille nach dem Sturm

Ein Familienroman. Die Handlungszeit reicht von der Kaiserzeit bis zur Berliner Republik. Die Handlungsorte liegen vornehmlich in Ostpreußen, im Oderbruch und in der Niederlausitz. Ein Fotoalbum – »100 Mal geronnener Tod« – ist gleichsam die Quelle dieser Familiensaga. Die Lebenden erwecken in eingehenden Monologen und Dialogen die Toten der Fotos, dringen ein ins genealogische Geflech...

Hanno Harnisch

Der Titel mit vier »f«

Muss man ein Land lieben, nur weil es die Altvorderen hervorgebracht hat? Nicht unbedingt. Aber muss man es aus demselben Grund gleich hassen? Die Eltern der Feuilletonistin Sibylle Lewitscharoff, studierte Literaturwissenschaftlerin und Autorin einiger preisgekrönter Romane, hat es nach dem Zweiten Weltkrieg aus Bulgarien nach Deutschland verschlagen. In der Zeit des Wirtschaftswunders, in der Ha...

Seite 13
ndPlusIrmtraud Gutschke

Befremdeter Blick

Der Preis der Leipziger Buchmesse wäre nicht seine erste literarische Auszeichnung. Jurys mögen ihn: Er ist noch einigermaßen jung, sein Talent ist unbestritten und vielversprechend. Sein sarkastischer Unterton trifft sich mit der Befindlichkeit vieler Feuilletonisten, die ohne Illusionen sind, was heutige bundesdeutsche Wirklichkeit betrifft, und das möglichst brillant umschreiben. Andreas Maier ...

Hans-Dieter Schütt

Würgegriff der Verhältnisse

Auch durch diesen Roman von Wilhelm Genazino spaziert, auf leisesten Sohlen, der Selbstzweifel und bietet allem, was lebt, ein heiteres Du an. Natürlich gibt es die Zupackenden, die von Fröhlichkeit Geschlagenen, jene Nie-zu-kurz-Kommer, die von einem solchen Du nichts wissen wollen, weil sie nur immer Ich sagen. Selbstreferenz lastet aus und verschont davor, unsicher zu werden. Selbstbewusstsein,...

Mathias Runitz

Grammatik der Möglichkeiten

Vor zwanzig Jahren wurde ein Volk in die Freiheit entlassen. Freiheit, welch großes Wort. Julia Schochs Roman erzählt von einer Frau, die daran zugrunde geht.Ein halbes Leben hat diese Frau am nordöstlichen Rand der DDR verbracht, die zweite Hälfte an der nordöstlichen Peripherie der neuen BRD. Ein Ort, zwei Welten. Um ihr vierzigstes Jahr bricht sie erstmals auf in die Ferne. Sie fliegt nach New ...

Seite 14

Asse-Müll stammt meist aus AKW

Berlin (AFP/ND). Die Strahlung der im maroden Atommülllager Asse eingelagerten radioaktiven Abfälle geht laut Bundesumweltministerium zu 71 Prozent auf Brennelemente aus Atomkraftwerken zurück. Daher müssten sich deren Betreiber, die bis heute mit den AKW täglich Millionenbeträge verdienten, auch an den Kosten zur Sanierung von Asse beteiligen, verlangte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am Mitt...

Lebenslänglich für Madoff?

Lebenslänglich für Madoff?

New York (dpa/ND). Der mutmaßliche Milliardenbetrüger Bernard Madoff muss mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft klagte den 70-Jährigen nun offiziell an, für die elf Punkte droht eine Haftstrafe von bis zu 150 Jahren. Madoff will sich nach Angaben seines Anwalts schuldig bekennen. Die Ermittler lehnen einen Deal für ein geringeres Strafmaß ab. Das »Wall Street...

Christian Bunke, Manchester

Bald nur noch »private« Briefe?

Banken erhalten in Großbritannien Finanzspritzen, Großkonzerne hoffen auf Regierungshilfe. Im öffentlichen Sektor scheint jedoch weiter Privatisierung angesagt. Am Dienstag fand im britischen Oberhaus die zweite Lesung eines Gesetzes statt, welches den Verkauf von 30 Prozent der britischen Post vorsieht.

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Zwölf Signale für Europa

Zwölf Signale für Europa

Zwölf Tore in zwei Spielen gegen Sporting Lissabon – Manager ULI HOENEß (Foto: dpa) über den Viertelfinaleinzug der Münchner in der Champions League und ungewünschte Wunschgegner.

Hamburg im Galatasaray-Fieber

Hamburger SV: Für Olcay Beiersdorfer ist die Sache klar. Die Ehefrau von Dietmar Beiersdorfer hält natürlich zu ihrem Mann und damit zum Hamburger SV, wo der 45-Jährige als Sportchef tätig ist. Ihr Vater Oruc Yagbasan allerdings ist glühender Fan von Galatasaray Istanbul und steckt damit heute (18.00/ARD) in einem echten Gewissenskonflikt, wenn beide Teams im Achtelfinal-Hinspiel des UEFA-Pokals i...

Liverpool stürzt die Königlichen

Nur Hohn und Spott für die »Königlichen«. Real Madrid muss sich nach seinem kläglichen Scheitern im Achtelfinale der Champions League inklusive Rekordpleite auf langanhaltende Nachwehen einstellen. »Alles muss erneuert werden – bis hin zur Krone im Vereinswappen«, forderte das Sportblatt »As«. »Diese Real-Elf entspricht nicht einmal den Minimal-anforderungen in Europa«, meinte »Marca«. »Was ...

Wenn der Zweifel mitspringt

In Spanien sind Zweifel am sensationellen 8,71-m-Sprung von Weitsprung-Hallen-Europameister Sebastian Bayer aus Bremen laut geworden. »Das war keiner dieser Sprünge, bei denen Du sagst: Das waren bestimmt ... 8,71«, wird Jose Maria Odriozola, Präsident des spanischen Leichtathletik-Verbandes, in der »Süddeutschen Zeitung« zitiert. Bayer habe seine bis dahin geltende Bestweite von 8,29 m, im ersten...

Seite 16
ndPlusMartin Koch

Vorsicht: Freitag, der 13.!

Viele Menschen werden auf das morgige Datum wohl mit gemischten Gefühlen blicken. Denn hierzulande gilt Freitag, der 13., als Unglückstag. Schon Johann Wolfgang von Goethe, so erzählt die Legende, soll an einem Freitag, dem 13., vorsichtshalber im Bett geblieben sein. Man könnte demnach vermuten, dass die Deutschen sich seit Jahrhunderten bereits vor dem Unglücksfreitag fürchten. Dem ist jedoch ni...

Seite 17

»Berlino« sprintet durch die Stadt

(ND). Dieser Bär mit grünem Leibchen heißt »Berlino« (Foto: dpa) und wird den Berlinern demnächst öfter begegnen: Es ist das Maskottchen der Leichtathletik-WM, die vom 15. bis 23. August in Berlin stattfindet. Wie die Organisatoren gestern bestätigten, habe sich der Name bei über 2100 Vorschlägen durchgesetzt. Zu Beginn der Internet-Abstimmung lagen noch »Käpt'n Blaubahnbär« und »Bäron von Grünsch...

Systemwechsel

Am Ende hat die Koalitionsräson gesiegt. Die Linksfraktion stimmte dem Kompromiss zu den Sozialmieten zu, wenn auch zähneknirschend. Den von Mieterhöhung bedrohten Mietern ist damit noch einmal geholfen, eine Lösung auf Dauer ist die Deckelung der Sozialmieten jedoch nicht. Denn praktisch bedeutet dies, dass durch die Hintertür wieder jene Subventionierung von Wohnungsunternehmen eingeführt wird, ...

Plan gegen Homophobie

(ND-Dürr). SPD- und Linksfraktion im Abgeordnetenhaus wollen sich verstärkt für Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen einsetzen. Gestern stellten sie einen Aktionsplan »Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt« vor. Damit sollen homophobe Einstellungen in der Bevölkerung zurückgedrängt werden. Hintergrund sind die Überfälle der letzten Monate auf Schwule, Lesben und ...

Initiativen zwingen Energieriesen in die Knie
Jörg Meyer

Initiativen zwingen Energieriesen in die Knie

Vorm Roten Rathaus knallten gestern um 12 Uhr mittags die Sektkorken. Gut 25 Aktive der Bürgerinitiative (BI) gegen den Kraftwerksneubau in Rummelsburg, »Berlin-sagt-nein«, hatten sich mit Transparenten, schwarzen Luftballons und einem Grill versammelt, um ihren Sieg gegen den Energiekonzern Vattenfall zu feiern. »Berlin: Vattenfall, 1:0«, stand auf einem Banner. Nachdem es sich vorige Woche berei...

ndPlusMartin Kröger

Spekulationen um Veranstaltungsort

Es ist das übliche Hin und Her vor Parteitagen der rechtsextremen NPD. Wie schon im vergangenen Sommer gibt es täglich wechselnde Spekulationen, wo das Treffen der Neonazis stattfinden könnte. Fest steht indes: Der ursprünglich für Sonnabend vorgesehene Landesparteitag in einem Altenheim in der Gallwitzallee in Lankwitz wird dort nicht wie geplant stattfinden.Die Neonazis waren nicht bereit, den M...

Andreas Heinz

Nicht noch den Leerstand fördern

Im Streit der rot-roten Koalition um die Begrenzung von Mieten im sozialen Wohnungsbau ging die Linksfraktion einen Tag in Klausur. Gestern präsentierten die Fraktionsvorsitzende Carola Bluhm und der wohnungspolitische Sprecher Uwe Doering das Ergebnis. Heraus kam ein Kompromiss: Nur noch 2009 soll es Subventionen für Sozialwohnungen geben. »Eine erneute flächendeckende Förderung von Wohnungsunter...

Seite 18
ndPlusAlexander Cierpka

Das Dach der Begierde

Das durchgefrorene Häuflein Fotografen setzt Mittwochabend kurz vor 19 Uhr in Berlin-Köpenick zum beherzten Sprint an. Objekt der Begierde: Ein schlichter blauer Lkw mit slowakischem Kennzeichen. Und so rauscht der irritierte Fahrer des 30-Tonners direkt in das aufkommende Blitzlichtgewitter und legt eine sportliche Bremsung auf der regennassen Straße An der Wuhlheide hin.Die Stimmung ist ausgelas...

Ver.di entdeckt die Unsichtbaren
Stefan Otto

Ver.di entdeckt die Unsichtbaren

Jetzt steht der Frühjahrsputz an. »Da ist Hochsaison für Putzhilfen und Hausarbeiter«, erzählt Barbara Miranda. Für Beschäftigte ohne gültige Papiere sei das besonders anstrengend. Denn sie putzen nicht, um sich etwas hinzuzuverdienen, sondern müssen ihren gesamten Lebensunterhalt verdienen, sagt die 28-jährige Chilenin. »Die meisten haben fünf oder sechs Haushalte. Aber damit fangen die Probleme ...

Seite 23
Schweigen über Opfer nach 1945
ndPlusNicolaus Schütte

Schweigen über Opfer nach 1945

Der NS-Staat erhob im Jahr 1933 den Rassegedanken zum Leitmotiv seiner Gesundheits- und Bevölkerungspolitik. 400 000 Menschen wurden im Nationalsozialismus zwangssterilisiert und über 210 000 Behinderte und Psychiatrieinsassen ermordet. Mit Kriegsbeginn beschleunigten die ökonomischen Motive den Massenmord an Behinderten. Sie wurden als eine Last der Gesellschaft angesehen. Die Zentrale des »Eutha...

Volkmar Draeger

Gefangen im Irrsinn des Systems

Schweres Geschütz fährt Julia Zeh in ihrem ersten Theaterstück auf. Der vielfach preisgekrönten Mittdreißigerin, geboren in Bonn, derzeit freie Juristin im Havelland, merkt man an, dass sie über Völkerrecht promoviert. Denn große Fragen sind es, die »Corpus Delicti« verhandelt: an die Zukunft der Menschheit und ihre kollektive Organisationsform, den Staat. Dieser, wie ihn Regisseur Michael Schweig...

Seite 24
ndPlusWilfried Neiße

Internet über eine Fernsehfrequenz

Die »weißen Flecken« bei der Versorgung mit modernem Internet sollen bald der Vergangenheit angehören. Mit solchen staatlichen Initiativen wird aber vor allem ausgebügelt, was eine überstürzte Privatisierung an Problemen erst geschaffen hat.Nicht überall in Brandenburg haben Privatleute, aber auch Institutionen und Unternehmer Zugang zu raschem Internet. Um das in absehbarer Zeit zu ändern, starte...

Andreas Fritsche

Vergleich der DDR mit den Nazis hinkt

In Berga befand sich das größte Außenlager des KZ Buchenwald. Die SS hielt dort 5000 Häftlinge gefangen. Im nahen Schlieben hatte der Leipziger Rüstungsbetrieb Hasag Hugo Schneider AG ab 1938 eine Produktionsstätte für verschiedene Munitionstypen errichtet. Das Werksgelände wurde bis 1944 ständig erweitert. Zuletzt erstreckte es sich auf 390 Hektar. Die Hasag entwickelte und baute die Panzerfaust....