Ausgabe vom 14.03.2009

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Unten links

Dass die Krise wirklich da ist und keine Medienerfindung oder Panikmache der Opposition, erkennt man daran, dass die Reichen Sorgen haben. Das Bankgeheimnis in Steueroasen wackelt, Aktien werden Altpapier, und nun gerät auch noch der Luxussektor in Gefahr. Es wäre schade, orakelt der Chef des Edelklamotten-Herstellers Hugo Boss voll dunkler Vorahnung, wenn erfolgreiche Luxusanbieter ihre Preispoli...

Grit Gernhardt

Kanzlerin kungelt mit Kapital

In München trafen sich am Freitag Spitzenvertreter der Deutschen Wirtschaft mit Kanzlerin Angela Merkel. Die Unternehmervertreter stützen Merkel in ihrer zurückhaltenden Krisenbewältigung. Eine Mehrwertsteuersenkung steht nicht zur Debatte. Bei der Unternehmenssteuer will Merkel der Wirtschaft aber entgegenkommen.

Obama verlängert Sanktionen gegen Iran

Die USA setzen ihre Politik der Handelsbeschränkungen gegenüber Iran trotz eines Gesprächsangebots ihrer neuen Regierung an Teheran fort. Die Politik der iranischen Regierung sei gegen die Interessen der Vereinigten Staaten gerichtet und stelle weiterhin eine »außergewöhnliche« Bedrohung« dar, hieß es aus Washington.

Wenn Pferde nicht saufen ...
Gerhard Armanski

Wenn Pferde nicht saufen ...

Wenn die Pferde nicht saufen, sagte mein Großvater, liegt’s am Futter, und schüttete eine Extraportion Hafer in den Sack. Die ach so beredten »Wirtschaftsweisen« sind hingegen kleinlaut geworden, nachdem sie nicht müde geworden waren, landauf landab zu verkünden, in »günstigen Bedingungen für die Privatwirtschaft« liege der Schlüssel des Wirtschaftswachstums. Also: Möglichst niedrige Lohn- u...

Seite 2
»Die Chancen für Funes stehen gut«

»Die Chancen für Funes stehen gut«

ND: Frau Palacios, wie stehen die Chancen des FMLN-Kandidaten Mauricio Funes? Palacios: Mauricio Funes und das FMLN-Wahlprogramm stehen für einen Wechsel in der Politik des Landes. Er hat gute Chancen, denn nach 20 Jahren ARENA-Regierung hoffen die Menschen auf eben diesen Wechsel. Das hat sich schon bei den Parlaments- und Kommunalwahlen im Januar gezeigt, bei denen die FMLN deutlich zugelegt hat...

Hermannus Pfeiffer

»Banken haben nichts gelernt«

Verbraucher- und Anlegerschützer üben anlässlich des Weltverbrauchertages schwere Kritik an Banken und Bundesregierung. Die Kreditinstitute würden trotz Finanzkrise weiterhin »aggressiv« ihre Produkte anbieten und die Große Koalition vernachlässige den Schutz der Kleinsparer. »Die geplanten Maßnahmen für einen besseren Anlegerschutz greifen zu kurz«, sagte Volker Pietsch, Vorstand des Deutschen Instituts für Anlegerschutz.

Michael Krämer

»Wir sind der Wechsel«

Bei den Präsidentenwahlen am Sonntag wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Kandidaten der rechten Regierungspartei ARENA und der früheren Guerilla FMLN erwartet. Ein Wahlbetrug ist nicht ausgeschlossen.

Seite 3
Der Faden reißt vorm Jubiläum
ndPlusHendrik Lasch, Elsterberg

Der Faden reißt vorm Jubiläum

Seit fast 100 Jahren wird in Elsterberg aus Holzfasern feinstes Garn gesponnen. Der Betrieb mit 380 Mitarbeitern ist der größte Arbeitgeber in der Vogtland-Stadt. Nun steht er vor dem Aus.

Seite 4
René Heilig

Zweifelsfrei Boulevard

Wer erst 17 Jahre alt ist, hat noch nicht viel zu bieten an Biografie. Selbst wenn er – wie Tim K. – an deren Ende 15 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Wie damit über den Tag hinaus Quote oder Auflage machen?! Indem man Ermittler bedrängt, immer wieder neue Informationen auf den Markt zu werfen. Selbst wenn die nicht gesichert sind. So kam es, dass Stuttgarts Innenminister verkünde...

Gabriele Oertel

Abwarten

Die Kanzlerin hat gestern vor den Spitzen von Industrie, Arbeitgebern, Handel und Handwerk ein großes Wort gelassen ausgesprochen. Sie lehnte – sehr zur Freude der vier führenden Wirtschaftsverbände des Landes – Forderungen nach einem dritten Konjunkturpaket ab. Schon beim zweiten hat Angela Merkel zunächst auf der Bremse gestanden, hatte auf die Zeit nach der Amtseinführung des neuen ...

ndPlusOlaf Standke

Kursfragen

Er könne keinen Wandel in der Politik der USA gegenüber seinem Land erkennen, klagte vor ein paar Tagen der oberste geistliche Führer Irans, Ajatollah Ali Chamenei. Und als wollte Präsident Barack Obama diesen Eindruck bestätigen, verlängerte er jetzt die seit drei Jahrzehnten bestehenden Sanktionen gegen Teheran um ein weiteres Jahr. Das Regime dort sei nach wie vor eine exorbitante Bedrohung der...

Olaf Standke

Befehlshaber

Als Generalleutnant Karl Eikenberry nach seinem Wechsel in das NATO-Hauptquartier vor knapp zwei Jahren seine Geburtsstadt Goldsboro (US-Bundesstaat North Carolina) besuchte, gestand er der dortigen Heimatzeitung, dass ein Teil seines Herzens immer in Afghanistan bleiben werde. Dort war der Drei-Sterne-General unter Präsident Bush in zwei Einsätzen Befehlshaber der US-amerikanischen Einheiten und ...

Wie steht es um Medizin in Gaza?

Wie steht es um Medizin in Gaza?

ND: Wie ist es derzeit um die medizinische Versorgung in Palästina bestellt? Muneer Deeb: Wir können von medizinischem Brachland sprechen, das war auch schon vor dem Krieg so. Als die Bombardierung begann, haben wir als Hilfsorganisation Pal-Med deshalb per Internet einen Aufruf an Kollegen gestartet, dort medizinische Hilfe zu leisten. Es war unglaublich: Binnen drei Tagen haben sich Ärzte aus al...

Seite 5
ndPlusWolfgang Hübner

Killerspiele verbieten!

Die Frage, was Tim K. dazu getrieben hat, Menschen wahllos und gleich serienweise umzubringen, kann noch nicht beantwortet werden – womöglich wird es eine schlüssige Erklärung nie geben. Aber es gibt Hinweise. Einer, der auch nach anderen, ähnlich grausamen Taten gefunden wurde: Tim K. vertrieb sich die Zeit mit Gewalt verherrlichenden Computerspielen. Mit Spielen, bei denen geballert, gehau...

Oliver Händler

Spiele morden nicht

Millionen Menschen spielen Killerspiele, Ego-Shooter oder wie sie auch immer genannt werden. Der Mausklick macht keinen von ihnen zum Mörder. Auch das Argument, dass diese Spiele die Hemmschwelle derart absenken, dass sie einen Amoklauf begünstigen, ist nicht bewiesen. Es reicht bereits der Blick auf die Turniere, bei denen tausende Jugendliche in Turnhallen gepfercht zwei Tage lang Gegner per Tas...

Schwere Ermittlungspanne zu Amoklauf

Nach einer schweren Ermittlungspanne wird nun wieder über das Motiv des Amokläufers von Winnenden gerätselt. Denn anders als zunächst verkündet, wurden nach Polizeiangaben auf dem beschlagnahmten PC des Todesschützen Tim K. keine Belege für eine Ankündigung der Tat im Internet gefunden. Ein im Netz aufgetauchter Eintrag könnte eine Fälschung sein.

Seite 6
ndPlusSilvia Ottow

Gerangel ums liebe Geld

Ärzteproteste begleiten die Gesundheitsreformen der letzten Jahre so zuverlässig wie das Taschentuch den Schnupfen. Momentan geht es um die neue Honorarordnung für niedergelassene Ärzte. Einige Facharztgruppen fühlen sich durch sie benachteiligt und fordern, die neuen Regelungen zurückzunehmen.

Ralf Richter

Der Unterschied zwischen Qimonda und Infineon

Die Zeit läuft ihnen langsam weg, den Qimondianern. Trotzdem ist die Mahnwache an der Haltestelle Infineon Süd im Dresdner Norden sichtlich kein Ort, wo man seiner Wut oder seinem Herzen Luft macht. Nein, die Dresdner fahren nicht solidarisch hupend an der nunmehr fünften Mahnwache vorbei. Kein Schild macht auf die Situation aufmerksam: »Hier verschwinden bald 3000 Arbeitsplätze! Mahnwache Qimonda...

Seite 7

Weitere Staaten kooperativ

Bern/Wien (dpa/ND). Das strikte Bankengeheimnis in Europa bröckelt. Unter dem wachsenden Druck der internationalen Gemeinschaft lockerten am Freitag Luxemburg, die Schweiz und Österreich ihr striktes Bankgeheimnis. Am Vortag hatten bereits Andorra und Liechtenstein eingelenkt.Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz teilte am Freitag mit, die Regierung sei bereit, unter gewissen Bedingungen a...

Knüppel gegen den Marsch

Die pakistanischen Sicherheitsbehörden versuchen mit allen Mitteln, einen Sternmarsch der Opposition in die Hauptstadt Islamabad zu verhindern.

Seite 8
ndPlusMax Böhnel, New York

Vom Gerichtssaal direkt in die Zelle

Der frühere Investmentberater Bernard L. Madoff wurde am Donnerstag nach einem Schuldgeständnis am ersten Tag seines Prozesses in Manhattan in Handschellen gelegt und in eine Minizelle verfrachtet. Hinter Gittern muss der 70-Jährige jetzt auf das endgültige Urteil am 16. Juni warten. Ihm drohen 150 Jahre Haft.

ndPlusHilmar König, Delhi

Indiens »Dritte Front« formiert sich

Fünf Wochen vor Beginn der indischen Parlamentswahlen, die zwischen 16. April und 13. Mai ausgetragen werden, hat sich im südindischen Unionsstaat Karnataka am Donnerstag offiziell die »Dritte Front« konstituiert. Das Bündnis besteht aus fast einem Dutzend linker, demokratischer, säkular ausgerichteter und regionaler Parteien. Die Front versteht sich als Alternative zur sozialdemokratischen Kongresspartei und zur rechtsnationalen Indischen Volkspartei (BJP).

Karin Leukefeld

Werben um Syriens Partnerschaft

»Vertrauen aufbauen, Fortschritte belohnen und Rückschritte sanktionieren«. So lautet kurzgefasst der Code, mit dem Syrien für die westliche Diplomatie entschlüsselt werden soll.

Seite 9

Kampf bei Continental

Hannover (dpa/ND). Der Conti-Betriebsrat macht massiv Front gegen die geplante Schließung des Reifenwerks in Hannover. Der stellvertretende Betriebsratschef des Werks, Michael Deister, sprach am Freitag von einem »klaren Rechtsbruch«. Er verwies auf ein Papier, in dem die Werksleitung den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen zugesichert hatte. Im Gegenzug war Lohnverzicht und eine Ausweitung ...

Rätselraten um Chinas Krisenplan

Wie groß ist Chinas Konjunkturprogramm wirklich? Diese Frage stellen sich nicht nur Delegierte des Volkskongresses, sondern auch ausländische Unternehmensvertreter.

ndPlusJohn Dyer, Boston

Jagdsaison für Finanzermittler

Vor Tagen schon hat Großbetrüger Madoff ein Schuldbekenntnis angekündigt. Sein Fall ist trotz des Betrugsvolumens von 60 Milliarden Dollar nur die Spitze eines Eisbergs. Bundesermittler ermitteln derzeit in zahlreichen anderen Fällen.

Ralf Klingsieck, Paris

Die Krise als willkommener Vorwand

Die Mitteilung, dass das Continental-Reifenwerk im nordfranzösischen Clairoix geschlossen und alle 1120 Mitarbeiter entlassen werden sollen, hat vor Ort wie eine Bombe eingeschlagen.

Seite 10
»Alle nehmen den Kampf an«

»Alle nehmen den Kampf an«

Alle freien Tage gestrichen, neun Trainingseinheiten angesetzt, zwei Spieler aussortiert – der neue Trainer des abstiegsbedrohten Zweitligisten FC Hansa Rostock, ANDREAS ZACHHUBER (Foto: dpa), hat in seiner ersten Arbeitswoche eine deutliche Handschrift hinterlassen. Vor dem Heimspiel am Sonntag gegen Ingolstadt sprach CHRISTIAN HEINIG für ND mit dem 46-Jährigen.

Nordlichter fürchten vorzeitiges Aus

Der Hamburger SV und Werder Bremen fürchten vor dem direkten Duell im DFB-Pokal (21./22. April) das Aus im UEFA-Cup. Die beiden Nordlichter, die als letzte Vertreter der Fußball-Bundesliga um den Einzug in das Viertelfinale kämpfen, verschafften sich in den Heimspielen nicht das erhoffte Polster.»Wenn wir dort auch so antreten, dann wird es ganz schwer«, prophezeite Werder Bremens Torwart Tim Wies...

Alexander Ludewig

Den richtigen Moment spüren

»Wer in dieser Saisonphase mit vier Punkten führt, hat das Zeug zum Meister«, lässt Bruno Labbadia keinen Zweifel an der Stärke von Hertha BSC. Der Trainer von Bayer Leverkusen gastiert heute mit seinem Team beim Bundesliga-Spitzenreiter im Olympiastadion. In Berlin geht man mit dem Thema Meisterschaft wesentlich zurückhaltender um. Besonders Coach Lucien Favre ist um Bodenhaftung bemüht: »Ich bin...

Seite 11
Überraschte Fußballwelt?
Thomas Wieczorek

Überraschte Fußballwelt?

Hat er oder hat er nicht? Zwar sind die Vorwürfe gegen Werder Bremens Fußballpräsidenten Jürgen L. Born, er habe 2001 beim Wechsel des Peruaners Roberto Silva an die Weser für 1,35 Millionen Dollar von dessen Heimatklub Sporting Cristal Lima 50 000 US-Dollar kassiert, noch nicht geklärt. Aber unabhängig von der Schuldfrage ist das eigentlich Überraschende, dass die Möglichkeit von Korruption bei S...

Daniela Anschütz-Thoms ging die Puste aus

Daniela Anschütz-Thoms verpasste zum Auftakt der Einzelstrecken-WM im Eisschnelllauf in Richmond (Kanada) die angestrebte Medaille knapp. Die 34-jährige Erfurterin musste im 3000-m-Rennen nach 4:08,67 min mit dem fünften Platz zufrieden sein und konnte damit ihren vorjährigen Bronzemedaillengewinn nicht wiederholen. Der Titel ging an die Niederländerin Renate Groenewold, die in 4:05,43 min die fav...

Gelobt sei die Leidenschaft
ndPlusChristian Heinig

Gelobt sei die Leidenschaft

Michael Karl muss lächeln. Er weiß, dass ihm da wohl ein echter Glücksgriff gelungen ist. »Manchmal hat man auch als Manager ein goldenes Händchen«, sagt er. Die Rede ist von Mirko Culic, dem Trainer der Königs Wusterhausener Netzhoppers. Die Brandenburger erleben im dritten Jahr in der Volleyball-Bundesliga gerade einen Höhenflug. Neun Siege in Folge haben sie zuletzt feiern dürfen. Sie stehen au...

ndPlusJirka Grahl

Südafrika erlernt »FIFA Ticketing«

Der Vorverkauf für die Fußball-WM 2010 hat begonnen, 500 000 von 700 000 Tickets aus der ersten Internet-Verkaufsphase sind verkauft. Drei Millionen Tickets werden es insgesamt sein. Viel weniger begehrt sind die Karten für den Confederations Cup vom 14. bis 18. Juni 2009, der als eine Art WM-Testlauf gilt. Für das Turnier der Kontinentalmeister ist erst ein Drittel der rund 600 000 Tickets verkau...

Seite 13
Für die Arbeiterklasse
ndPlusAngelika Weißbach

Für die Arbeiterklasse

Im Frühjahr 1949, wenige Wochen nachdem Max Lingner aus Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt war, zeichnete er die Szene »Rüstet zum 1. Mai« für das »Neue Deutschland«, in welchem sie am 24. April 1949 veröffentlicht wurde.In Paris hatte sich der Maler Max Lingner in den 1930er Jahren als Pressezeichner für die Wochenzeitschriften »MONDE« und »l'Avant-Garde« sowie für die Tageszeitung »l̵...

PLATTENBAU
Michael Saager

PLATTENBAU

Im Interview sagte der Norweger Erlend Oye, Kopf der Kings of Convenience und seit ein paar Jahren Sänger und Gitarrist von The Whitest Boy Alive, er sei privat auf der Suche nach der Regel von zeitloser Gültigkeit, was an einen Physiker auf der vergeblichen Suche nach der Weltformel erinnert. Für ihr zweites Album »Rules« verabredete die Band, die zu Dreivierteln aus Berlin kommt, vor allem pragm...

Seite 14
Karlen Vesper

ND ist nicht BILD

Der Amokläufer tötet sich selbst – titelte BILD gestern auf Seite 1 und lieferte das entsprechende Foto. Über Fragen des Geschmacks lässt sich bekanntlich streiten, weniger über das, was guten, gewissenhaften Journalismus ausmacht. Die BILD-Ausgabe vom Tag nach der Vorstellung des Buches »Zwischen den Zeilen. Geschichte der Zeitung Neues Deutschland« schien bekräftigen zu wollen, was Lothar ...

ndPlusHans-Dieter Schütt

Vorsicht, er mochte die »Stones«

Noch die Musikfanfare stieg aus, anfangs wie Ende. Die Konsequenz kannte also keine Gnade. Denn alles drängte zu dieser Konsequenz: Lakonik, Unaufwand, Schmucklosigkeit. Das Unperfekte: verdichteter Stil in Perfektion. Fast eine Perfektion des Nichts. Man merkt wohl schon: Der Berichterstatter hatte gute Laune, bei sechs Kritikern auf der Bühne setzt man unten im Saal gern ein heiteres Gegengewich...

Seite 15
Martin Kröger

Soziale Manieren

Im Wahljahr besinnt sich auch die SPD ihrer sozialen Wurzeln: Mit einem »Praktikum in den Jobcentern« wollten sich einige Abgeordnete der Sozialdemokraten in dieser Woche einen Überblick über die Situation von ALG-II-Empfängern verschaffen – und ihr lädiertes Sozialimage aufpolieren. Das Vorhaben lief jedoch nicht wie geplant. So durchstreiften am Dienstagmorgen der parlamentarische Geschäft...

ndPlusJörg Meyer

Demo ohne Schwarzen Block

Die Berlinerinnen und Berliner können sich am Wochenende wieder auf einiges gefasst machen. Die autonome Kampagne »Wir bleiben alle« (WBA) plant für Samstagnachmittag eine große Demonstration durch drei Bezirke und Aktionen in der ganzen Stadt. Unter dem Motto »United We Stay – Kollektiv! Offensiv! Subversiv!« erwarten die Veranstalter bis zu 4500 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem gesam...

»Die NPD ist nicht demokratisch«

Annika Eckel ist Mitarbeiterin der MBR. Über die Berliner NPD, die am Samstag ihren Landesparteitag in der NPD-Bundeszentrale in Köpenick abhalten will, sprach mit ihr ND-Redakteur Martin Kröger. Gegenkundgebung: 12 Uhr, Mandrellaplatz, Köpenick.

ndPlusMichael Müller

Gottes großer Wurf

Bei den nationalstolzen wie auch etwas melancholischen, weil sich häufig hintenanstehend fühlenden Balkanvölkern erzählt man sich diese Legende: Als Gott die Welt erschuf, bedachte er alle großzügig. Die Engländer mit Meer, die Schweizer mit Gebirge und Russen mit weiten Ebenen, Italiener mit Musik, Franzosen mit Wein und Spanier mit Tänzen. Doch dann sei Gott abschließend im wahrsten Sinne des Wo...

Seite 16
Heidi Diehl

Auf der Suche nach dem Garten Eden

Der Garten Eden kann, ganz nach Seelenzustand, überall auf der Erde liegen – aber Inseln haben gute Chancen, immer ganz vorn zu landen. Wohl jeder, der schon mal einen Sonnenuntergang am Meer erlebte, schwärmt danach noch lange davon. Egal, ob es in der Karibik oder an der Ostsee war. Und deswegen kann und soll das gerade im Polyglott Verlag erschienene Buch »Traumziele der Welt – Stra...

Preiserhöhungen für Fernwärme

( dpa). Vattenfalls Abkehr von einem Steinkohlekraftwerk für Berlin heizt Spekulationen über höhere Preise für die Kunden an. »Die Energie- und Fernwärmepreise müssen für die Einwohner der Stadt auch in Zukunft bezahlbar bleiben«, forderte am Freitag der Lichtenberger Baustadtrat Andreas Geisel (SPD). Dort will der Energiekonzern bis 2015/2016 zwei Biomasseanlagen und vielleicht eine Erdgasturbine...

Die alte, neue Heimat
Steffi Bey

Die alte, neue Heimat

Das Suchen und Sammeln, das Recherchieren und Gesprächeführen geht weiter. Denn »Das gebrochene Schweigen«, die Wanderausstellung zur Geschichte der Deutschen aus Russland, ist längst nicht vollständig. Vieles wurde zu diesem Thema zwar in den vergangenen Jahren unter Leitung von Viktor Fromm, den Vorsitzenden des Vereins Lyra zusammen getragen, doch es gebe noch reichlich hinzuzufügen, betont der...

Der Krise einen Schritt voraus
ndPlusJirka Grahl

Der Krise einen Schritt voraus

So kann es ein Leichtes sein, der Krise zu entfliehen – den Körper dick einbalsamiert mit warmer Algenpaste. Einfach die Augen schließen, durchatmen, entspannen. Es gluckst, es rauscht, es plätschert – schon beginnt das Schweben im warmen Thermalwasser. »Ah«, entfährt es Ahmed, einem tunesischen Airline-Manager, der im benachbarten Becken ebenfalls die Thalassobehandlung »Algues sous c...

Seite 17
Kreuzung aller Stereotypen
Jacob Rösler

Kreuzung aller Stereotypen

Jesse »The Devil« Hughes trägt einen fantastisch abartigen Schnauzbart. Kombiniert mit einer fiesen Fliegersonnenbrille und Muskelshirts, die tätowierte Oberarme offenbaren, wäre ihm auch in dem ein oder anderen »Erwachsenenfilm« der 70er Jahre ein Platz sicher gewesen. Obwohl aus Greenville, South Carolina, kommend, und damit durchaus prädestiniert für kulturell motivierte, geschmackliche und ide...

ndPlusVolkmar Draeger

Zwischen allen Stühlen

Er gehört zu mir, singt ein weiblicher Paradiesvogel in Silber. Doch Marianne Rosenbergs Hit leitet keine Party ein. Denn die mit den langen Wimpern verteilt Fragebögen an die Männer hinter ihr: Zwischenaufenthalt, Weitertransfer nur in Gruppe, nach dem Ausfüllen, in 100 Minuten. Verunsichertsein, gegenseitige Vorstellung. So schafft im Ballhaus Naunynstraße Nurkan Erpulat den Rahmen für seine Ins...

Nur die Brille ist extravagant
Heidi Diehl

Nur die Brille ist extravagant

»An seinem Markenzeichen werdet ihr ihn problemlos erkennen«. Mit dieser wenig hilfreichen Beschreibung machte sich die Gruppe in Bangkok auf den Weg nach Jinghong in der südlichsten Provinz Chinas. Und tatsächlich. Obwohl er längst nicht der einzige Europäer auf dem Jinghonger Flughafen war, wussten wir sofort: Der große, lächelnde Mann in Jeans und Sweatshirt, mit jungenhaften Bürstenschnitt und...

Seite 18
ndPlusWilfried Neiße

Neue Straße führt ins Nirgendwo

Der Tagebau Jänschwalde-Nord ist so gut wie beschlossene Sache. Er hinterlässt Fragen. Auch Fragen zum vielleicht sinnlosen Bau von Straßen. Denn 1993 hatte die Landesregierung noch versprochen, das Gebiet werde nicht abgebaggert – und viele Millionen in die Infrastruktur gepumpt. Nun soll das alles weg.Für zwei Abschnitte der Bundesstraße 97 ist das »relevant«, räumt Verkehrsminister Reinho...

Der direkte Weg in den Bundestag
Andreas Fritsche

Der direkte Weg in den Bundestag

Viel hat nicht gefehlt: 4237 Stimmen mehr, und Dagmar Enkelmann (Linkspartei) hätte den Bundestagswahlkreis 2005 gegen Petra Bierwirth (SPD) gewonnen. Nur 2,3 Prozent trennten die Konkurrentinnen. Jetzt probiert es Dagmar Enkelmann erneut. Am heutigen Sonnabend wird sie aller Voraussicht nach im Strausberger Klub am See zur Direktkandidatin im Wahlkreis 60 gekürt. Zu tun bekommt es Enkelmann beim ...

ndPlusChristoph Links

Acht von achtundsiebzig

Es ist genau 20 Jahre her. Im Frühjahr 1989 schickte ich an das Kulturministerium der DDR den Antrag auf Zulassung eines unabhängigen Sachbuchverlages. Auf genossenschaftlicher Grundlage wollte ich mit ein paar Kollegen aus anderen Verlagen endlich eigene Wege beschreiten und Themen angehen, die bis dahin tabuisiert waren. Ermuntert hatte uns die vorsichtige Reform des Zensursystems, denn seit Jah...

Seite 19
»Marxist«

»Marxist«

In meinen Augen recherchiert linker Journalismus genauer als die übrigen Journalisten. Er setzt seine Denkwerkzeuge präziser ein. Der Leser erkennt an siener Sprache, dass dort noch eine Kultur vorhanden ist. Der linke Journalist vermittelt seinem Leser das Gefühl, dass er mit Qualität bedient wird. * Ich will keine Verstaatlichung. Ich bin Marxist, ich will eine Vergesellschaftung der Produktion....

H.-D. Schütt

Spürsinn für die Weltlage

Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hat vorgeschlagen, künftig solche großen, von Kritikern heftig umlagerten Konferenzen wie G8-Gipfel nur noch in Drittweltländern abzuhalten – »fern der Kraftzentren negativer Organisationsmechanismen«. Die Bemerkung verrät frohlockenden Spürsinn für den tragischen Zustand der Welt. Einst, als dem Kapitalismus noch eine kämpfende Welt gegenübe...

»Vertraut mir, meine Träume sind gut, aber unerfüllbar«
Hans-Dieter Schütt

»Vertraut mir, meine Träume sind gut, aber unerfüllbar«

Es gibt Abarten der Freiheit, die ins Gegenteil eines freien Lebens führen. Etwa die Keimfreiheit. Einar Schleef kämpfte gegen die Keimfreiheit der Existenz. Er lebte diesen Kampf, wie man ein Gemüt lebt: Es ist nicht auswechselbar, es steht nicht zur Diskussion, es macht wehrlos gegen die Konsequenz, mit der es uns leitet. Das Gemüt des Regisseurs, Bühnenbildners, Malers, Schriftstellers und Foto...

Seite 20

WochenChronik

14. März 1739: Der brandenburgisch-preußische König Friedrich Wilhelm verbietet das eigenmächtige Vertreiben der Bauern von ihren Höfen durch die Gutsherren und stellt das »Bauernlegen« unter Strafe. 17. März 1929: Der US-Automobilkonzern General Motors erwirbt für 120 Millionen Reichsmark die Aktienmehrheit an der deutschen Adam Opel AG; die Familie Opel bleibt Großaktionär. 17. März 1934: Mussol...

Maria Juchacz
Martin Stolzenau

Maria Juchacz

Am 6. Februar wurde im Weimarer Stadtmuseum (Bertuchhaus) die repräsentative Aus- stellung »Weimar 1919 – Chancen einer Republik« eröffnet. An eben diesem Tag vor 90 Jahren hatte sich im Weimarer Nationaltheater die verfassungsgebende Nationalversammlung konstituiert. Die Ausstellungsmacher informieren auch über die »Stunde der Frauen«, stellen jene 37 vor, die dieser Nationalversammlung ang...

Der erschlagene Held
Dieter Uhlig

Der erschlagene Held

Dieses, am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse präsentierte Bändchen erinnert an die Ursprünge des sogenannten Weltbürgerkrieges (1917-1989). Der begann, als sich die Weltkriegsgegner mit ihrem Projekt einer globalisierten Weltmarktgesellschaft von Sowjetrussland mit einer alternativen Weltordnungsidee herausgefordert sahen. Als das begann, natürlich von Anfang an mit Gewalt – wie denn an...

Hakenkreuz über dem Hradschin
ndPlusKurt Pätzold

Hakenkreuz über dem Hradschin

Die Bildzeugnisse des Tages sind wieder und wieder gedruckt worden: An den Straßenrändern der tschechischen Hauptstadt stehen gedrängt deren Bürger, auf ihren Gesichtern der Ausdruck ohnmächtiger Wut und des Hasses, ihre Blicke gerichtet auf die Soldaten der deutschen Wehrmacht, die, in ihren Fahrzeugen hockend, dieses Willkommen nicht wahrnehmen wollen. Es unterscheidet sich von jenem »Blumenfeld...

Seite 21

Satellit auf Berg- und Talfahrt

Der Erdsatellit GOCE (Gravity field and steady-state Ocean Circulation Explorer – Satellit zur Bestimmung des Schwerefelds und der stationären Ozeanzirkulation), der am Montag nach langer Verzögerung vom russischen Weltraumbahnhof Plesetsk starten soll, hat seine flugzeugähnliche aerodynamische Form aus gutem Grund. Weil der Satellit das Schwerefeld der Erde mit bislang unerreichter Genauigk...

Sauerstoffmangel im Pazifik

Kiel (dpa/ND). Meeresforscher haben im Pazifik vor der Westküste Südamerikas extrem sauerstoffarme und damit lebensfeindliche Zonen untersucht. Vor Peru fanden sie schon fünf Meter unter der Wasseroberfläche keinen freien Sauerstoff mehr und stellten in der sogenannten Wassersäule hoch giftigen Schwefelwasserstoff fest. Darüber berichteten Kieler Wissenschaftler, die an einer viermonatigen Expedit...

Robert Meyer

Lichtspeicher in Metall

Der Wunsch nach optischen Computern ist alt. Anders als die Elektronenströme in herkömmlichen Computern können Lichtstrahlen sich kreuzen oder überlagern, ohne dass es zu Informationsverlusten kommt. Was bisher dazu auf die Beine gestellt wurde, erwies sich meist als zu ineffizient, auch deshalb weil die Geräte zu viel Wärme erzeugten. Neue Lösungen für praxistaugliche optische Computer könnten au...

Wie Materie lebendig wird
Martin Koch

Wie Materie lebendig wird

In der DDR war das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaft zumindest in einem Punkt bis zuletzt gespannt: Während man von Seiten der Philosophie nicht müde wurde zu betonen, dass die bewusste Anwendung der Dialektik einen Erkenntnisvorteil bringe, bemühten sich Physiker, Chemiker und Biologen oft vergeblich, dies auf ihrem Gebiet faktisch zu belegen. Und manchen plagte vielleicht sogar da...

Seite 22
Neuanfang mit Lizenz Nr. 74

Neuanfang mit Lizenz Nr. 74

Dass in den Zeitungen der DDR »zwischen den Zeilen« gelesen werden musste, wenn man auch Ungesagtes erfahren oder wenigsten erahnen wollte, war ein offenes Geheimnis. Auf kaum ein Blatt traf das stärker zu als auf das »Neue Deutschland«: Organ der SED-Führung und Zeitung für die Parteimitglieder einerseits, Staatsanzeiger für das Ausland andererseits. »Zwischen den Zeilen« heißt ein Buch aus dem Verlag Das Neue Berlin, das dieser Tage erscheint und gut 60 Jahre Geschichte des »Neuen Deutschland« nachzeichnet – angefangen bei den Vorläuferzeitungen von KPD und SPD über die scharfen politischen Auseinandersetzungen Ende der 40er, Anfang der 50 Jahre, die zunehmende Ideologisierung in den 70er und 80er Jahren bis zum Überlebenskampf der Zeitung nach der Wende und dem Wandel zur sozialistischen Tageszeitung. Die Historiker Burghard Ciesla und Dirk Külow haben den Versuch unternommen, mit der Geschichte des ND gleichzeitig ein Stück DDR-Geschichte festzuhalten. Im folgenden Auszug wird die Gründungsphase des »Neuen Deutschland« geschildert – bis zu der Frage, wie der Name der Zeitung und der Zeitungskopf auf der Titelseite entstanden.

Seite 24
Testspiel

Testspiel

Was war es? Welches Gefährt, entwickelt von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach, fuhr 1885 zum ersten Mal? Wer war es? Welcher deutsch-US-amerikansiche Nobelpreisträger für Physik wurde heute vor 130 Jahren geboren? Wann war es? Wann heiratete der englische König Heinrich VIII. Anne Boleyn als zweite Frau, obwohl er von Katharina von Aragón noch nicht geschieden war? Was bedeutet es? Was meinen D...

Ab durchs Weltall
Monika Salz

Ab durchs Weltall

Bei »Galaxy Trucker« werden Jungenträume wahr – man baut sein eigenes Raumschiff und reist damit durchs All. Ziel ist es, das Raumschiff so zu bauen, dass man damit erfolgreich Handel treiben, sich aber zugleich gegen Schmuggler und Piraten wehren kann und vor Meteoriten geschützt ist. Zuerst wird also gebaut. Jeder Spieler hat zu Anfang auf seinem Raumschiffbauplan ein Grundmodul. Die übrig...

Der WM-Kandidat
ndPlusCarlos García Hernández, Schachlehrer

Der WM-Kandidat

Die Schach-Weltmeisterschaft ist einen Schritt näher gerückt. Weselin Topalow (Bulgarien, 34) hat das Kandidatenfinale gegen Gata Kamsky (USA, 35) gewonnen. Die Veranstaltung fand zwischen dem 16. und 26. Februar in Sofia (Bulgarien) statt. Das Duell bestand aus acht Partien, aber Topalow brauchte nur sieben um den Sieg zu erreichen. Somit kann er Ende 2009 gegen Viswanathan Anand (Indien, 40) um ...

Ein Spiel mythischer Helden

Ein Spiel mythischer Helden

Was tun, wenn Bioterroristen zuschlagen? Einfach in einem Handbuch von DR. WLADYSLAW JAN KOWALSKI (Foto: privat) nachschlagen. Der 54-Jährige lebt auf einer Farm im US-Bundesstaat Michigan und gehört gleichzeitig dem Vorstand eines Unternehmens an, das sich auf die Dekontaminierung von Krankenhäusern und Bürokomplexen spezialisiert hat. Nebenbei analysiert er Strategiespiele der Griechen und Römer. Insbesondere das gut 3000 Jahre alte »Petteia«. Auf einen Trip in die Antike lässt sich ND-Autor RENÉ GRALLA mitnehmen.