nd-aktuell.de / 14.05.2011 / Politik / Seite 8

Scheinscheidung

Sandra Torres / Die Exfrau von Staatschef Álvaro Colom will Präsidentin von Guatemala werden

Aert van Riel

Ehescheidungen gelten gemeinhin als Privatsache. Anders liegt der Fall bei Álvaro Colom, amtierender Präsident Guatemalas, und seiner Frau Sandra Torres. Deren Trennung erhitzte in den vergangenen Wochen die Gemüter der Öffentlichkeit. Denn die Scheidung ist offensichtlich ein Trick, damit Torres als Nachfolgerin ihres Exmannes in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen kann. Vor Kurzem gab die 51-Jährige ihre Bewerbung für die Regierungspartei Nationale Union für die Hoffnung (UNE) bekannt.

Der Sozialdemokrat Colom darf laut Verfassung nicht erneut kandidieren. Ebenso ist dies seinen nächsten Verwandten und seiner Ehepartnerin untersagt. Ob Torres für die Wahl im September zugelassen wird, entscheidet das Oberste Wahlgericht in Guatemala-Stadt.

Gegen die Kandidatur der früheren First Lady protestiert vor allem die konservative Opposition. Sie hatte im Jahr 2007 die Macht an das linke Lager abgeben müssen. Colom konnte sich in der Stichwahl gegen den Kandidaten der rechten Patriotischen Partei, Exgeneral Otto Pérez Molina, durchsetzen. Zuvor hatten nach der Rückkehr des mittelamerikanischen Landes zur Demokratie 1986 ausschließlich konservative Präsidenten regiert.

Dass die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin die Fähigkeiten besitzt, das Erbe ihres Mannes anzutreten und erste Frau an der Spitze des Staates zu werden, wird kaum bezweifelt. Sie gilt als eine wichtige Organisatorin in der guatemaltekischen Regierung. Dabei war sie für Programme der sozialen Fürsorge zuständig. Entsprechend beliebt ist sie bei den ärmeren Gesellschaftsschichten. Mehr als 50 Prozent der 12,7 Millionen Guatemalteken leben unter der Armutsgrenze. Im Jahr vor dem Amtsantritt Álvaro Coloms waren es noch rund 75 Prozent. Besonders betroffen ist noch immer die indigene Bevölkerung auf dem Land.

Trotz dieser Erfolge wird es nicht leicht für Torres werden, in der mehrheitlich konservativen und männerdominierten Gesellschaft Guatemalas eine Mehrheit der Stimmen zu erreichen. Ihre selbstironische Bemerkung, sich nach der Scheidung von ihrem Mann nun »mit dem Volk verheiraten« zu wollen, dürften ihr auch kirchliche Kreise übel genommen haben.