nd-aktuell.de / 07.06.2011 / Kultur / Seite 15

Flucht von der Insel

Glucks »Telemaco«

Roberto Becker

Christoph Willibald Gluck (1714–1787) gilt als großer Opernreformer. Auf den Pfaden seiner Neuerungen schaffte die Gattung den Schritt von Händels Seria-Meisterschaft hin zu Mozart und allem, was folgte. Das Repertoire würdigt das – wenn auch ohne Übereifer – mit der Dauerpräsenz von Glucks »Orpheus und Eurydike«. Auch seine beiden Opern zu Iphigenies Schicksal finden sich zuweilen. Und wenn man es richtig anstellt, kann man (wie an der Komischen Oper Berlin) sogar aus seiner Zauberoper »Armida« eine tolle Show machen.

Für frühsommerliche Festspiele, etwa jenes im wunderbaren Schwetzinger Schlosstheater, ist eine unbekannte Gluck-Oper wie sein »Telemaco« aus dem Jahre 1765 genau das Richtige. Noch dazu, wenn man sie so flott und schlüssig in Szene setzt, wie es jetzt Tobias Kratzer (31) gemacht hat. Die Oper konzentriert sich auf den letzten Teil der ziemlich späten Heimkehr von Odysseus zu Frau Penelope und Sohn Telemach und handelt von der spektakulären Flucht von Circes Zauberinsel. Telemach holt seinen Papa nämlich (hier in der Vorkriegsausstattung des aufkommenden Flugwesens) dort ab und findet gleich noch eine Braut für sich. Diesem beziehungstechnischen Plus steht das Minus der allzu lang (zehn Jahre Trojanischer Krieg plus sieben Jahre Rückweg – und das bei Schlange stehenden Bewerbern!) allein gebliebenen Ehefrau gegenüber.

Daraus schlägt Kratzer szenische Funken, indem er die in der Oper gar nicht vorkommende Penelope als zweite Natur Circes szenisch auftreten lässt – was in der Ausstattung von Rainer Sellmaier durch ein paar Kostüm- und Frisurhandgriffe und den Einbruch des Zauberwaldes in den Salon mit den wartenden und dauerstrickenden verlassenen Kriegerfrauen fabelhaft gelingt. Und was von der das solide Ensemble überragenden Agneta Eichenholz als Circe/Penelope mühelos stimmlich und darstellerisch bewältigt wird.

Musikalisch sorgen die junge estnische Dirigentin Anu Tali und das Freiburger Barockorchester für einen sinnlich barocken dramatischen Sound. Aus dem übrigen Ensemble ragt neben Tomasz Zagórskis Ulisse vor allem der Counter David DQ Lee in der Titelpartie in dieser mit Basel und Nürnberg koproduzierten Gluck-Ausgrabung heraus.