Leben ohne Konventionen

Die Pubertät beginnt nachweislich immer früher. Für viele Heranwachsende ist das jedoch weniger ein Problem als für deren Eltern

Was ist bloß mit der Jugend los? Das haben sich Erwachsene zwar schon immer kopfschüttelnd gefragt. Doch heute kommt bei vielen Entsetzen hinzu, zum Beispiel wenn sie erfahren, dass sich eine Zwölfjährige wiederholt bis zur Bewusstlosigkeit betrunken hat. Oder dass ein Vierzehnjähriger bei einer Schlägerei mit Gleichaltrigen erheblich verletzt wurde. Woraus resultieren solche Verhaltensweisen? Haben wir es hier nur mit bedauerlichen Ausnahmen zu tun oder ist es die Biologie, die Heranwachsende gleichsam nötigt, derart unkontrolliert zu handeln?

Gemeinhin gilt die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, kurz Pubertät genannt (von lat. pubertas, Geschlechtsreife), als eine der schwierigsten Entwicklungsphasen im Leben. Denn zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr erfährt der Mensch nicht nur gravierende körperliche Veränderungen. Er begibt sich auch auf den mühsamen Weg, seine Identität zu finden und den Kern seiner Persönlichkeit zu formen. Während der Pubertät genießen Mädchen und Jungen erstmals das Gefühl von Unabhängigkeit. Sie rebellieren gegen die Welt der Erwachsenen, experimentieren mit ihrem Äußeren und versuchen, möglichst unangepasst zu leben.

Die Wissenschaft macht für all dies hormonelle Veränderungen verantwortlich. Laut einer unlängst durchgeführten Untersuchung an türkischen Jugendlichen, bei denen die Pubertät ausblieb, setzt der im Gehirn gebildete Botenstoff Neurokinin B gegen Ende der Kindheit eine regelrechte Flut von Hormonen frei. Dadurch wird der Körper zur Herausbildung von Merkmalen veranlasst, die vornehmlich sexuelle Funktionen erfüllen und letztlich zur Geschlechtsreife führen.

In den letzten 175 Jahren hat sich dieser Prozess dramatisch beschleunigt. Im Jahr 1830 kamen Mädchen mit etwa 17 in die Pubertät, heute findet die erste Monatsblutung im Schnitt zwischen dem elften und zwölften Lebensjahr statt. Grund dafür sei eine durchweg gute und hochkalorische Ernährung, erklärt die Gynäkologin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. »Im heranwachsenden Organismus wird dadurch ein Fettdepot angelegt - ab einem bestimmten Ausmaß erhält der weibliche Körper das Signal zu menstruieren.« Dagegen sei die nachweisbare Frühreife von Jungen nicht nur hormonell bedingt, sondern in hohem Maße der fortschreitenden Sexualisierung unserer Gesellschaft geschuldet. »Die ständige Präsenz von sexuellen Impulsen scheint stark stimulierend auf den Organismus zu wirken.«

Ein Organ allerdings kann mit diesem Tempo nicht Schritt halten: das Gehirn. Dessen Entwicklung findet erst mit etwa 20, 21 Jahren ihren Abschluss. Das heißt, während die Pubertät früher nach etwa zwei bis drei Jahren endete, kann sie heute bis zu zehn Jahre dauern. In dieser Zeit wird das Gehirn überdies »entrümpelt«. Praktisch in jeder Sekunde sterben bis zu 30 000 nicht mehr benötigte Verbindungen zwischen den Nervenzellen ab. Im Gegenzug werden oft benötigte Verbindungen verstärkt und neue geknüpft. Das geschieht vor allem in jenen Hirnregionen, die für ein planvolles Handeln, das Fällen von Entscheidungen sowie die Affektkontrolle zuständig sind.

Aber auch hier gibt es ein Problem mit der Chronologie: Das limbische System, das Gefühlszentrum des Gehirns, reift normalerweise früher als der sogenannte präfrontale Cortex, der es Menschen ermöglicht, situationsgerecht zu handeln. Deshalb neigen Jugendliche während der Pubertät häufig zu einem unüberlegten und risikofreudigen Verhalten. Darüber hinaus sind sie psychisch besonders leicht verletzlich und reagieren auf Kritik oft mit aggressiver Abwehr.

Die meisten Eltern tun sich nach wie vor schwer mit dem Verhalten ihrer pubertierenden Sprösslinge. Was verständlich ist. Denn in unserer Gesellschaft gelten Krisen und Brüche im Leben für gewöhnlich als Störfaktoren der »Normalität« und nicht, wie die moderne Entwicklungstheorie lehrt, als Quellen der kreativen Erneuerung. »Unbewusst sind wir Erwachsenen oft neidisch, würden auch gerne ausbrechen und ohne Konventionen der Welt zeigen, wer wir sind«, schreibt ein User in einem Internetforum zum Thema Pubertät

Im Umgang mit pubertierenden Kindern und Jugendlichen sei es für Eltern grundsätzlich ratsam, mehr Gelassenheit an den Tag zu legen, statt unentwegt mit Verboten zu drohen, meint der Berliner Philosoph und Anthropologe Karl-Friedrich Wessel. »Denn das Problem der Pubertät ist nicht zuletzt ein Problem der Wahrnehmung. Das heißt: Erwachsene und Jugendliche messen den körperlichen und psychischen Veränderungen während der Pubertät häufig eine unterschiedliche Bedeutung bei. Die daraus resultierenden Missverständnisse wiederum erschweren es jungen Menschen, einen selbstbestimmten Weg ins Erwachsenenalter zu finden.«

Obwohl es nicht den Anschein hat, geht neueren Studien zufolge die Pubertät nur bei 20 Prozent der Heranwachsenden mit psychischen Auffälligkeiten einher. Davon ist nur jeder Zweite im eigentlichen Sinn psychisch krank. Manche leiden an Zwangsstörungen, andere werden depressiv oder magersüchtig. Hier bedarf es in der Regel ärztlicher Hilfe. Für die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen jedoch ist die Pubertät ein biopsychosozialer Entwicklungsprozess, den sie durchaus aus eigener Kraft meistern können.

Ein interessantes Ergebnis erbrachte eine 2016 durchgeführte Studie der Zeitschrift »Bravo«. Danach hat die frühe sexuelle Reifung nicht automatisch zur Folge, dass Mädchen und Jungen auch früher sexuell aktiv werden. Im Gegenteil. Die »Generation Selfie« lässt sich Zeit. So hatten lediglich 27 Prozent der befragten 16-Jährigen und 47 Prozent der 17-Jährigen schon einmal Geschlechtsverkehr. Und auch von einer wachsenden Sorglosigkeit bei sexuellen Erfahrungen kann keine Rede sein. 84 Prozent der männlichen und 68 Prozent der weiblichen Jugendlichen gaben an, zum Schutz der Gesundheit und zur Verhütung Kondome zu verwenden.

Dass Heranwachsende heute immer früher die Rechte von Erwachsenen einfordern, ist an sich nichts, was man beklagen müsste. Gäbe es da nicht mächtige wirtschaftliche Interessengruppen, die das Ziel verfolgen, diese Entwicklung zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Oder wie Martina Leibovici-Mühlberger es formuliert: »Unsere Gesellschaft propagiert die frühe Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Jugendlichen nicht zuletzt, um aus Kindern Konsumenten zu machen.« In der Werbung wird Teenagern täglich vorgeführt, was sie unbedingt haben müssen und wie sie sich verhalten sollen. Dem zu widerstehen, fällt vielen schwer. Pochen Eltern dann auf ihre Autorität, sind Konflikte programmiert. Konflikte, die das Vorurteil bestätigen, dass die Pubertät nichts anderes sei als eine »Flegelphase« des Lebens.

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