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Es schlampert sich so durch

Matthias Dell über die Kieler Tatort-Folge »Borowski und das verlorene Mädchen«

Nächsten Sonntag steht die 1000. »Tatort«-Folge ins Haus, die im gregorianischen Kalender der »Tatort«-Orthodoxie wegen der offiziell nicht anerkannten ORF-Alleingänge in den achtziger Jahren freilich schon als 1013. Folge firmiert. Was in den Festreden auf das große Jubiläum so wenig vorkommen wird wie die Debatte um die Zählweise, ist ein Motiv, dem hier schon öfter Beachtung geschenkt wurde: dem wiederkehrenden Polizeiversagen.

Das man allerdings gar nicht so nennen will. Denn es gehört zu den Merkwürdigkeiten des »Tatort«, dass Dilettantismus im Dienst unproblematisiert in die Sympathie der Figuren integriert bleibt. Es geht mit den fortgesetzten Fehlleistungen nicht darum, sich wie in echt über die sächsische Behörden die Haare zu raufen oder zu empören, weil die Ermittler im ARD-Sonntagabendkrimi ja die Identifikationsangebote ans Publikums sind.

Und es geht, wie man in der Kieler Folge »Borowski und das verlorene Mädchen« (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) sehen kann, noch nicht einmal darum, die Kommissarinnen für einmal als auch irrende Menschen vorzuführen, sie Fehler machen zu lassen, damit sie danach ein wenig verdrossen sind, mit sich selbst hadern, es bereuen, ums beim nächsten Mal besser zu machen. Nein, es schlampert sich so durch wie bei Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) dieses Mal.

Das Resultat der filmischen Ermittlungen ist nüchtern betrachtet ein Desaster, über das die auf Zeitlupe runterpathetisierten Bilder am Schluss nicht hinwegtäuschen können, in denen Borowski das tot wiedergefundene Mädchen (Mala Emde) zu orgelndem Requiem aus dem Gebetsraum in der Moschee trägt (mit Schuhen!). Borowski hatte das Mädchen ja vorher schon lebendig wiedergefunden, um es dann laufen zu lassen - nicht nur gegen alle Vernunft und Sorgfalt, sondern auch gegen die Pläne des Staatsschutzes, der hier das Gesicht von Jürgen Prochnow trägt.

Der Staatsschutz hatte am Verlorengehen des Mädchens mitgewirkt, weil er sich durch dessen Reise in vom IS bekriegte Gebiete versprach, eine bestimmte Terrorgruppe orten zu können. Dass die Kommissare dagegen opponieren, ist plausibel nur ob der hierarchielos-autoritären Moralsympathie, die den ARD-Sonntagabendkrimi prägt: Wenn man nur Hauptfigur ist, kann man sich alles erlauben. Den bedepperten Chef (Thomas Kügel) stehen lassen, wenn es ernst wird oder eben vom Staatsschutz genervt sein: »Für Sie gibt es keine Türen, nehm’ ich an?« Dabei lehrt doch alles, was man etwa in den vergangenen fünf Jahren nach dem Auffliegen des NSU erfahren hat, dass auch im scheinbar so putzigen Deutschland die Polizeiarbeit endet, wo höhergestellte Stellen sich einschalten.

Die kühnste These auf das unhinterfragte Rumgeschlampe von »Tatort«-Kommissaren wäre also, dass damit eine total subversive Metapher auf Behördenrealität gefunden ist, für sächsische Gefängnisverwaltung oder den Quatsch, den das Bundesamt für Verfassungsschutz als Beobachtung von Nazis verkauft. Tatsächlich handelt es sich wohl aber nur um ein wenig inspiriertes Drehbuch. Für »Borowski und das verlorene Mädchen« wurden zwar Hannah (Buch, Darstellung) und Raymond Ley (Buch, Regie) verpflichtet, die sich mit Dokudramen etwa über die Eichmann-Entführung aus Argentinien, einen Namen gemacht haben.

Im Film kommt von der journalistischen Expertise jedoch nichts an. Es wird IS-Footage gezeigt (kann man auch drüber debattieren) und in gewissen Einstellungen vom verlorenen Mädchen dokumentarisch getan. Dann aber treffen sich Ermittler mit dem Mädchen und seiner Führungsoffizierin (Sithembile Menck) am helllichten Tag in einem beliebten Sahneschnittchenstübchen (»Ist das hier Ihr Lieblingscafé?«), um das mit der Radikalisierung noch mal bei Cappuccino und Windbeuteln zu besprechen. Oder der erste Mord: der stellt sich als skurriles Gehampel des Opfers vor dem Top-Mietwagen heraus, in dem die Klassenkameradin sitzt, irgendwann die Nerven verliert und aufs Gas drückt. Originell vielleicht, aber es gab, um es vorsichtig zu sagen, schon Tötungen und Motive, die besser ausgedacht und ins Bild gesetzt waren.

An die spannende Frage, ob der Staatsschutz mit seiner Köderidee vom verlorenen Mädchen ein übergeordnetes Wohl verbindet oder zynisch handelt, rührt der Film leider nie.

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