Rechts angehauchte Kulturarbeit

Prozess um Verbrennung des »Tagebuchs der Anne Frank« in Pretzien läuft

  • Hendrik Lasch, Magdeburg
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.

Als im Juni 2006 bei einer Sonnenwendfeier in Pretzien ein Tagebuch der Anne Frank verbrannt wurde, kam es zum Eklat. Ein Missverständnis, sagt ein Täter. Der Prozess zeigt jedoch: Im Dorf hatte man eine braune Truppe mit der Kulturarbeit betraut.

Richtig wohl war offenbar niemandem. Erstmals sollte es in Pretzien eine Sonnenwendfeier geben. Er habe »ein mieses Gefühl« gehabt, sagt Friedrich Harwig, der Bürgermeister des 970 Einwohner zählenden Dorfes bei Schönebeck. Von »Sorge, dass die Veranstaltung missbraucht werden könnte«, spricht auch Christian Seidel. Er leitete den Heimatbund Ostelbien (HBO). Dorffest und Fasching hatte er schon ausgerichtet, ohne Klagen. Eine Sonnenwendfeier aber war etwas anderes: »Wegen des Missbrauchs in der Vergangenheit«, sagt Harwig, »von 1933 bis 1945«. Am Abend des 27. Juni 2006 erwiesen sich die Sorgen als nur allzu berechtigt. Um zehn Uhr, der Dorftanz war beendet, wurden die 60 Festgäste vor das Haus gebeten - zu einem »Kulturprogramm«. Um einen Holzstoß standen junge Männer mit Fackeln. Es fielen Sprüche, die Harwig »nicht nach meinem Geschmack« nennt. Die Rede war von »deutschem Blut und deutscher Jugend«, vom Volk, das »wieder Tritt fasst«. Als das Feuer brannte, wurde dazu eingeladen, ihm »Artfremdes« zu übergeben. In den Flammen landeten eine US-Flagge und das »Tagebuch der Anne Frank«. Der Bürgermeister war schockiert; ähnlich ging es den meisten Gästen des Festes, das umgehend abgebrochen wurde. Glaubt man Lars K., beruhen die Empörung der Gäste und die Schockwellen, die der Vorfall über Deutschland hinaus bis nach Israel und in die USA auslöste, auf einem großen »Missverständnis«. K. muss sich mit sechs weiteren Mitgliedern des Pretziener Heimatbundes seit Montag vorm Landgericht Magdeburg für das Geschehen verantworten, mit dem laut Anklage der Holocaust verharmlost oder geleugnet wurde. Der 26-Jährige, der sein jungenhaftes, waches Gesicht zunächst mit Schal, Sonnenbrille und Aktendeckel vor den vielen Kameras verborgen hatte, räumt ein, das Buch verbrannt zu haben - aber nicht, um den millionenfachen Mord an den Juden zu bestreiten. Er habe sich, so sein Anwalt, vielmehr in einer Art Läuterung von einem »bösen Kapitel deutscher Geschichte befreien« wollen. In Zeitungsberichten war daraufhin der Begriff »Märchenstunde« zu lesen. Den Versuch, ihre Aktivitäten in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, haben die Männer wohl häufiger unternommen, seit sie im Jahr 2000 den Heimatbund gründeten. Die Truppe habe sich der »Kulturarbeit« verschrieben, sagt Vereinschef Seidel. Sie organisierte Winterwanderungen oder Spanferkelessen und führte die Dorfchronik. Politik habe keine Rolle mehr gespielt, beteuert Seidel - anders als in den Jahren zuvor, als nahezu der gleiche Kreis die »Kameradschaft Schwarz-Weiß-Rot Pretzien« bildete, eine rechtsextreme Gruppierung, die im Verfassungsschutzbericht stand. Man habe sich »mit rechtem Gedankengut herumgeplagt«, sagt das einstige NPD-Mitglied Seidel, der ausgetreten ist und die früheren Ideen »schwachsinnig« nennt. Dass seine Vereinsmitglieder ähnlich urteilen, steht zu bezweifeln. Zwar beschreibt Lars K. die Einstellung seiner Kameraden als »neutral, vielleicht ein bisschen angehaucht«. Doch die Fragen von Staatsanwalt Arnold Murra werfen ein anderes Licht auf die »Kulturarbeiter« von Pretzien. Ob er in deren Wohnungen gewesen sei?, fragt er Seidel. In einer habe sich eine Karte von Deutschland in den Grenzen von 1937 an der Wand befunden, in einer anderen eine Sammlung von Koppelschlössern mit Aufschriften wie »Meine Ehre heißt Treue«, in einer dritten Hitlers »Mein Kampf«. Mindestens zwei Angeklagte waren in der NPD und sind es womöglich noch. In Pretzien, so scheint es, war die rechtsextreme Strategie erfolgreich, Vereine und Orte zu unterwandern. Die frühere Kameradschaft, zitiert Richter Eike Bruns aus einem HBO-Dokument, habe sich der »nationalen Sache und Wahrung des Deutschtums« verpflichtet. Der neue Verein wurde auf deutsche Tradition und Kultur eingeschworen und wendete sich beispielsweise gegen »hektische« amerikanische Musik mit ihren »afrikanischen Einflüssen«. Lieber wolle man sich um Gräber gefallener deutscher Soldaten kümmern. Das höre sich an, so Bruns, als seien die Ziele der Kameradschaft »nahtlos weitergepflegt« worden. Vereinschef und Bürgermeister wollen davon nichts gemerkt haben, obwohl mancher im Heimatbund weiter Hemden mit der Fraktur-Aufschrift »Wehrmacht Pretzien« trug. Es sei ruhig gewesen, sagt Harwig - eine »trügerische Ruhe«, wie er heute weiß. Sein Versuch, die »Jungs« zu integrieren, habe »Ansätze von Naivität« aufgewiesen. Ob die Aussagen Seidels und Harwigs zu einer Verurteilung beitragen, bleibt abzuwarten. Staatsanwalt Murra will den Angeklagten nachweisen, dass die Buchverbrennung gemeinsam geplant wurde, was die bestreiten. Er habe spontan entschieden, sich das Buch aus einer Kiste im Schuppen bringen zu lassen, sagt Lars K. Harwig erinnert sich indes, dass dem jungen Mann am Feuer zugerufen wurde: »Trau dich!« - ein Indiz dafür, dass es Mitwisser gab. Dies nachzuweisen, wird Mühe kosten. Denn organisieren durfte das Sonnenwendfeuer der harte Kern des He...

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