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Geheimnis von Mont-Fleur

Marcello Simonis Geschichte vom »Lapis exilii« geht weiter

Marcello Simoni hat dem zweiten Teil seiner Mittelalter-Trilogie um den geheimnisvollen »Lapis exilii«, dem »Stein der Verbannung«, einen Vers aus Rüdiger Bartelmus’ »Dies irae« vorangestellt: »Tag der Rache, Tag der Sünden, / Wird das Weltall sich entzünden.« Der Leser kann sich also auf Turbulenzen gefasst machen. Auch wenn von hundert Verbrechen in einer Abtei nicht direkt die Rede ist (von einigen schon), dann·doch von unzähligen auf italienischen und französischen Straßen, in Gassen, Tavernen und Schlupfwinkeln, in Palästen und in den Köpfen und Herzen gieriger und bösartiger kirchlicher und weltlicher Potentaten und ihrer hirnlosen Schergen.

• Marcello Simoni: Die Abtei der hundert Verbrechen. Mittelalter-Thriller. A. d. Ital. v. Barbara Neeb u. Katharina Schmidt.
Emons Verlag, 432 S., br., 14,95 €.

Zur Erinnerung: Wir werden ins 14. Jahrhundert, also ins dunkle Spätmittelalter, ganz genau: in die Jahre 1347 und 1348 nach der Schlacht bei Crecy in der Normandie, entführt. Die großen und kleinen Fürsten Europas kämpfen und schachern um Macht und Vorherrschaft, und die Pest steht vor Europas Türen. Nein! Unmittelbar zu diesem Zeitpunkt bricht die Seuche herein und verbreitet sich in Windeseile. Gevatter Tod schwingt seine Sense und mäht überall einen großen Teil der Bevölkerung dahin, Arme wie Reiche. Ganz besonders wütet er - wie wir aus dem erhellenden Nachwort des Autors erfahren - in den wichtigen Orten des Roman-Geschehens: in Avignon, in Reims und in Ferrara.

Hier in Ferrara in einer Taverna und kurz darauf in der nahe gelegenen Abtei Santa Maria Pomposa finden wir unseren Helden, den furchtlosen Ritter Maynard de Rocheblanche aus Reims, wieder. Im Besitz zweier wertvoller Reliquien, die ihm einst anvertraut worden waren und auf die Spur einer noch viel wertvolleren Reliquie geführt hatten, glaubt er, dieser und, damit verbunden, des Rätsels Lösung ganz nahe zu sein. Ein Irrtum. Den Mönch Facio di Malaspina, der um den »Lapis exilii« wusste, trifft er in der Spelunke nur noch gefoltert und tot an.

Natürlich stecken hinter diesem Mord noch ganz andere Personen, und eine vermummte Gestalt liefert ihm kurz darauf auch gleich noch in den Gassen Ferraras einen gefährlichen Zweikampf, bei dem er nur knapp dem Tod entgeht. Vorübergehenden Schutz bietet ihm der alte Abt Andrea vom Kloster St. Maria di Pomposa, mit dessen Hilfe er auch noch seine beiden Schutzbefohlenen, das Mädchen Isabeau und den genialen Freskenmaler Gualtiero, in Sicherheit bringen kann. Denn, machen wir es kurz, auch die sind in Gefahr, besonders der junge Maler, dessen Vater gerade aus unerfindlichen Gründen gehenkt worden ist und über den wir erst viel später Erstaunliches und Spannendes erfahren.

Durch Vermittlung erhält Maynard, Chevalier seiner Majestät Philipp IV. de Valois, das Angebot des Marchese Obizzo III. dEste von Ferrara, dessen Waffenmeister zu werden und seinen Sohn im Waffengebrauch zu unterrichten. Und so gerät er nicht nur in den Konflikt neuer Aufgaben und seiner eigentlichen Interessen, sondern auch in das Knäuel von verfilzten Machenschaften weltlicher und kirchlicher Herren: des Obizzo, des Vizdoms Superanzio Orsini und des Bischofs Guido di Baisio von Ferrara, hinter dem auch noch der teuflische Kardinal Bertrand du Pouget von Avignon steckt. Der hat seine Arme bis nach Reims ausgestreckt, wo Maynards Schwester Eudeline Äbtissin ist. Wer allerdings den ersten Teil der Trilogie nicht kennt, hat einige Schwierigkeiten, sich durch dieses Geflecht und die Geheimnisse allermöglichen Reliquien durchzufinden.

Maynard muss sich jedenfalls neuerlich klammheimlich auf den Weg nach Frankreich machen und nimmt den jungen Gualtiero mit. Was sie da in Städten und Dörfern an Pest, Tod und Hunger sehen, ist schon lesend kaum zu ertragen (hier weitet der Autor seinen Thriller ein bisschen sehr aus. Weniger wäre mehr gewesen).

Dann führen beider Wege in verschiedene Richtungen. Werfen wir kurz einen Blick auf das (vorläufige) Ende, denn hier wird vieles entflochten, und hier enthüllt sich dem jungen »sehenden« Maler das Geheimnis des im Kloster Mont-Fleur verborgenen »Lapis exilii«. Es ist ein toller literarischer Coup des Autors, seine »Legende« mit der von Artus und dem Gral zu verbinden. Das versöhnt auch mit der Mischung aus Historie und Fiktionalem, die zuweilen allzu sehr ins Dunkel-Fantastische abgleitet.

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