Edle Getränke und bittere Tropfen

Sächsische Abgeordnete beleuchtet bei »Tour de Liqueur« die Nöte von Kleinunternehmen

  • Hendrik Lasch, Plauen
  • Lesedauer: 5 Min.

Abgeordnete haben es nicht leicht. Es ist halb elf, und Luise Neuhaus-Wartenberg bekommt den ersten Alkohol angeboten. Darf es ein »Aromatique« sein, ein Gewürzlikör, dessen Rezept 1900 auf der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille erhielt? Oder ein Himbeer-Orangen-Likör, der nach ihrer Namensvetterin, der Preußenkönigin Luise, benannt ist? Die Politikerin lehnt dankend ab: Sie fährt. Die Fotografin der Lokalzeitung hat weniger Skrupel - und lobt den Rosenlikör in höchsten Tönen. Bernd Gallon, der ihn fabriziert, ist zufrieden. »Am besten schmeckt er gemischt mit Sekt«, sagt er: »Ein Zentiliter reicht.«

Politiker fahren im Sommer gern über Land, um Bürgern und Wählern zu begegnen. Sie lassen sich in Kitas und Sportvereinen sehen, auf Baustellen, bei den Landfrauen. Die Linksabgeordnete Neuhaus-Wartenberg reist dieses Jahr zu Brauern und Schnapsherstellern. Die Einladung erinnerte Berichterstatter an eine Sendung, die einst am Sonntagvormittag im ARD-TV lief und bei der Pressemenschen über Politik redeten, dazu aber viel Wein tranken - ironischer Arbeitstitel: »Sieben Alkoholiker aus sechs Anbaugebieten«.

Neuhaus-Wartenberg ist nicht dem Trunk verfallen. Sie hat aber eine Oma, die 99 ist und in einer Brauerei in Markranstädt groß wurde. Die Politikerin weiß aus deren Erzählungen um die anstrengende Arbeit und die Nöte in den oft kleinen Betrieben. Weil sie in ihrer Fraktion für den Mittelstand zuständig ist, beschloss sie, quasi auf eine »Tour de Liqueur« zu gehen und sich die Lage heute anzuschauen - in einer Branche, die in Sachsen nicht für viel Umsatz sorgt, aber vielfältig ist: Kleine Schnaps- und Likörhersteller gibt es weit über 50.

Viele von ihnen bewahren dabei gewissermaßen traditionelles Kulturgut. Die Liköre, die Gallon im Plauener Ortsteil Jößnitz fabriziert, gehen auf Emil Gustav Dünnebier zurück, der ab 1895 in Zwickau aus Frankreich mitgebrachte Rezepturen umsetzte. Der Adler-Tropfen, den Frank Felberg im Rittergut Planschwitz abfüllt, wurde 1891 kreiert; er sei »der älteste Kräuterbitter im Vogtland«, sagt der heutige Hersteller. Und Emil Reiher gründete die Firma, die später den legendären »Moosmann« hervorbrachte, im Jahr 1919. »Nächstes Jahr«, sagt seine Enkelin Jana Grenzendörfer, »wird gefeiert.« Mit welchem neu entwickelten Getränk angestoßen wird, ist noch unklar.

Die Kräuter- und anderen Liköre entstanden in einer Zeit, als in Kolonialwarenhandlungen exotische Gewürze und heimische Kräuter angesetzt wurden - im Interesse der Gesundheit. Dass der Kräuterlikör diese auch heute noch fördert, glaubt, wer bei Frank Felberg den Finger ins Fass mit der konzentrierten Essenz taucht und ableckt: Der Geschmack erinnert fatal an Hustensaft. Freilich: Einen Begriff wie »bekömmlich« darf Reihers Tochter Elke Bretschneider, anders als ihr Vater, heute nicht mehr auf das Etikett schreiben. Weil sie das zunächst nicht wusste, hat ihr eine Art Abmahnverein großen Ärger bereitet. Kosten samt Anwalt: vierstellig.

Es sind typische Nöte der Firmen, die oft nur wenige Mitarbeiter haben - oder außer den Inhabern gar keine. Emil Reiher, der in den späten Jahren der DDR bis zu 16 800 Liter des legendären Wismutfusels produzierte, hatte zwei Angestellte. Heute, sagt seine Tochter, ernährt ein Unternehmen wie ihres keinen Beschäftigten. Obwohl Marken wie »Moosmann« oder der aus Kümmel und Rum gemischte »Zweitakter« einen guten Ruf haben, obwohl zu besonderen Anlässen wie der Einweihung der neuen Skischanze in der Vogtland-Arena Sondereditionen mit speziellem Etikett aufgelegt werden, geht der Absatz zurück. Kleine Läden und Kneipen, die solche Produkte führten, geben auf; Getränkemärkte, die zu Kunden der Kleinunternehmen gehörten, werden von großen Ketten aufgekauft - die wiederum nicht nur kostspielige jährliche Zertifizierungen verlangen, sondern sich eine Aufnahme ins Sortiment auch teuer bezahlen lassen.

Seinen »Adler-Tropfen« will Felberg jedoch gar nicht in den Regalen von Supermärkten sehen. Er bewirbt sein Produkt als »handwerklich hergestellt« und betont, seine Manufaktur wolle »klein und solide« bleiben. Felberg gibt sich zuversichtlich, dass die Erträge seine Familie ernähren und zur Sanierung des Ritterguts beitragen können. Auf jeden Fall scheint Exklusivität ein Erfolg versprechendes Rezept zu sein. Die Dünnebier-Produkte, die den Anspruch schon mit der Schreibweise »Liqueur« herausstellen, werden vorwiegend auf Handwerks- und Kunstgewerbemärkten vertrieben - an eine Kundschaft, die für Handgemachtes gern ein paar Euro mehr ausgibt.

Mühsam sind die Herstellung und vor allem der Vertrieb dennoch; Bernd Gallon, der einst in der »Plauener Spitze« arbeitete und heute Rentner ist, füllt jede Flasche von Hand ab, klebt Etiketten auf, fährt zu Märkten quer durchs Land. Auch Elke Bretschneider und ihre als Lehrerin tätige Tochter standen am Tag vor dem Besuch der Politikerin fünf Stunden lang an der Abfüll- und der Maschine, die den Verschluss aufpresst: eine antike Apparatur, deren Bedienung Besuche im Fitnessstudio überflüssig macht. 1100 Flaschen wurden in der Zeit von Hand befüllt, verschlossen und beklebt. Damit die Zeit nicht lang wird, läuft ein Kofferradio - für das sie, wie Bretschneider klagt, genauso Rundfunkbeitrag zahlen muss wie für den Fernseher in ihrer Wohnung eine Etage höher. »Manche raten mir: Leg dich lieber aufs Sofa«, sagt die 69-Jährige. »Aber ich will das Erbe meines Vaters doch gern am Leben erhalten.«

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