Der Reichtum des Randes

»erdanziehung« - Gedichte von Wulf Kirsten, der 85 wird

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.

Was man vermisst, das spürt man - und im guten Buch liest du’s. Literatur bedeutet, dass man vom Nichthaben was hat. Einen Schmerz, eine Ahnung, reichere Farben mitten in des Lebens Blässe. Wir geraten in einen Zustand der Huldigung, wenn im Gedicht etwas zu Wort kommt, das uns fehlt. Raum etwa. Raum fehlt immer. Spiel-Raum. Verständnis-Raum. Wulf Kirstens Gedichte sind Raum-Gedichte. Sie räumen aus, sie räumen ab, sie räumen ein.

Ein Ton klingt an, der irden ist und zugleich wegrückt. Nichts da vom »flügelschlag der geschichte erdenthoben«. So steht es in einem früheren Gedicht - der jüngste Band knüpft an, er heißt: »erdanziehung«. Schwerkräfte wirken; Boden hält und wankt; weit unten wächst die Liebe zum Himmel am stärksten, dort, wo Ungebundensein schwerste Arbeit ist. Ob verregneter Sommertag, Weidenpfad oder Spielplatz, ob Stille, Zweifel oder eine Stadtführung: In diesen Gedichten letzter Jahre weiß der Dichter ums seelendrückend...


Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.