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Angst und Verunsicherung

Bei der Deutschen Eischnelllauf-Gemeinschaft ist unter Matthias Große nur wenig Gemeinschaftsgefühl zu spüren

  • Von Emanuel Reinke und Cai-Simon Preuten
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Athleten sollen schweigen. Öffentlich sprechen möchte bitte nur noch der Präsident. Und auch für Medienkritik ist natürlich nur Matthias Große höchstpersönlich verantwortlich - neuerdings über die offiziellen verbandseigenen Kanäle. Seit einem Monat steht der Lebensgefährte von Claudia Pechstein kommissarisch der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) vor. Seither weht ein neuer Wind im kriselnden Verband.

Große, der am 19. September im Amt bestätigt werden will, kämpft um die Deutungshoheit - in der DESG und der Öffentlichkeit. Der Unternehmer hat dafür viel Werbung in eigener Sache betrieben. Er zog einen dringend benötigten Hauptsponsor an Land, die Geschäftsstelle stattete er mit neuen Computern aus, den Stützpunkten organisierte er neue Busse. Gute Nachrichten in schlechten Zeiten. Denn Große tritt gönnerhaft auf, als Macher und einer, der anpackt. Sein Führungs- und Kommunikationsstil ist dabei jedoch zumindest fragwürdig.

Irritierte Sportler

Aus dem Kreis der Athleten ist Verunsicherung zu vernehmen. Vor allem die Entlassung des Bundestrainers Erik Bouwman, der sich heftig mit Pechstein und Große überworfen hatte, irritiert die Sportler. Öffentlich äußern sollen sie sich bis auf Weiteres zu diesem und anderen Themen nicht. In einem Schreiben vom 2. Juli, adressiert an die Mitglieder und Athleten der DESG, bat das Präsidium »inständig« darum, sämtliche Presseanfragen an die Pressestelle des Verbandes zu verweisen . Der DESG gehe es darum, »als Gemeinschaft aufzutreten und eine einheitliche externe Kommunikationsstrategie auf den Weg zu bringen«. Die Verband soll mit einer Stimme sprechen. Seiner. »Seit der kommissarischen Präsidentschaft kommen Sportler auf mich zu und sagen - ungefragt - dass sie Bedenken haben, ihre Meinung zu äußern, weil sie nicht wissen, ob sie dann ihren Kaderstatus behalten«, sagte Athletensprecher Moritz Geisreiter. »Solch eine Angst darf niemand haben.« Leon Kaufmann-Ludwig, der Athletensprecher der Shorttracker, erhielt ähnliche Rückmeldungen von Athleten. »Das klingt aus meiner Sicht wie ein Maulkorb«, sagte er.

Ein klärendes Gespräch zwischen den Athletenvertretern und Große fand laut Geisreiter »trotz verschiedener vorgeschlagener Zeiträume an zwei Tagen und mehrerer Anfragen an ihn unsererseits« noch nicht statt. Einer, der sich trotz der DESG-Vorgabe äußert, ist Manuel Gras. Der Erfurter gehört nach einer Rückenverletzung von 2019 aktuell dem Ergänzungskader an. Sein Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Mit Bundestrainer Bouwman sah er sich dafür gut gewappnet. Er habe sich in einem Gefüge befunden, »in dem ich mich absolut wohlgefühlt habe und von dem ich überzeugt war«, sagte der Mittelstreckenspezialist Gras: »Man ist mitten in der Saisonvorbereitung und das Konstrukt, das gut funktioniert, wird einfach ohne Vorwarnung auseinandergerissen. Das ist für mich als Athlet sehr unschön.« Von Bouwmans Entlassung erfuhr er über den Medien.

Falscher Kommunikationsweg

Es sei grundsätzlich richtig, dass man nach außen ein einheitliches Bild präsentieren wolle, meint Gras. »Dann muss die Kommunikation im Vorfeld aber auch nach innen stimmen. Es ist aus meiner Sicht nicht gut, wenn nicht vernünftig mit den Athleten kommuniziert wird und sie in solche Entscheidungen nicht miteinbezogen werden, dann im Nachhinein aber gesagt wird, dass man nach außen ein einheitliches Bild abgeben will«, so der 25-jährige.

In einem Offenen Brief an die Athletinnen und Athleten hatte Große Ende Juni für einen »Neuanfang« geworben, einen, der »persönliche Eitelkeiten zurückstellt«. Ferner müssten »persönliche Befindlichkeiten dem Erfolg untergeordnet werden«. Die Entlassung Bouwmans, der den Rückhalt vieler Athleten genoss, konterkarierte diese Vorsätze. Auch in der externen Kommunikation gibt Große klar die Richtung vor. Anfang des Monats wurden die offiziellen Verbandskanäle dafür genutzt, um einen unliebsamen Artikel der Süddeutschen Zeitung anzuprangern. Der Deutsche Olympische Sportbund wollte »zur Kommunikationsstrategie unserer Mitgliedsorganisationen keine Stellung« nehmen. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, wurde deutlicher. »Ich halte es auf jeden Fall für fragwürdig, wenn auf einem offiziellen Kanal eines Spitzensportverbandes, der mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, die Pressefreiheit zumindest infrage gestellt wird«, sagte die SPD-Politikerin. SID/nd

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