Kinder weinen vor der Schule

Landeselternrat kennt die Folgen des schlecht organisierten Wechselunterrichts

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Wechselunterricht: Kinder weinen vor der Schule

Für die Kinder herrscht seit über einem Jahr Ausnahmezustand», beklagt die Landtagsabgeordnete Kathrin Dannenberg (Linke) den Zustand des Schulwesens in der Corona-Pandemie. «Der Bildungszug rollt weiter. Ein Waggon nach dem anderen wird abgehängt», beschreibt sie am Dienstag ihren Eindruck. «Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Wo ist der Plan? Ich kenne keinen.»

Die rot-schwarz-grüne Landesregierung setze falsche Prioritäten, bestehe auf Prüfungen, statt Sicherheit zu geben, Zuversicht zu verbreiten, zum Lernen zu motivieren. Dannenberg fordert, dass bis zum Ende des laufenden Schuljahres angesichts der besonderen Umstände auf Klassenarbeiten, Tests und eine Leistungsbewertung in Form von Noten verzichtet wird. Und: «Jedes Kind soll versetzt werden, außer in Ausnahmefällen, in denen die Schulen gemeinsam mit den Eltern entscheiden, dass ein Kind eine Klasse wiederholen soll.»

Der Landtag soll der Landesregierung als Hausaufgabe aufgeben, so zu verfahren. Ein entsprechender Antrag der Linksfraktion steht auf der Tagesordnung der Parlamentssitzung an diesem Mittwoch. «Der Leistungsdruck muss raus», glaubt die Abgeordnete Dannenberg, die von Beruf Lehrerin für die Fächer Sport und Geschichte ist.
«Der Antrag hat uns erreicht und wir können ihn unterstützen», sagt Nicole Graser vom Landeselternrat. Sie ist am Dienstag zu Gast bei der Linksfraktion und erzählt: «Die Kinder zerbrechen seelisch unter diesem Prüfungsstress.» Teilweise seien Sechsjährige gezwungen, allein Zuhause Schreiben und Rechnen lernen, weil die Eltern arbeiten müssen. Graser berichtet auch von Kindern, die weinend vor der Schule stehen und nicht hineingehen wollen, wenn denn nach einer Phase des Distanzlernens mal wieder der Tag oder die Woche mit Präsenzunterricht dran ist.

«Wenn es keine 100-prozentige Schule gibt, kann es auch keine 100-prozentige Leistung geben», ist Graser überzeugt. Ihrer Einschätzung nach haben alle Schüler Leistungsrückstände, und daran seien nicht sie selbst oder ihrer Eltern schuld, sondern das Bildungsministerium, das nicht für einen guten Distanzunterricht sorgte – auch mehr als ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie nicht.

Graser wünscht sich, dass die Kinder motiviert werden, gern zu lernen, gern zur Schule zu gehen. Eigentlich möchten das alle Kinder, ist sie überzeugt. «Kinder sind wissensdurstig. Die fragen ihren Eltern Löcher in den Bauch», erinnert Graser.

Die Frage, ob Eltern ihre Kinder impfen lassen wollen, damit diese ungefährdet die Schule besuchen können, beantwortet die Frau vom Landeselternrat mit der Auskunft, es gebe solche und solche. «Die es möchten, sollen ihr Kind impfen lassen dürfen. Die es nicht möchten, sollen bitte nicht gezwungen werden», sagt Graser. Schließlich seien die bisher eingesetzten Impfstoffe noch nicht in ihrer Wirkung auf Kinder erprobt. Der Impfstoff der Pharmafirma Biontech ist deshalb erst ab 16 Jahren zugelassen, die anderen Impfstoffe dürfen nur an über 18-Jährige verabreicht werden. Bedenken einiger Eltern kann Nicole Graser deshalb nachvollziehen. Was Nachhilfeunterricht in den Ferien betrifft, sagt sie, Kinder und Eltern stehe ein Erholungsurlaub zu – gerade nach der durch die Pandemie so anstrengenden Zeit.

Das findet auch die Landtagsabgeordnete Isabelle Vandré (Linke). Alle Kinder haben ein Recht darauf und auch ein Bedürfnis, zu spielen, sich zu treffen, in den Ferien Freizeit zu haben, sagt Vandré. «Bildung ist mehr als Schule», betont sie. Deshalb sollte das Land seine Förderprogramme zur finanziellen Unterstützung von Ferienspielen und Urlaubsfahrten aufstocken. In den acht Jugendbildungsstätten in Brandenburg wäre einiges möglich, beispielsweise in der Bildungsstätte «Kurt Löwenstein» des sozialistischen Jugendverbands «Die Falken» in Werneuchen oder in der Bildungsstätte der Sportjugend in Blossin.

Für die Koalition winkt die Abgeordnete Kristy Augustin (CDU) mit Blick auf die Finanzlage jedoch ab. Bei ihr hört sich das aber so an, als sei das gar kein Beinbruch. Sie sagt: «Das Ferienprogramm ist meines Wissens für bis zu 10.000 Kinder ausgelegt. Das ist schon ein tolles Angebot.»

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