Im Wahn der Innovationen

Bill Gates will mit »Signalen« die Welt retten, für die Freunde des Toastbrots und die Freunde des Privatjets

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn Bill Gates ein Buch schreibt, dann kommt es auf Platz 1 der »Spiegel«-Bestsellerliste, zumal der Titel ein Versprechen ist: »Wie wir die Klimakatastrophe verhindern«. Auf gut 300 Seiten präsentiert der Milliardär aus den USA seine Innovationen zur Klimarettung. Zu jedem Problem hat er eine Lösung parat: sich selbst bzw. seine Milliardeninvestitionen bzw. die seiner Milliardärsfreunde.

Als Sachbuch ist diese mehr oder minder zufällige Sammlung bekannter Fakten zum Thema unbrauchbar, da sich Gates fast ausschließlich darauf beschränkt, »Lösungen« anzupreisen, die Start-ups, in die er selbst investiert hat, zu Ruhm, Ehre und möglichst Rendite verhelfen sollen. Das Buch ist ein idealtypisches Beispiel für die Hybris einer sehr kleinen Kaste von Superreichen und offenbart einen Einblick in die Selbstsicht dieser Leute.

Zunächst gibt sich Gates reumütig und erklärt, es sei ihm klar, dass die Welt nicht unbedingt »reiche Männer« mit »großen Ideen« benötige, »die glauben, dass jedes Problem durch Technologie gelöst werden könne«. Was jedoch nur einer der rhetorischen Affentänze ist, in die er regelrecht verliebt ist: »Und ich besitze große Häuser und fliege mit Privatjets - tatsächlich bin ich mit so einem Flugzeug zur Klimakonferenz nach Paris gereist, wer bin ich also, mich berufen zu fühlen, irgendjemandem Vorträge über die Umwelt zu halten?«, so das wohlfeile Eingeständnis. Welches aber sogleich gegen seine Kritiker gewendet wird, denn, na, klar: »Ich habe über eine Milliarde Dollar in Lösungsansätze investiert, von denen ich hoffe, dass sie dazu beitragen können, die Welt auf null Emissionen zu bringen. (…) Und ich kenne niemanden, der mehr Geld in die Technologie der Direct Air Capture investiert, um CO2 direkt aus der Luft zu entnehmen.« Aus diesem Grund will er sich auch keine Sorgen machen: »Natürlich wird mein Fußabdruck nicht kleiner, indem ich in diese Unternehmen investiere. Aber falls ich darunter mindestens einen Sieger gefunden habe, wird dieser dafür sorgen, dass wesentlich mehr CO2 aus der Atmosphäre entnommen wird, als ich und meine Familie verursacht haben.«

Dass Familie Gates sich hauptsächlich im Privatjet fortbewegt, ist zwar vollkommen verantwortungslos, aber Onkel Bill wird nicht nur sein eigenes CO2 wieder aus der Atmosphäre holen, sondern gleich das von allen seinen dummen Kritikern dazu. So nett ist er.

Oberstes Gates-Gebot ist, über Verzicht gar nicht erst oder nur am Rande nachzudenken, denn: »Wenn jemand gern Toast zum Frühstück isst, müssen wir dafür sorgen, dass ein System vorhanden ist, das das Brot, den Toaster und den Strom für dessen Betrieb bereitstellt, ohne die Atmosphäre mit zusätzlichen Treibhausgasen zu belasten. Wir lösen das Klimaproblem nicht dadurch, dass wir den Leuten sagen, sie sollen auf ihr Toast verzichten.« Das ist das intellektuelle und sprachliche Niveau, auf dem sich der Text bewegt. Um es kurz zu machen: Damit dem Toast-Freund sein Toast und dem Privatjet-Freund sein Privatjet nicht abspenstig gemacht werden müssen, braucht es Innovationen, und die hat Gates ohne Ende zu bieten.

Besonders angetan haben es ihm Atomkraftwerke, dafür hat er auch direkt eine Firma gegründet - und, was sonst: »Wir meinen, ein Modell entwickelt zu haben, bei dem alle wichtigen Probleme gelöst sind.« Beispiele gefällig? »Der Reaktor würde viel weniger Atommüll produzieren (…), würde vollautomatisch laufen - wodurch das Risiko menschlichen Versagens gebannt wäre (…) Und zu guter Letzt wäre der Reaktor inhärent sicher, durch etliche geniale Konstruktionsmerkmale, mit denen die Kernspaltung unter Kontrolle gebracht wird« - wenn das keine rosigen Aussichten sind! Was mit dem »viel weniger Atommüll« während der folgenden Hunderttausenden von Jahren geschehen soll, bleibt Gates’ Geheimnis, zum Glück.

Und so geht es fröhlich weiter: Dem Methanproduzenten Kuh beispielsweise will der Mann mit Chemie zu Leibe rücken, um ihn am Furzen und Rülpsen zu hindern: »Die Verbindung heißt 3-Nitrooxypropanol und reduziert die Methanemissionen um immerhin 30 Prozent. Gegenwärtig müsste das Mittel den Tieren allerdings mindestens einmal täglich verabreicht werden, so dass es für die Weidehaltung weitgehend ungeeignet ist.« Noch! Das Buch ist aber nicht nur Dokument des Innovationswahns, es zeigt unfreiwillig, wie sehr die ökonomische Marktvermittlung einer wirksamen Klimapolitik im Wege steht. Gates versichert permanent, dass die Umsetzung von Klimaschutz immer an demselben Problem scheitere: Es ist zu teuer. Leitungen bauen, um etwa Solarstrom an sonnenarme Orte zu transportieren? »Ein kostspieliges und zeitaufwendiges Verfahren«. Überschüssige Windenergie in Batterien speichern? »Unerschwinglich teuer«. In-vitro-Fleisch produzieren? »Sehr teuer«. Daher, so Gates zentrale These, müsse der von ihm so genannte Ökozuschlag durch Innovationen und gesetzliche Marktanreize »gedrückt« werden. Dass dieses »Zu teuer« irgendwie den Marktgesetzen entspringt, ist ihm also ganz verborgen geblieben, erwartungsgemäß kommt ihm aber niemals in den Sinn, dieses Weltvernichtungssystem einmal grundsätzlich infrage zu stellen.

Geradezu anrührend anschaulich beschreibt Gates den Marktfetischismus, der schnellen und wirksamen Entscheidungen im Weg steht. So empfiehlt er den Verbrauchern: »Wenn Sie mehr Geld für ein Elektroauto, eine Wärmepumpe oder einen Burger auf pflanzlicher Basis ausgeben, tun Sie damit kund: ›Es gibt einen Markt für diese Dinge. Wir kaufen sie.‹ Und wenn genug Menschen dasselbe Signal aussenden, werden die Hersteller und Anbieter reagieren.« Abgesehen davon, dass diese Kaufentscheidungen nur für eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung überhaupt zur Debatte steht (die große Mehrheit kämpft bekanntlich täglich um eine halbwegs menschenwürdige Existenz), müsste spätestens an dieser Stelle doch wenigstens nicht die Frage im Raum stehen, wie man die Welt mit möglichst sicheren Atomkraftwerken zupflastern oder Kühe gegen Flatulenz impfen könnte, sondern warum die Ökonomie nicht längst unter demokratische Kontrolle gestellt ist. Und warum nicht Milliardären wie Bill Gates ihre Milliarden ebenso abgenommen werden wie die Produktionsmittel, mit denen sie täglich Milliarden Menschen den Mehrwert abpressen, der dann auf ihren Konten landet, was erst das System evoziert, das unendlich wachsen muss, um existieren zu können.

Wenn Menschen nicht mehr darauf angewiesen wären, »Signale« an einen Markt zu senden, um diesen zu irgendetwas zu bewegen, sondern schnell und demokratisch selbst darüber bestimmen könnten, was sie wie und wo und unter welchen Bedingungen produzieren, wäre das »Zu teuer«-Argument hinsichtlich des kapitalistischen Profitvorbehaltes obsolet und damit auch der entscheidende Bremsfaktor zum Einsatz längst bestehender umweltfreundlicher Technologien beseitigt. Wenn Gates’ Buch etwas zeigt, dann dass der Innovationswahn das »last resort« einer bürgerlichen Ideologie ist, die angesichts der drohenden Katastrophe nichts anzubieten hat.

Bill Gates: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern: Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind. A. d. amerik. Engl. v. Karsten Petersen u. a. Piper, 320 S., geb., 22 €.

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