Erste Hilfe

Tom auf Tour

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 3 Min.

Erholung ist wichtig die Fahrer bei der Tour de France. Kleinlich wird über jede Minute nach dem Zieleinlauf gewacht. Schnell in den Bus, schnell ins Erholungsbad und unter die Hände des Physiotherapeuten. Besonders für Klassementfahrer ist dies existenziell. Chris Froome könnte Bücher darüber schreiben. Allein die Helikopterflüge von den Bergankünften hinunter ins Hotel würden Seiten füllen, das wurde dem früheren Profi vom Team Sky zugestanden, um sich schneller und besser erholen zu können.

Am Mittwoch, nach der 17. Etappe, machte Froome gemeinsam mit dem ehemaligen Weltmeister Philippe Gilbert und Christopher Juul-Jensen eine Ausnahme von dieser Regel, als sie einem Radtouristen, der in eine Schlucht gestürzt war, halfen. »Ich verlor 20 Minuten dabei«, unterstrich Gilbert in einem Interview mit dem belgischen Fernsehen die Außergewöhnlichkeit der Situation. Auf der Abfahrt nach der Ziellinie am Col du Portet folgten die Profis einem Amateurfahrer, der schnell in die Kurven ging. Der versteuerte sich aber und stürzte. »Er fiel 20 Meter tief den Abhang hinunter. Wir stoppten, halfen ihm auf und riefen Hilfe, denn es ging ihm wirklich noch sehr schlecht«, erzählte Gilbert.

Tom Mustroph, Radsportautor und 
Dopingexperte, berichtet zum 20. Mal 
für »nd« von der Tour de France.
Tom Mustroph, Radsportautor und 
Dopingexperte, berichtet zum 20. Mal 
für »nd« von der Tour de France.

Der Belgier hatte selbst Ähnliches erlebt. Bei der Tour de France 2018 stürzte er als Ausreißer bei einer Abfahrt vom Col de Portet d’Aspet - einem ähnlich klingenden, aber etwa 100 Kilometer vom Col du Portet entfernten Pyrenäengipfel. Seine Tour war damals beendet. Die Bilder, die ihn mit blutenden Wunden tief in der Schlucht zeigten, gingen um die Welt. Sie erinnerten an ein anderes Sturzopfer am Col de Portet d’Aspet: den 1995 tödlich verunglückten Fabio Casartelli.

Auch Froome hat am eigenen Leibe erlebt, was stürzen bedeutet - und wie wichtig gute und schnelle Hilfe ist. Seit seinem Sturz auf der Dauphine 2019 ist der Brite nicht mehr der Alte, fährt im Gruppetto den Fahrern hinterher, die er einst so mühelos stehen ließ wie Tadej Pogacar jetzt. Mit dem Col du Portet verbindet Froome noch ein anderes, besonderes Erlebnis. Bei der Tour 2018 endete ebenfalls eine Etappe auf diesem Gipfel. Damals fuhren die Profis ebenfalls mit dem Rad die Abfahrt hinunter zu den Bussen. Weil Froome früh dran war - er wurde immerhin Gesamtdritter - ging er auch früh in die Abfahrt zum Bus. Allerdings war das Rennen noch im Gange. Froome fuhr in Gegenrichtung des Rennens. Und ein Gendarm hielt ihn brüsk an. Handyvideos zeigen, wie Froomes Rad auf dem Boden lag und er in einen wütenden Dialog mit dem Uniformierten verstrickt war. Der hielt den mit einer Regenjacke bekleideten Weltstar für einen Radtouristen, der das Peloton gefährden könnte.

Jetzt gehört Froome zu den Letzten im Feld. Schön ist, dass er die Zeit findet, für andere da zu sein. Ein Zeichen für Solidarität unter Radsportlern, denen es in solch existenziellen Momenten egal ist, ob sie Millionen verdienen oder zu spät zur Massage kommen.

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