Trübe Aussichten

Um die Kindergärten steht es schlecht, Verbesserungen sind nicht in Sicht

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie schlecht es um die Kindergärten in Deutschland steht, machen die Ergebnisse von gleich zwei am Dienstag veröffentlichten Studien deutlich. Eine kindgerechte Personalausstattung und zugleich ausreichend Plätze in allen Kitas sind in diesem Jahrzehnt nicht mehr zu realisieren. Zu diesem niederschmetternden Ergebnis kommt die Studie der Bertelsmann-Stiftung. In Westdeutschland stehen demnach trotz massiven Ausbaus von Kitas weiterhin zu wenige Plätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung. Während in Ostdeutschland 53 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Kita besuchen, liegt der Anteil in Westdeutschland bei lediglich 31 Prozent.

In 15 von 16 Bundesländern werden mehr als die Hälfte der Kinder in Gruppen mit einem nicht kindgerechten Personalschlüssel betreut, deutschlandweit betrifft das fast drei Viertel der Kinder. Besonders schlecht ist der Personalschlüssel in Ostdeutschland. »Das Gefälle zwischen Ost und West bei Teilhabe und Qualität aufzulösen, wäre ein echter Durchbruch in der frühkindlichen Bildung«, erklärte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, anlässlich der Studienveröffentlichungen. »Der Mangel an Fachkräften ist überwindbar. Darauf sollten sich ab sofort alle politischen Anstrengungen konzentrieren«, so Dräger. Vom Bund wünscht er sich, dass dieser sein finanzielles Engagement für den Qualitätsausbau über 2022 hinaus fortsetzt und im sogenannten Gute-Kita-Gesetz verlässlich verankert. Die Mittel sollten in erster Linie dafür verwendet werden, neue Fachkräfte zu gewinnen und zu qualifizieren, sowie die Personal- und Leitungsausstattung der Kitas zu verbessern.

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender vom Verband Bildung und Erziehung, findet dagegen deutliche Worte zu den fehlenden Verbesserungen: »Die Personalunterdeckung an deutschen Kitas ist nach wie vor dramatisch. Erwartungen, die die Politik vor allem mit dem sogenannten Gute-Kita-Gesetz geschürt hat, wurden vielfach nicht erfüllt.« Beckmann bezieht sich dabei auf die ebenfalls am Dienstag veröffentlichte Studie des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK). Auch diese hat zum Ergebnis, dass es einen großen Personalmangel gibt. Für die Studie wurden 4 466 Kitaleitungen von Ende Februar bis Mitte April 2021 befragt. 72 Prozent von ihnen gaben an, dass sich der Personalmangel in den letzten zwölf Monaten sogar noch verschärft habe. 80 Prozent schätzen die tatsächliche Fachkraft-Kind-Relation in der eigenen Einrichtung schlechter ein als es die wissenschaftlichen Empfehlungen für das Betreuungsverhältnis vorgeben. Bei den Unter-drei-jährigen wären es nach Empfehlungen drei Kinder pro Fachkraft, bei den Überdreijährigen 7,5 Kinder.

40 Prozent der Kitaleitungen geben laut der DKLK-Studie zudem an, dass an mindestens einem Tag pro Woche die Aufsicht nicht mehr entsprechend den gesetzlichen Vorgaben garantiert werden kann. 7,3 Prozent der Befragten schätzen sogar, dass sie im zurückliegenden Jahr in über 60 Prozent der Zeit in Personalunterdeckung gearbeitet haben. Laut den Studienautoren sei für das Problem auch keine kurzfristige Hilfe zu erwarten. Vielerorts könnten Stellen in den Kindertagesstätten nicht besetzt werden, weil es an Bewerberinnen und Bewerbern fehle. Träger müssten heute demnach sogar aus Not Personal einstellen, welches vor Jahren wegen mangelnder Passgenauigkeit nicht eingestellt worden wäre.

Neun von zehn Befragten merkten zudem bereits, dass die hohe Arbeitsbelastung zu mehr Fehlzeiten und Krankschreibungen führt. Neben dem mangelnden Personal und der damit einhergehenden hohen Arbeitsbelastung fehlt es der Studie zu Folge außerdem an Wertschätzung für den Beruf. Drei von vier befragten Kitaleitungen stimmen der Aussage zu, in der Gesellschaft halte sich das Vorurteil »Wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur«. Die geringste Wertschätzung nehmen Kitaleitungen vonseiten der Politik wahr. Fast 80 Prozent fühlen sich von dieser nicht ausreichend wertgeschätzt. Auch die Bezahlung hält mehr als die Hälfte für zu gering.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte am Dienstag, den Erzieherinnen- und Erzieherberuf gesellschaftlich deutlich aufzuwerten und besser zu bezahlen. »Nur so gewinnen wir mehr junge Menschen für das Arbeitsfeld Kita«, erklärte GEW-Vorstandsmitglied Doreen Siebernik. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk verlangte am Dienstag größere Kraftanstrengungen zur Verbesserung der Kita-Qualität. Nötig seien dazu mehr finanzielle Mittel und bundeseinheitliche Mindeststandards in der Qualität.

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