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Easyjet biegt falsch ab

Weil einige Piloten am Airport BER nicht die Hoffmann-Kurve fliegen, leidet Zeuthen anders als versprochen unter Fluglärm

  • Von Andreas Fritsche, Zeuthen
  • Lesedauer: 6 Min.
Eine Easyjet-Maschine startet am Airport BER. Rechts im Tower sitzen die Fluglotsen.
Eine Easyjet-Maschine startet am Airport BER. Rechts im Tower sitzen die Fluglotsen.

Nach zwei Stunden wird die Liveübertragung aus der Sporthalle der Paul-Dessau-Gesamtschule im brandenburgischen Zeuthen beendet. 1300 Bürger sahen im Internet zu und machten sich schlau. Aber in der Sache sind weder sie noch die in der Turnhalle sitzenden Kommunalpolitiker auch nur einen Schritt vorangekommen. Denn leider sagte die Airline Easyjet ihre Teilnahme ab, nachdem ihr klar wurde, dass die Deutsche Flugsicherung auch nicht kommen würde.

So verpufft der Frust, der sich in den vergangenen Wochen anstaute. Die Forderungen an Easyjet und die Flugsicherung können nur ins Leere gesprochen werden, in der Hoffnung, dass die Verantwortlichen davon erfahren. Sachlich klären lässt sich hier nun überhaupt nichts.

Worum geht es? Anfang August tauchten plötzlich vom Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld startende Maschinen am Himmel über Zeuthen, Eichwalde und Schulzendorf auf, die dort eigentlich gar nicht entlangkommen sollten. Vorgeschrieben ist den Piloten, die bei Ostwind von der Südbahn des BER Richtung Osten abheben, eine scharfe Kurve zu fliegen, die sogenannte Hoffmann-Kurve. Sie ist benannt nach dem Hobbypiloten Marcel Hoffmann, der da unten wohnt und sich die Kurve ausdachte, um Belästigungen durch Fluglärm, soweit es geht, zu vermeiden. Vor vielen Jahren, als der Flughafen noch gebaut und viel über künftige Flugrouten gestritten wurde, bemängelten einige Piloten, das Manöver sei zu kompliziert. Es wurde aber als machbar eingeschätzt und beschlossen. Dies nicht zuletzt, um Gegenden zusätzlichen Krach bei Starts zu ersparen, die schon von den Geräuschen bei Landungen betroffen sind.

Nur im Ausnahmefall, wenn die Piloten es aus meteorologischen oder aeronautischen Gründen nicht schaffen, die scharfe Hoffmann-Kurve zu fliegen, weil die Temperatur nicht stimmt oder das Flugzeug zu schwer beladen ist, sollten sie lediglich 15 Grad abbiegen dürfen. So erinnert sich Zeuthens Bürgermeister Sven Herzberger (parteilos) am Donnerstagabend. »Wir werden Rechtsmittel prüfen«, kündigt er an.

Es sind in der Hauptsache die Piloten des Billigfliegers Easyjet, die den Ausnahmefall nun zur Regel machen, sogar auf Anweisung von oben. Denn die Fluggesellschaft ließ am 8. August wissen, dass ihre Piloten nun vorerst grundsätzlich nur noch 15 Grad abknicken werden. Offenbar interpretiere der Bordcomputer die Hoffmann-Kurve unterschiedlich, hieß es von der Flugsicherung. Doch der Deutschlandchef von Easyjet, Stephan Erler, widerspricht: »Es liegt nicht an unseren Bordcomputern, dass wir die Hoffmann-Kurve nicht fliegen.« Das Zusammenspiel der Wegpunkte und der Codierung der Route funktioniere nicht in jedem Fall. Aber das Problem sei »lösbar«, so Erler. So steht es in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, aus der Marcel Hoffmann am Donnerstagabend vorliest. Der Vater der Hoffmann-Kurve, wie man den alten Herren nennt, kommt bei der Informationsveranstaltung zu Wort. Wie andere auch versteht Hoffmann nicht, warum Easyjet nicht schaffen sollte, was beispielsweise der Lufthansa und anderen scheinbar mühelos gelingt. Die verwenden doch alle dieselben Flugzeugtypen und seien keineswegs unterschiedlich schwer. Neulich sah Hoffmann eine Maschine von Qatar Airways, »die ist auf den Strich geflogen«. Da fragen sich viele, ob Easyjet die empfohlene Route nun wirklich nicht schaffe oder nicht schaffen wolle. Hoffmann hat die »dollsten Gerüchte« gehört, wie er sagt. So wolle Easyjet bloß erreichen, grundsätzlich von der Nordbahn starten zu dürfen. Da wären die sogenannten Taxiwege kürzer, was Zeit und Kosten spare.

Im Moment ist es so, dass die Flughafengesellschaft FBB immer abwechselnd einen Monat lang nur die Nord- oder die Südbahn für Starts und Landungen freigibt. Zwar hieß es immer, der BER werde durch die jahrelange Bauverzögerung bei seiner Eröffnung bereits zu klein sein für die wachsenden Passagierzahlen. Doch in der Realität sieht es völlig anders aus. In der Corona-Pandemie ist der Luftverkehr in sich zusammengefallen und erholt sich nur langsam.

Im Juni wurde nur die Nordbahn betrieben, erläutert FBB-Geschäftsführer Michael Halberstadt. Da gab es das Problem mit der Hoffmann-Kurve nicht. Im September werde es wieder so sein. »Wir haben als Flughafen keine Durchgriffs- oder Kontrollrechte«, bedauert Halberstadt seine Machtlosigkeit. Er kann Easyjet und die Flugsicherung zu nichts zwingen. Allerdings habe es im August, so Halberstadt, bislang 5039 Abflüge gegeben, von denen 3966 Richtung Westen erfolgten und von denen in Richtung Osten 432 durch die Hoffmann-Kurve und lediglich 237 mit einer 15-Grad-Kurve. Ergo erfolge der Großteil der Abflüge »korrekt«.

Den Anwohnern reicht es jedoch. In einer Straßenumfrage sagen sie Sätze wie: »Ich finde es unverschämt. Die Leute sind ja beschissen worden mit dieser 15-Grad-Kurve.« Man hatte auf die Übereinkunft zur Hoffmann-Kurve vertraut. »Wir waren ganz überrascht, als Flugzeuge über Eichwalde auftauchten an Stellen, wo wir es nicht vermutet hatten«, sagt Bürgermeister Jörg Jenoch (parteilos). Dirk Schulz vom Bürgerverein »Leben in Zeuthen« glaubt, wenn es vorher klar gewesen wäre, wie es nun komme – und es werde schlimmer, wenn der Flugverkehr nach der Pandemie zunimmt –, dann hätten die Anwohner schon vor zehn Jahren Schallschutzfenster bekommen müssen. Das nun nachzurüsten, wäre enorm teuer für den Airport und seine Eigentümer, den Bund und die Länder Berlin und Brandenburg. Darum wünschen sich Bürger und Bürgermeister, dass die Hoffmann-Kurve durchgesetzt wird, dass bei Abweichungen saftige Strafen verhängt werden.

»Wenn bei meinem Auto der linke Blinker kaputt ist und ich dem Polizisten sage, ich fahre jetzt nur noch rechts rum, dann kriege ich Ärger«, betont Schulzendorfs von der SPD nominierter Bürgermeister Markus Mücke.

Nun ist es aber keinesfalls so, dass mit einer strikten Einhaltung der Hoffmann-Kurve die gesamte Region zufrieden wäre. Ihre Stadt Wildau werde bei Nutzung der Hoffmann-Kurve überflogen, erklärt Bürgermeisterin Angela Homuth (SPD). Diese Kurve sei für ihre Kommune »eine Zumutung«.

Auch Königs Wusterhausens Bürgermeisterin Michaela Wiezorek favorisiert keineswegs automatisch die Hoffmann-Kurve. Es trifft den einen oder anderen Ortsteil ihrer Stadt so oder so. Mit einer Petition bitten Betroffene der Abweichung von der Hoffmann-Kurve Wiezorek, eine Lösung zu finden. Der Lärm sei unerträglich. Mit Stand Freitag haben 2361 Personen unterschrieben. Es findet sich aber auch die Gegenposition jener Königs Wusterhausener, die unter der Hoffmann-Kurve leiden. Wiezorek denkt, die Regeln müssten schon eingehalten werden und die Nichteinhaltung sei zu ahnden. »Da geht es nicht um ein Zehn-Euro-Ticket.«

Eine kleine Entlastung soll jetzt schon bringen, dass Easyjet grundsätzlich vom Anfang der 4000 Meter langen Startbahn aus losrollen muss und nicht erst auf halber Strecke zu einem sogenannten Intermediate-Takeoff ansetzen darf. Das dürfte funktionieren, ist Christine Dorn überzeugt. Sie ist aktiv im Bürgerverein Brandenburg-Berlin, der lange darum kämpfte, den ungeeigneten, weil in dicht besiedelter Region gelegenen Flughafenstandort Schönefeld noch zu verhindern. Dorn kann beweisen: Wenn die Maschinen früher losrollen, sind sie über den ersten Häusern schon in größerer Höhe und damit nicht mehr so laut zu hören. Bis zu 4,8 Dezibel weniger Krach bringe das. »Aber wenn der Start ab Anfang der Startbahn hilft, warum zum Teufel soll das nur für Easyjet und nur auf der Südbahn nach Osten gelten und nicht für alle Flugzeuge und in alle Richtungen?«

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