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Der dünkelhafte Kronprinz und die Nazis

Historiker Lothar Machtan leistet einen Beitrag zur Hohenzollern-Debatte

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

»Kaum eine andere zeithistorische Frage erregt gegenwärtig eine ähnlich große öffentliche Aufmerksamkeit wie der Streit über das Hohenzollern-Erbe.« So kündigen die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) und das Leibniz-Zentrum für zeithistorische Forschung eine Gesprächsreihe zur Hohenzollern-Debatte an, die an diesem Dienstag startet und im Internet mitverfolgt werden kann. Es gehe dabei um die historische Verantwortung der Familie für den Aufstieg des Nationalsozialismus, strittige Vermögensfragen »aber auch darum, wie wir die preußisch-deutsche Geschichte erinnern«.

Zum Auftakt diskutieren SPSG-Generaldirektor Christoph Martin Vogtherr, Landeskonservator Thomas Drachenberg und Martin Sabrow vom Leibniz-Zentrum am Dienstag um 18.30 Uhr: »Wie viel monarchisches Erbe verträgt die Demokratie?« Bei den Fortsetzungen am 11. und 30. November sowie am 11. Dezember schalten sich unter anderen Journalist Gustav Seibt, Kulturministerin Manja Schüle (SPD) und Sophie Schönberger und Stephan Malinowski als Historiker ein.

Malinowski hatte Ende September sein Buch »Die Hohenzollern und die Nazis« vorgelegt. Dabei kam die Rede auf das Buch »Der Kronprinz und die Nazis« von Lothar Machtan, welches bereits im August im Berliner Kronprinzenpalais vorgestellt wurde – im Beisein von Georg Friedrich Prinz von Preußen, der in einem Grußwort sagte, sich einem unschönen Thema zu stellen erfordere Mut, gerade wenn es um die eigene Familiengeschichte gehe.

Die Anwesenheit des Oberhaupts der Hohenzollern legt den Verdacht nahe, bei Lothar Machtan komme dessen Urgroßvater Kronprinz Wilhelm besser weg als bei Malinowski. Doch weit gefehlt. Schon die Auswahl des Fotos auf dem Einband spricht eine andere Sprache. Da sehen wir Kronprinz Wilhelm in Uniform mit Hakenkreuzbinde, wie er lässig raucht und grinst – einen selbstverliebten Lebemann, der sich – obwohl verheiratet – hinter der Front des Ersten Weltkriegs mit anderen Frauen vergnügte und sich mit seinem Lebenswandel und mit seiner Flucht ins niederländische Exil unmöglich gemacht hat, so dass sich ihn nun nicht einmal mehr monarchistisch gesinnte Kreise auf dem Thron vorstellen konnten und wollten. Das verbissene Gezerre um die Fürstenentschädigung 1926/27 verspielt einen Rest an Sympathien.

Der Ex-Kronprinz erkennt zwar, dass sein Vater, der ehemalige Kaiser Wilhelm II., keine Chance hat, die alte Position wiederzuerringen. Er macht sich aber Illusionen, es selbst zu schaffen, eventuell nach dem Vorbild Italiens, wo der von ihm bewunderte Faschist Benito Mussolini herrscht und Viktor Emanuel III. König ist. Die aus dieser Sicht naheliegende Hoffnung, Hitler werde den Hohenzollern die Krone zurückgeben, erfüllt sich nicht. Hitler denkt überhaupt nicht daran, interessiert sich aber 1932 durchaus für die Idee, man könnte den Kronprinzen zum Reichspräsidenten wählen und der würde Hitler dann zum Reichskanzler ernennen. Doch Ex-Kaiser Wilhelm II. verbietet seinem Sohn die Kandidatur.

Machtan zeichnet das Bild des Kronprinzen und seines Anhangs, so wie auch Historikerkollege Malinowski, alles andere als sympathisch. Er schreibt über die schwer zerstrittenen Hohenzollern: »Was sie einte, war die Feindschaft gegen die Weimarer Demokratie sowie das Gefühl, immer noch etwas Besseres zu sein und eine privilegierte Behandlung weiterhin verdient zu haben.«

Obwohl Wilhelm Prinz von Preußen nicht das Format dazu hat, nervt er Politiker der Weimarer Republik mit Hinweisen und Ratschlägen, fordert brutales Durchgreifen und ein Verbot der KPD. Während Malinowski in »Die Hohenzollern und die Nazis« die Familie insgesamt von 1918 bis heute betrachtet, konzentriert sich Machtan auf den Kronprinzen und die Jahre 1931 bis 1934. Beide Bücher sind unbedingt lesenswert.

Die Autoren vermeiden möglichst die juristische Begrifflichkeit, ob Kronprinz Wilhelm den Nazis »Vorschub geleistet« habe. Dies allein ist zwar maßgeblich dafür, ob die Hohenzollern ihren Anspruch auf 1,2 Millionen Euro Entschädigung für in der sowjetischen Besatzungszone enteigneten Besitz verwirkt haben. Doch das sollen Gerichte entscheiden. Machtan verwendet aber das Wort »Nachschubleistung«, um zu beschreiben, wie sich Wilhelm 1933 dem bereits an die Macht gelangten Hitler andient und dessen Politik glorifiziert und im Ausland rechtfertigt.

Stephan Malinowski mutmaßt bei seiner Buchpremiere im September, dass im Hausarchiv auf der Burg Hohenzollern offenbar nichts von Belang zu finden sei, was die Forschung nicht schon aus anderen Quellen wisse. Machtan sagt: »Ich habe alles eingehend studieren können, was dieses Archiv an Quellen zu meiner Thematik bereithält; und ich bin mir auch sicher, dass mir hier nichts vorenthalten wurde.« Die Aufgeschlossenheit, die Georg Friedrich Prinz von Preußen für das Projekt zeigte, habe ihn überrascht angesichts des Klagefeldzugs gegen Historikerkollegen. »Obwohl ich aus meiner Kritik daran keinen Hehl gemacht habe, sind wir sofort in einen intensiven und ergiebigen Austausch gekommen«, schreibt Machtan in einer Danksagung am Ende seines Buchs. Ausgangspunkt gewesen sei eine »schonungslose Offenlegung aller Tatsachen, die über das politische Engagement seines Urgroßvaters in Erfahrung zu bringen sind«. Auch seine inzwischen freundschaftlich zu nennende Beziehung zu Georg Friedrich habe seinen »kritisch-analytischen Forscherblick« nicht getrübt,versichert Machtan.

Lothar Machtan: Der Kronprinz und die Nazis. Hohenzollerns blinder Fleck, Duncker & Humblot, 300 Seiten, 29,90 Euro

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