Kampf den Keimen

Anforderungen an Krankenhaushygiene wachsen durch Belastungen der Corona-Pandemie auch in der Region

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie habe als »Feuerwehrkraft« aushelfen wollen, als die Personalnot auf den Intensivstationen der Kliniken im Zuge der zweiten Covid-19-Welle im Herbst 2020 besonders groß war, erklärt Petra Blumenberg am Mittwoch. Blumenberg ist zu Gast bei einer Pressekonferenz der Barmer Krankenkasse in Berlin und Brandenburg, bei der in der Region knapp 900 000 Menschen versichert sind. Sie erläutert gemeinsam mit Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer, die hiesige Infektionslage mit »nosokomialen Infektionen«. Diese können im Zusammenhang mit einer medizinischen Behandlung auftreten und durch Bakterien, Viren oder Pilze verursacht werden.

Wie sich die diesbezügliche Infektionslage für das erste Jahr der Pandemie in den Kliniken darstellt, dürfte zunächst überraschen: Im vergangenen Jahr haben sich deutlich mehr Menschen mit Krankenhauskeimen infiziert als in den Vorjahren - und das trotz gesunkener Patient*innenzahlen und strengerer Hygienevorschriften im Zuge der Corona-Pandemie. »Diesen Anstieg von Krankenhausinfektionen und der damit verbundenen Todesfälle dürfte es in der Theorie eigentlich gar nicht gegeben haben«, sagt Gabriela Leyh. Zum einen seien wegen der Verschiebung planbarer Operationen und angesichts frei gehaltener Betten für Covid-19-Patient*innen im Jahr 2020 weniger Menschen im Krankenhaus gewesen als in den Vorjahren. In Brandenburg ging die Zahl der Krankenhausfälle um 14,6 Prozent zurück, in Berlin um 13,3 Prozent. »Trotzdem kam es in der ersten Corona-Welle im Frühjahr zu einem Anstieg bei Krankenhausinfektionen um 10 Prozent, im Herbst während der zweiten Welle sogar um 17,5 Prozent«, so Leyh weiter. Dies sei erklärungsbedürftig.

Vor einem Jahr waren überall ehemalige Pfleger*innen und Ärzt*innen in den Beruf zurückgeholt worden, um die durch Personalnot überlasteten Klinikbeschäftigten zu unterstützen. So auch Petra Blumenberg. Sie ist Diplompflegewirtin, Vorstandsmitglied im Aktionsbündnis Patientensicherheit und Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Trotz ihrer vielfältigen Erfahrung sei sie konfrontiert gewesen mit einer Situation, die sich als enorme Herausforderung dargestellt habe, berichtet Blumenberg: Nicht nur, dass sich die Arbeit auf den Intensivstationen durch Modernisierungen enorm verändert hätte, vor allem die zusätzlichen Hygienemaßnahmen zum Schutz vor Infektionen mit dem Coronavirus stellten für Pflegekräfte eine große psychische und physische Belastung dar, sagt sie.

Zur Personalnot kam also erst die Materialnot, dann die Materialschlacht: Zwei Plastikkittel und zwei FFP-2-Masken übereinander, zum Teil stundenlang ohne Pause getragen, dazu Gummihandschuhe, Plastikschild oder Schutzbrille vor dem Gesicht, Kopfhaube: Man kennt die Bilder von erschöpften Klinikmitarbeiter*innen, die seit Ausbruch der Pandemie des hochinfektiösen Coronavirus auf den Intensivstationen um das Leben von Menschen ringen. Von diesen Patient*innen sind beileibe nicht alle an Covid-19 erkrankt, die meisten von ihnen haben eine Operation hinter sich.

Aber auch diese sowie alle anderen Krankenhauspatient*innen sind seit 2020 dem deutlich größeren Risiko ausgesetzt, sich mit Krankenhauskeimen zu infizieren. Warum das so ist, müsse man möglichst offen und selbstkritisch analysieren, sagt Blumenberg. In ihren Augen können Pflegekräfte unter dem Druck der Personalnot die Anforderungen, die erhöhte Hygienemaßnahmen mit sich bringen, nicht erfüllen. Leben zu retten sei noch mehr in den Vordergrund getreten. »Viele Patienten liegen auf dem Bauch, und wenn sie einen Harnwegskatheder erhalten haben, steigt das Risiko einer Infektion mit jedem Tag, die dieser länger benutzt wird«, erklärt Blumenberg auf nd-Nachfrage. Auch bei intravenösen Zugängen und Intubationen, zum Beispiel bei künstlicher Beatmung, sei das Risiko einer Infektion sehr hoch.

Einen besonders starken Faktor vermutet Blumenberg allerdings in der anfänglichen Annahme, dass das Coronavirus vor allem über Aerosole, also die Luft, übertragen wird. Dabei war die Gefahr durch Schmierinfektionen, also die Übertragung über die Hände, die es dringend erforderlich macht, eine noch stärkere Händehygiene und Flächendesinfektion zu etablieren, ebenfalls besonders groß. Ob diese von unter Druck stehenden Pflegekräften immer so durchgeführt worden sei wie nötig, müsse man aufarbeiten, sagt Blumenberg. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit fordert nicht erst seit der Corona-Pandemie mehr Hygienefachkräfte, -pläne und -beauftragte in allen Kliniken.

Bundesweit haben sich laut der Barmer im ersten Coronajahr rund 34 000 Menschen mehr mit Krankenhauskeimen infiziert als 2019. In Brandenburg dürfte es sich um rund 400 und in Berlin um rund 600 zusätzliche Patientinnen und Patienten mit Krankenhausinfektionen handeln. Das sind mit 7 Prozent zwar deutlich weniger als im bundesweiten Vergleich (17 Prozent). Aber wenn es um Todesfälle geht, sei schwer zu ermitteln, ob Patient*innen an oder mit einer Krankenhausinfektion gestorben seien, so die Studie, die jährlich erhoben wird. Die Forschung gehe aber davon aus, dass generell 1,7 bis 3,8 Prozent der Krankenhausinfektionen einen tödlichen Verlauf haben.

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