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Kulturkonservatismus der plumpen Art

Für ihren Roman »Der Brand« verpflanzt Daniela Krien ein Paar nach Brandenburg: Die Ehe ist hinüber und schuld ist - der linke Zeitgeist

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 4 Min.
Willkommen in der Uckermark! Aber wo ist hier der linke Zeitgeist?
Willkommen in der Uckermark! Aber wo ist hier der linke Zeitgeist?

Nicht schon wieder Brandenburg! So mag man ausrufen, liest man vom Inhalt des aktuellen Romans der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien. Haben doch in jüngster Zeit schon allzu viele Autorinnen und Autoren in ihren Büchern Menschen in die preußische Provinz verfrachtet, zuletzt Juli Zeh, die in »Über Menschen« eine unglückliche Berlinerin mit der kernigen Kraft echten Deutschtums in Berührung brachte. In Daniela Kriens »Der Brand« ist es ein Paar, das sich in Brandenburg neu finden muss. Die Psychologin Rahel Wunderlich und ihr Mann, der Germanistik-Professor Peter, führen in Dresden eine ermüdete Ehe.

Ein Urlaub in den Bayerischen Alpen soll Abhilfe schaffen, doch die gebuchte Berghütte brennt kurz vor Beginn der Reise ab. Prompt ergibt sich jedoch aus traurigem Anlass eine andere Gelegenheit: Rahel und Peter müssen in Dorotheenfelde in der Uckermark das Haus des gealterten Bildhauers Viktor hüten, der einen Schlaganfall erlitten hat und zur Rehabilitation an der Ostsee weilt. Viktors Frau Ruth, eine Tänzerin, war eine enge Freundin von Rahels Mutter Edith.

Äußeres Geschehen entwickelt der Roman kaum. Rahel und Peter kümmern sich um das Anwesen, fahren zum Einkaufen, schwimmen im nahe gelegenen Teich und füttern die Katzen, ein Pferd und einen flugunfähigen Storch. Die Autorin schildert jedoch mit dem ihr eigenen psychologischen Scharfblick genau die Entwicklung der entfremdeten Eheleute, die sich - unterbrochen von Ausbrüchen des Streits - behutsam wieder annähern. In Rahel, die den Hof schon als Kind mit ihrer Mutter besuchte, erwachen zugleich verschüttete Erinnerungen. Ein geheimnisvoller Fund im Atelier des Bildhauers führt sie sogar zu dem Verdacht, Viktor könnte ihr bislang unbekannter Vater sein.

Gespiegelt wird die Ehe zwischen Rahel und Peter in der ebenfalls am Rand des Scheiterns schlingernden Beziehung der Tochter Selma, die nach Dorotheenfelde zu Besuch kommt. Die egozentrische und sprunghafte Frau langweilt sich mit dem Wirtschaftsinformatiker, mit dem sie zwei verzogene Kinder hat, und will ihn für einen Künstler verlassen - sehr zum Ärger ihrer Eltern. Besser geraten scheint denen der sportliche, ehrgeizige und disziplinierte Sohn Simon, der die Laufbahn des Berufsoffiziers eingeschlagen hat und Deutschland als Heeresbergführer dienen will.

Bereits Kriens voriger Roman »Die Liebe im Ernstfall« war nicht nur eine genaue Studie der Liebesbeziehungen in der Gegenwart, er präsentierte auch - von den meisten Rezensentinnen und Rezensenten unbemerkt - ein ziemlich konservatives Weltbild. Doch so offen reaktionär wie in »Der Brand« zeigte sich Daniela Krien noch nie. In fast völligem Einklang, unwidersprochen und ohne Ironie lässt sie ihre beiden Hauptprotagonisten kulturpessimistische Thesen verkünden.

Schon die Schuld an der Ehemisere wird dem linken Zeitgeist zugeschrieben: Peter Wunderlich muss wegen seines biederen Geschlechterbildes an der Universität die laute Kritik von Transgender-Aktivist*innen aushalten. Weil Rahel ihn im Shitstorm nicht sofort bedingungslos unterstützt hat, verweigert er ihr seitdem den Beischlaf.

Überhaupt ist mit der jungen Generation wenig anzufangen, wie Rahel nicht nur an ihrer eigenen Tochter, sondern auch an ihren Patienten bemerkt: »Wie so viele bewertete auch diese junge Klientin alles mit dem Maßstab des Idealen anstatt des Realen. Die zwingende Folge ist das Scheitern.« Die jungen Nichtsnutze kiffen, protestieren gegen das Patriarchat und fordern das bedingungslose Grundeinkommen - ehrliche Arbeit und Patriotismus sind ihnen fremd.

Die Wurzeln des Übels aber liegen tiefer: »Der Universalismus und die Gleichheit auf allen Ebenen sind hehre Ziele mit fatalen Folgen.« Auch die Idee der Selbstbestimmung wird gegeißelt: »Eine der großen Fehlannahmen unserer Zeit: dass jeder Mensch bestimmen könne, wer er sei. Jeder Mensch ein kleiner Gott. Als gäbe es nichts Gesetztes. Als gäbe es kein Vorher.« Natürlich fehlt auch der konservative Gemeinplatz nicht, die Deutschen seien vom Selbsthass entmannt: »Ein Land, in dem junge Menschen nach der eigenen Vernichtung verlangen, hat keine Zukunft.«

Richtig gruselig wird’s, wenn der Germanist Peter Wunderlich darauf hofft, die Hälfte der viel zu großen Weltbevölkerung könnte vom Coronavirus entsorgt werden. Welchem Teil der Menschheit der Sachse den Tod wünscht, kann man sich denken. Daniela Krien hätte nicht erst eine Anspielung auf Monika Marons Ehe- und Provinzroman »Endmoränen« in ihr Buch einbauen müssen, um deutlich zu machen, welche Tradition sie fortzusetzen gedenkt. Wie bei Maron mischen sich auch bei Krien lesenswerte Reflexionen über das Altern der Liebe mit kulturkonservativen Tiraden der plumpen und aufdringlichen Art.

Hier wie dort erscheint als Rettung vor der Apokalypse, wenn überhaupt irgendetwas, dann die Besinnung auf Nation und Tradition. Die Fähigkeit Marons, eine Erzählung satirisch oder surrealistisch zu erweitern, fehlt Krien allerdings, ihre Prosa klingt oft nach Therapiegespräch. Wer zu den Gegenwartsverächterinnen und gebildeten Wutbürgern im Lande zählt, liest diesen Roman gewiss unter unablässigem Nicken. Alle anderen wird er abwechselnd gelinde langweilen und heftig ärgern.

Daniela Krien: »Der Brand«. Diogenes-Verlag, 272 S., geb., 22 €.

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