Das Gegenteil von Mehrzweckhalle

Plattenbau. Die CD der Woche: »The Tipping Point« von Tears for Fears

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Sieben Jahre hat das Duo Tears for Fears an seinem ersten Album seit 18 Jahren geschraubt. Und in diesem langwierigen Produktionsprozess vorbildlich gezeigt, wie man dem Schicksal vieler Popbands der 70er- und 80er Jahre - Mehrzweckhallen, Classic-Rock-Radio - entgehen kann. Nachdem das Comeback-Album »Everybody Loves a Happy Ending« 2004 eher verpuffte, tingelten Roland Orzabal und Curt Smith lange Zeit mit den alten Hits durch die Lande.

Dann wollte das damalige Label neues Material sehen und verkuppelte die beiden sehr perfektionistischen Songwriter mit einer ganzen Reihe von Produzenten und Autoren, um weitere einträgliche Hits zu schreiben. Orzabal und Smith schauten sich das eine Weile an, schmissen dann alle raus, sagten ihrem damaligen Label »Tschüss« und fingen noch einmal von vorne an - alleine, mit zwei Gitarren.

Die spartanische Ausgangslage kann man den zehn Songs auf »The Tipping Point« noch anhören. Das Album beginnt mit einer einfachen Akustikgitarrenmelodie, dann werden in dem Song »No Small Thing« die Klänge von mehr und mehr Instrumenten draufgeschichtet. Das erinnert, auch wenn nur noch drei der Songs an den Synthie-Pop der Tears for Fears der 80er anschließen (das sind, wer da direkt reinhören möchte, das Titelstück, »Break The Man« und »My Demons«), von der Architektur her an »Shout«, einen der ewigen Hits der Band.

»Songs from the Big Chair«, die 1985 erschienene Platte, die mit »Shout« eröffnet wurde und mit »Everybody Wants to Rule the World« den wahrscheinlich todgenudeltsten Radiohit der Dekade enthält, war neben vielem anderen ein Versuch, Arthur Janovs Schriften zur Urschreitherapie zu vertonen. »Man muss den Schmerz durchmachen, wenn man auf dem Weg zur Heilung ist, und nicht jeder kann oder möchte dies«, hat Janov sein psychologisches Programm einst erschöpfend beschrieben.

Aber jeder, der keine Angst vor massentauglichem Pop hatte, wollte damals Tears for Fears hören. Auf ihren Konzerten hätten sich alle versammelt, Popper, Joy-Division-Fans, Hippies, Frauen um die 40, die sich für den Abend einen Babysitter organisiert hatten, erinnert sich Chris Smith. Um dann gemeinsam, mit den Ärmchen in der Luft zu singen: »The dreams in which I’m dying are the best I’ve ever had«.

Die Direktheit, die Humorlosigkeit und das Gefühl, dass es in diesem Pop-Entwurf nicht mehr um Zerstreuung und Eskapismus geht, finden sich auch auf »The Tipping Point«. Dem Verdacht, Pop sei banal, oberflächlich und platt, wirkten Tears for Fears mit Liedern über den Tod, existenzialistische Verzweiflung und eben Urschreitherapien entgegen. Im Titelsong und in »Please Be Happy« singt Roland Orzabal über seine an alkoholinduzierter Demenz verstorbene Frau.

Auch in kompositorischer Hinsicht will diese Musik Bedeutsamkeit und Ernst transportieren und eigentlich Kunst sein. Am besten funktioniert das im Falle der Balladen. »Rivers of Mercy« zum Beispiel, ein trostspendendes Lied, über das Wasser, das die Schmerzen bitte fortspülen soll. Zuerst klingt das vor allem pompös, nach dem dritten Hören aber bleibt das Stück als Musik gewordenes Zeugnis eines tiefen Humanismus in Erinnerung.

Tears for Fears sind die britische Band, die kommerziell sagenhaft erfolgreich war (und nun wohl wieder wird) und zugleich nah an Artpop und Progrock operiert. Auf »The Tipping Point« sitzt alles wieder perfekt - so perfekt, dass sich über Passagen auch mal wohlige Langeweile breitmacht. Und hin und wieder auch interessantes Fremdschämen. Aller Voraussicht nach ist das die am wenigsten hippe Pop-Platte des Jahres.

Um so leichter fällt es, sie zu mögen, mir zumindest. Zwei alt gewordene Menschen machen einfach noch mal, was sie am besten können, und wirken dabei nicht doof oder ranzig, sondern halt wie zwei alt gewordene Menschen, die einfach noch mal machen, was sie am besten können.

Wie Tears for Fears auf »The Tipping Point« mit Gelassenheit und hörbarem Spaß an dem Anachronismus, der sie selbst sind, an ihre große Zeit anschließen, das ist schon sehr schön.

Tears for Fears: »The Tipping Point« (Concord)

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