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Dostojewski kontra Putin

Paradoxe Weltgefühle: Deutsche und Russen verbindet im Geistigen mehr, als sie trennt

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.
Deutsch-russisches Verhältnis: Dostojewski kontra Putin

Als Heinrich Mann 1927 in Deutschland und Frankreich den Vortrag »Ein geistiges Locarno« über eine europäische Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg hielt, ging es ihm um die ungenutzten Chancen der Mittellage Deutschlands zwischen Osten und Westen. Eine Hoffnung auf Ausgleich der Extreme? »Wer sich einfach als Deutscher zeigt, der zeigt immer dem Ostmenschen etwas Westliches, dem Westländer aber ein Stück Osten.«

In Zeiten des Krieges klingt diese Vision höchst unzeitgemäß. Aber gerade dieses Unzeitgemäße wird jetzt gebraucht. Denn wie wollen wir - Ukrainer und Russen, Deutsche und Russen - nach diesem Krieg, der einmal zu Ende gehen wird, in Europa wieder friedlich zusammenleben? Auf Grundlage welcher Werte? Hochrüstung und Abschreckung eliminieren Verbindendes.

Trotz des irrsinnigen und leidbringenden Krieges gibt es eine gemeinsame geistig-kulturelle Basis von West- und Osteuropa, an die man sich erinnern sollte. Dieses Erinnern ist nicht zuletzt auch die Aufgabe der Intellektuellen.

Hermann Hesse hat im Oktober 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Aufruf »O Freunde, nicht diese Töne!« geschrieben, der ihm den Hass deutscher Nationalisten einbrachte. Denn er bestand darauf, dass ihm die Franzosen trotz des Krieges nah seien, dass er darum mit Romain Rolland an einer geistigen Union arbeite, die die gemeinsamen europäischen Werte über den Krieg hinaus bewahren wolle: »Töricht und falsch aber ist es von jedem, der je eine helle Stunde lang an die Idee der Menschheit, an die internationale Wissenschaft, eine nicht national beschränkte Schönheit in der Kunst geglaubt hat, wenn er jetzt, über das Ungeheure erschrocken, die Fahne wegwirft und sein Bestes mit in den allgemeinen Ruin schmeißt.«

DDR-Sozialisierte tragen das russische Erbe in sich, manche fühlen sich gar - in aller Widersprüchlichkeit - als halbe Russen. Wenn der ostdeutsche Slawist Fritz Mierau seine Erinnerungen »Mein russisches Jahrhundert« nannte, besagt das, dass die Geschichte der DDR immer nur in Bezug auf die Geschichte der Sowjetunion zu verstehen ist, gerade auch die der Kunst.

Die DDR war nun mal der westlichste Vorposten des sowjetischen Imperiums, ein Vasallenstaat gewiss, aus den gleichen theoretischen und ideologischen Quellen - auch Hoffnungen - gespeist. Das ging nicht ohne Verwerfungen vonstatten, aber irgendwie gehörte man nach und nach dazu.

Gerade dieses gemeinsame Erbe ist eine oft übersehene Chance für eine wirkliche Verständigung: Der Osten blickte immer erwartungsvoll nach Westen, der Westen aber eher selten zurück. Als man den Ost-West-Brückenbauer Gorbatschow in den 90er Jahren fragte, welches Werk sein Nachkriegsdeutschlandbild am stärksten geprägt habe, nannte er zum Erstaunen vieler Christa Wolfs »Der geteilte Himmel«.

Dass die Deutschen die Russen nicht selten und nicht erst seit heute auf eine arrogante Weise übersehen haben, vor allem wenn es um ihren Beitrag zur Aufklärung geht, ist nicht neu. László F. Földényi hat das in seinem im Verlag Matthes & Seitz erschienenen Essay »Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus« durchgespielt. Er erkennt in Fjodor Dostojewski eine exemplarische Ost-West-Existenz, jemanden, der ebenso selbstverständlich in Moskau wie in Baden-Baden oder Dresden lebte. Einen Kosmopoliten mit Herkunftsbewusstsein.

1849 verurteilte man ihn wegen seiner Nähe zum Kreis der Sozialrevolutionäre um Petraschewski zum Tode - und dieses Urteil wurde erst kurz vor der Vollstreckung in Verbannung umgewandelt. In seinem Verbannungsort Semipalatinsk (hier vegetierten über 150 000 Verbannte), heute Semei, erhält er die Erlaubnis, sich Bücher nach Sibirien schicken zu lassen. Vor allem auch deutsche! Er abonniert die »Augsburger Allgemeine Zeitung«, denn das Leben der Deutschen interessiert ihn ebenso wie das der Russen.

Nicht zufällig war sein zentrales Bildungserlebnis die Lektüre von Schillers »Die Räuber« gewesen. Franz und Karl Moor inspirieren ihn zu »Die Brüder Karamasow«. Dem »Westler« Iwan stehen seine Brüder Dmitri (der russische Triebmensch) und Aljoscha (der fromme Russe) entgegen; ebenso eine illegitime Kreatur, Smerdjakow, ein ehrloser Intrigant und Mörder. Als Frank Castorf 2015 »Die Brüder Karamasow« an der Berliner Volksbühne inszenierte, erkannte er im Typus Smerdjakow Stalin, der die deutschen Theoriegötter Marx und Engels in eine schmutzige und verbrecherische Praxis übersetzte.

Hier nun setzt Földényis Versuchsanordnung an. Er stellt sich vor, wie Dostojewski Hegels »Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte« studiert - und dabei auf eine Weise erschrickt, als stünde er nochmals kurz vor der Exekution. Denn die Weltgegend seiner größten Pein, Sibirien, existiert für Hegel gar nicht! Földényi lässt Dostojewski bei seiner Hegel-Lektüre das Gefühl völliger Verlorenheit überkommen, die Verzweiflung darüber, dass »man dort in Europa, für dessen Ideen er zum Tode verurteilt worden war, seinem Leiden keinerlei Bedeutung beimaß«. Und das ist ein entscheidender Punkt: die Erweiterung der westeuropäischen Rationalität durch die Dimension des Leids des Einzelnen, das im System Hegels keine Rolle spielt.

So also wächst das paradoxe Weltgefühl in Dostojewski, der kreisende Diskurs über die Unzulänglichkeiten des östlichen wie des westlichen Geistes, der ihn schließlich zu einem »Slawophilen auf Widerruf« macht. Der Widerspruch, den Dostojewski in sich austrägt, ist der Russlands, das sich über beide Kontinente erstreckt: Asien und Europa. Dostojewski trägt Iwan den Schrecklichen ebenso wie Peter den Großen in sich: Osten und Westen.

Sein Vorbehalt gegen die großrussische Idee, die sich in der Ideologie des Panslawismus verbirgt (die Einheit der slawischen Völker unter der Herrschaft Russlands!) bleibt jederzeit spürbar. Aber ohne alle Illusionen über den westlichen Rationalismus.

Wladimir Putin dagegen kennt offenbar keinen Vorbehalt mehr solcherart großrussischen Ideologie gegenüber. Hätte er in seiner Dresdner KGB-Zeit doch jenes ebenfalls in der Elbmetropole entstandene Werk Dostojewskis gelesen: »Die Dämonen«, erschienen 1873. Es ist dessen Abrechnung mit machtfixierten Parteigeistern, die nur Unheil über die Menschen bringen.

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