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Smarter, schneller - und teurer

Neueste Technik allein genügt beim Zähneputzen nicht: Das Know-how muss stimmen

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Immer smarter, schneller, komfortabler: Mit Zahnbürsten ist es so ähnlich wie mit Handys. Alle paar Monate bringen große Hersteller innovative Modelle auf den Markt, die ihre Vorgänger angeblich übertreffen - natürlich meist auch beim Preis. So kostet die »neueste und fortschrittlichste elektrische Zahnbürste« von Philips um die 300 Euro. Der jüngste Zahnbürsten-Test von Stiftung Warentest scheint dem Hersteller recht zu geben: Tatsächlich ist das Modell daraus als Sieger hervorgegangen. Lohnt es sich also, für die Mundhygiene derart tief in die Tasche zu greifen?

»Die Entscheidung muss jeder selbst treffen«, antwortet Stefan Zimmer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin, diplomatisch. »Die Frage ist nämlich: Welchen Nutzen hat der Einzelne?« Ebendas lässt sich pauschal nicht beantworten. Smarte Modelle signalisieren, wenn zu viel Druck ausgeübt wird - sicher eine sinnvolle Eigenschaft, da kraftvolles Schrubben Zähnen und Zahnfleisch schadet. Auch die Apps, mit denen sich innovative Bürsten verbinden lassen, sind hilfreich: Sie können zum Beispiel anzeigen, ob alle Sektoren gut geputzt wurden. So bekommen endlich auch die Zahninnenseiten, Eckzähne und sonstige »Putzschatten« die nötige Aufmerksamkeit.

Ein Muss ist das alles natürlich nicht. Auch vermeintlich handfeste Angaben zur Leistung besagen bei näherem Hinschauen wenig: Mag sein, dass eine Bürste im Test die beste Reinigungsperformance gezeigt hat - das heißt jedoch noch lange nicht, dass sie jedem Anwender sauberere Zähne beschert. Vielleicht ist der Bürstenkopf für ihn zu groß? Oder er benutzt das Gerät falsch? »Auch die teuerste Bürste putzt nicht von allein«, gibt Gerhard Schmalz, Oberarzt für Oral Health Medicine an der Uniklinik Leipzig, zu bedenken. »Das Entscheidende ist immer die Anwendung.« Vielleicht verleitet ein hoher Preis sogar eher zu Nachlässigkeit: »Es kann sein, dass man sich dann zu sehr auf das Gerät verlässt.« Wer so viel ausgibt, will schließlich davon profitieren. Und der Mensch, weiß Schmalz, ist nun mal faul.

Beim nächsten Zahnarztbesuch drohen dann unangenehme Überraschungen. Ob es mit der neuen Bürste wirklich klappt, kann man nämlich selbst nur schwer beurteilen. »Oft sagen mir Patienten, dass sie gut zurechtkommen«, sagt Stefan Zimmer. Zahnbelag oder Zahnfleischschäden zeigen aber, dass sie sich gründlich täuschen. Daher tut man gut daran, vor dem Kauf einer neuen Bürste mit dem Zahnarzt zu sprechen. Oft kann man sich in der Praxis auch verschiedene Modelle samt richtiger Putztechnik zeigen lassen.

All das macht klar: Allgemeine Ratschläge gibt es beim Thema Mundhygiene nur wenige. Früher, klagt Zahnmediziner Schmalz, sei bei den Zahnbürsten alles noch überschaubar gewesen - ein paar Studien, eindeutige Ergebnisse. »Inzwischen gibt es so viele unterschiedliche Typen und eine immense Datenmenge, dass man keine klaren Empfehlungen mehr geben kann.«

Wenigstens ist man sich einig, dass Zahnbeläge mit elektrischen Bürsten normalerweise gründlicher entfernt werden als mit Handzahnbürsten. Schon bei der nächsten Frage aber wird es schwierig: Welcher Bürstentyp ist besser - klassische Rotationsbürsten, bei denen sich ein kleiner Kopf hin und her bewegt, oder Schallzahnbürsten mit vibrierenden Borsten?

»Es hängt von der Studie ab, welcher Typ besser abschneidet«, sagt Schmalz. Daher kommt es auch hier auf den Einzelfall an. Bei den rotierenden Typen ist die Putztechnik besonders wichtig: Man darf nicht hin und her schrubben, sondern muss sie von Zahn zu Zahn und immer am Zahnfleischrand entlangführen. Wer sich daran nicht gewöhnen kann, ist mit einer Schallzahnbürste besser bedient. Das gilt auch für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik, etwa Kinder und Senioren.

Doch selbst eine optimale Bürste, die optimal angewandt wird, bewahrt niemanden vor einem Zahnarztbesuch. Gutes Putzen bedeutet allerdings weniger Zahnbelag und senkt das Risiko für Zahnfleischerkrankungen. Eine professionelle Zahnreinigung ist dann ebenfalls seltener nötig, meint der Präventionsexperte Zimmer. Ob man aber auch vor Karies gefeit bleibt, ist unklar: »Für die Kariesprophylaxe ist es wichtiger, eine fluoridhaltige Zahnpasta zu verwenden.« Das liegt daran, dass man auch mit der innovativsten Zahnbürste nicht die abgelegensten Nischen erreicht.

Schon folgt die nächste Ernüchterung. Auch bei den teuersten Bürsten ist es noch nötig, die Zahnzwischenräume extra zu säubern - entweder mit Zahnseide oder Zwischenraumbürsten. Was davon ist besser? Hier hat Gerhard Schmalz eine klare Meinung: »Zur Vorbeugung von Parodontalerkrankungen sind Zwischenraumbürsten das Mittel der Wahl.« Doch die schützen wiederum weniger gut vor Karies: »Karies entsteht vor allem unter den Kontaktpunkten zweier Zähne. Dort kommt man nur mit Zahnseide hin.« Streng genommen müsste man also beides benutzen - da das nicht realistisch ist, richtet sich der Experte nach dem Alter der Patienten: Ältere, die eher zu Parodontitis neigen, rät er zu Zwischenraumbürsten, und jungen, für die häufiger Karies ein Problem ist, zu Zahnseide. Die Anwendung lässt man sich am besten in der Zahnarztpraxis zeigen.

Sonst gehört nur noch eine fluoridhaltige Zahnpasta zur Grundausrüstung im Badezimmer. Alles Weitere - ob Munddusche, -wasser oder Pflegestäbchen - ist entbehrlich. Nachdenken kann man über einen Zungenschaber: »Der ist über die Jahre sehr hip geworden«, berichtet Zimmer. »Wirklich belegt ist der Effekt aber nur bei Mundgeruch.« So gilt auch hier: Es kommt immer drauf an.

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