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Bayern-Dusel - neu interpretiert

Nur 0:1 unterliegt München dem FC Villareal im Viertelfinalhinspiel

  • Maik Rosner, Villarreal
  • Lesedauer: 4 Min.

Als der Mannschaftsbus des FC Bayern in dem spanischen Provinzstädtchen noch kurz vor Mitternacht in einer engen Gasse am Estadio de la Cerámica stand, wirkte es, als seien die Münchner auf ihrer Reise zum FC Villarreal in einem Labyrinth stecken geblieben. So ähnlich hatte es zuvor auch auf dem perfekt gepflegten Rasen im stimmungsvollen Stadion des Europa-League-Siegers ausgesehen. Immer wieder waren die trägen Bemühungen der Bayern im Viertelfinalhinspiel der Champions League gegen die taktisch exzellent eingestellten Gastgeber von Trainer Unai Emery versiegt. Am Ende konnten die Bayern sogar von Glück reden, dass sie nur 0:1 verloren und ihre Chance aufs Weiterkommen trotz einer schwachen Leistung gewahrt hatten.

Es war eine bisher unbekannte Form des Bayern-Dusels, der sich am Mittwochabend beobachten ließ. Und es war ein Dusel, der von den individuell eigentlich erkennbar besser besetzten Münchnern schonungslos benannt wurde, als sie über ihre Hilflosigkeit gegen Villarreals geschicktes und fein abgestimmtes Kollektiv sprachen. »Wir konnten unsere Qualität nicht zeigen«, sagte Joshua Kimmich dem Sender Dazn und ergänzte, man sei mit dem 1:0 »noch gut bedient«.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Tatsächlich hatte Villarreal noch mehrere Großchancen auf einen höheren Sieg vergeben. Allein Gerard Moreno hätte gegen die in der Defensive wieder einmal anfälligen und in der Offensive völlig ideen- und harmlosen Bayern drei Tore erzielen können. Wie bei seinem Pfostenschuss oder nach einem kapitalen Fehlpass von Torwart Manuel Neuer, als es Moreno aus 60 Metern versuchte, der Ball aber am Tor vorbeisprang. Da habe man »auch noch Glück gehabt«, urteilte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann.

Die Defizite seines Teams fasste er wahrheitsgetreu zusammen: »Wir haben verdient verloren. Es war nicht genug«, sagte der 34-Jährige, »wir hatten in der ersten Hälfte wenig Power. Wir hatten keine guten Ballgewinne und auch keine Torchancen. Die zweite Halbzeit war total wild, weil wir unbedingt Chancen herausspielen wollten. Aber irgendwann wurde es Harakiri.« Zu allem Überfluss zog sich der eingewechselte Leon Goretzka kurz vor Schluss eine Platzwunde am rechten Auge zu, blutüberströmt musste er ausgewechselt werden. Bis zum Rückspiel am Dienstag in München dürfte er aber wieder einsatzbereit sein, ebenso wie Alphonso Davies, der drei Monate nach seiner Herzmuskelentzündung ein Comeback feierte.

Da die 23 500 Zuschauer nur einen Treffer bejubeln konnten, erzielt vom Niederländer Arnaut Danjuma in der achten Minute, besteht beim FC Bayern die Hoffnung, den Einzug ins Halbfinale zu schaffen. Dort würde aller Voraussicht nach der FC Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp warten. Die Reds hatten ihr Viertelfinalhinspiel bei Benfica Lissabon am Dienstagabend 3:1 gewonnen, ihr Einzug ins Halbfinale scheint schon so gut wie erreicht.

Anders als der für die Bayern: Man habe »keine Torchance gehabt, die nach Tor roch«, stellte Nagelsmann nach seiner ersten Niederlage in der Champions League mit dem FC Bayern fest. Für die Münchner war es nach 23 Partien sogar die erste Auswärtsniederlage in der Königsklasse sei dem 27. September 2017. Damals hatten die Münchner bei Paris Saint-Germain 0:3 verloren, und Trainer Carlo Ancelotti war umgehend von seinen Aufgaben entbunden worden. Auch 2017 hieß der gegnerische Coach übrigens Unai Emery. Nun sorgte der 50-Jährige mit einer taktischen Meisterleistung erneut für eine frappierende Münchner Hilflosigkeit.

Defensiv ließ Villarreal nichts zu, offensiv überraschte es die Bayern immer wieder mit Gegenstößen, Dribblings und Kurzpassstafetten. »Es ist eine typische spanische Mannschaft, die zocken kann«, befand Nagelsmann voller Anerkennung und benannte damit auch schon die Gefahr für das Rückspiel. Auch Thomas Müller erkannte erneut, wovor er schon gewarnt hatte, nachdem er Villarreals Einzug ins Viertelfinale durch einen 3:0-Sieg bei Juventus Turin nach einem 1:1 im Hinspiel als TV-Zuschauer verfolgt hatte. »Es ist nicht der Gegner, über den man locker drüberspazieren kann«, sagte Müller.

Für die Bayern ist aber noch alles drin, was sie am Donnerstag zugleich als die beste Nachricht aus Villarreals Labyrinth auf ihre Rückreise mitnahmen. »Dadurch, dass es nur 0:1 ausgegangen ist, lebt die Zuversicht fürs Rückspiel«, sagte Nagelsmann und versprach: »Wir werden ein anderes Gesicht zeigen.«

Ähnlich äußerte sich Müller. »Wir werden uns aufrappeln«, sagte er, »wir müssen im Rückspiel zurückschlagen.« Zuvor müssen die Bayern allerdings zunächst die Alltagspflicht in der Bundesliga am Samstag gegen den FC Augsburg bewältigen. Der FCA gewann am Mittwochabend sein Nachholspiel gegen den FSV Mainz 05 mit 2:1 und könnte sich nach seinem zweiten Sieg in Serie wie Villarreal als unbequemer Gegner erweisen, wenngleich auf niedrigerem Niveau. Das Hinspiel in Augsburg hatten die Bayern übrigens 1:2 verloren. Mal sehen, wie sie auf derlei Warnungen reagieren.

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