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Ein Buch wie eine Wette

Auf der Suche nach dem echten Nietzsche: ein Gespräch mit Philipp Felsch über sein neues Buch »Wie Nietzsche aus der Kälte kam«

  • Von Thomas Wagner
  • Lesedauer: 10 Min.
Eigentlich machte er sich nur Notizen: Friedrich Nietzsche, 1899
Eigentlich machte er sich nur Notizen: Friedrich Nietzsche, 1899

In Ihrem Buch »Wie Nietzsche aus der Kälte kam« erzählen Sie, wie zwei italienische Nietzsche-Begeisterte in philologischer Kleinarbeit eine Nietzsche-Ausgabe erstellen, was eine denkbar trockene akademische Arbeit ist. Der Titel hingegen erinnert an einen Agententhriller John le Carrés. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Der Titel spielt zum einen darauf an, dass das philologische Abenteuer, um das es in meinem Buch geht, im Spannungsfeld des Kalten Kriegs stattfindet. Zwei Gelehrte, ein liberaler Philosoph und ein Kulturfunktionär der KPI, überwinden den Eisernen Vorhang, um den in Weimar aufbewahrten Nachlass Friedrich Nietzsches neu zu entziffern. Das war eine delikate Angelegenheit, denn Nietzsche galt damals in der DDR als eine Art Staatsfeind. Während seiner jahrelangen Archivarbeit wurde Mazzino Montinari von der Stasi oberserviert. Es ging ihm und seinem ehemaligen Philosophielehrer Giorgio Colli - zum anderen - darum, Nietzsche zu entnazifizieren, ihn also aus der Kälte des Faschismus herauszuholen. Der Arbeit dieser beiden italienischen Antifaschisten ist es zu verdanken, dass in den 1980er-Jahren bei dtv eine politisch neutralisierte Taschenbuchausgabe erschien, die Nietzsche auch hierzulande wieder lesbar erscheinen ließ.

Aber setzte die Nietzsche-Renaissance nicht 15 bis 20 Jahre früher ein, nämlich im Rahmen einer poststrukturalistischen Theoriebildung, die sich mit Namen wie Michel Foucault, Gilles Deleuze und Jacques Derrida verbindet?

In Frankreich ja, die deutsche Rezeption erfolgte erst deutlich später über den Umweg der französischen Nietzsche-Interpretationen. 1964 fand in der ehemaligen Zisterzienserabtei Royaumont die erste große französische Nietzsche-Konferenz statt. Dort traf sich die jüngere Generation der französischen Nietzsche-Exegeten Deleuze, Foucault und Klossowski mit den älteren, überwiegend deutschen Nietzscheanern, darunter Karl Löwith. Martin Heidegger war eingeladen, kam aber nicht. In Royaumont wurden erste Elemente dessen erkennbar, was wir ab 1980 in der Bundesrepublik als »französischen« Nietzsche kennenlernen sollten. Etwa zu diesem Zeitpunkt begann man hierzulande von einer Nietzsche-Renaissance zu sprechen. In dieser Situation kommt die Taschenbuchausgabe auf den Markt; es erscheinen viele französische Publikationen zu Nietzsche in deutscher Übersetzung.

Auch Colli und Montinari waren in Royaumont schon dabei, oder?

Das stimmt. Sie stellten dort ihr Projekt einer neuen kritischen Gesamtausgabe vor. Zwischen den beiden Philologen und den französischen Philosophen gab es damals aber ein großes wechselseitige Befremden.

Warum das?

Der Privatgelehrte Colli und der kommunistische Parteifunktionär Montinari, Dilettanten ohne akademische Titel, kündigen auf der Konferenz an, endlich den »echten« Nietzsche zur Kenntnis zu bringen. Montinari plädiert sogar für ein Moratorium der Interpretation! Das geht den französischen Philosophen gegen den Strich. Deleuze benutzte nach wie vor die von Elisabeth Förster-Nietzsche zusammengestellte Ausgabe von »Der Wille zur Macht«. Und das, obwohl damals längst bekannt war, dass das Buch in dieser Form von ihrem Bruder gar nicht intendiert war. Während es den Italienern um einen Zugang zum »Urtext« ging, stellte Foucault in seinem bis heute gelesenen Vortrag »Marx, Nietzsche, Freud« die These auf, dass so etwas überhaupt keinen Sinn mehr mache, da es seit dem 19. Jahrhundert nur noch Interpretationen gebe.

Gleichwohl wird gesagt, das die 1967 erscheinende Nietzsche-Ausgabe von Colli und Montinari die Grundlage für die postmodernen Lektüren war. Wie passt das zusammen?

Die charakteristisch postmoderne Lesart setzt tatsächlich erst in den späten 1960er Jahren ein. Gestützt auf die neue Ausgabe entwickelten die Franzosen ihre Theoreme über den »Tod des Autors« und die Autonomie eines von jeglichem Kontext abgeschnittenen Textkörpers. Von Colli und Montinari lernen sie, dass Nietzsches Werk in Wirklichkeit aus einem chaotischen Korpus eklektischer Notizen besteht. Darin enthalten sind Exzerpte gelesener Bücher, philosophische Aphorismen, aber auch Einkaufszettel - wüste Palimpseste. Die publizierten Bücher ragen wie zufällige Verdichtungen aus diesem Schreibstrom heraus. Hier haben wir einen Text, an dem Foucault oder Barthes in den Siebzigerjahren zeigen, dass es keinen Autor gibt.

Auch die Gefängnishefte von Antonio Gramsci, die der Kommunist Montinari sicher gut gekannt hat, bestehen aus lauter Notizen, erinnerten Zitaten und Beobachtungen.

Der italienische Nachkriegskommunismus, der ganz im Zeichen von Gramsci steht, hat eine starke philologische Komponente. Ähnlich wie die Nietzscheaner beziehen sich die Kommunisten auf ein postumes Oeuvre, das überhaupt erst ediert werden muss. Kein marxistischer Autor des 20. Jahrhunderts hat der Figur des Intellektuellen so viel Bedeutung wie Gramsci verliehen. Bezogen auf das Frühwerk der Frankfurter Schule hat Theodor W. Adorno einmal von einer »Flaschenpost« gesprochen. Aber im Grunde trifft das viel besser auf die Schriften Gramscis zu, die die strategische Situation des italienischen Kommunismus der Zwischenkriegszeit für die Jahre nach 1945 konservierten. Der Kulturkampf der italienischen Nachkriegslinken hatte einen altmodischen Zug, der an die Ära der Zweiten Internationale erinnert. Man veranstaltete Lese- und Liederabende, die man auch aus den Filmen des Neorealismo kennt, während die Christdemokraten schon auf Radio und Fernsehen setzten. Aus diesem proletarischen Milieu stammte Montinari. Er hing einem Textverständnis an, das eigentlich ins 19. Jahrhundert gehört. Für ihn ist jedes Satzzeichen vom Autor, also von Nietzsche, intendiert und damit heilig. Im Unterschied zur Neuen Linken, der die französischen Poststrukturalisten nahe standen, spielte die ästhetische Moderne im Umfeld der KPI keine große Rolle.

Worauf führen Sie das zurück?

In Italien waren die ästhetischen Avantgarden vom Faschismus vereinnahmt worden. Man denke an die futuristische Bewegung um den Dichter Filippo Tommaso Marinetti oder den Schriftsteller Gabriele D‘Annunzio. Für Kommunisten gab es daher keinen zwingenden Bezug zur ästhetischen Moderne. Was in Italien fehlt, ist der Schulterschluss zwischen der Linken und der künstlerischen Avantgarde, weil diese zu stark vom Faschismus kooptiert war. Ich vermute, dass das auch die Ursache für das wechselseitige Unverständnis zwischen einem kommunistischen Intellektuellen wie Montinari und den französischen Poststrukturalisten ist, deren Sichtweise auf Texte stark von den historischen Avantgarden - von einem Dichter wie Stéphane Mallarmé zum Beispiel - geprägt war. Im kommunistischen Milieu des postfaschistischen Italien stand dagegen Arbeiterbildung auf dem Programm. Intellektuelle wurden für Besinnungsvorträge des Typs »Warum ich Kommunist geworden bin« eingespannt. Man gründete Lesezirkel und Kulturzentren.

Als Leiter des Instituto Thomas Mann war Montinari Teil dieser Kulturbewegung. Von dort aus knüpfte er Kontakte in die DDR.

Das Instituto Thomas Mann wurde mit DDR-Geldern finanziert. Die Bundesrepublik wiederum gründete einen Vorläufer des Goethe-Instituts. In den Fünfzigerjahren trugen die beiden deutschen Staaten ihren Kulturkampf auf römischem Boden aus. Seit seiner Studienzeit war Montinari immer wieder in Ostberlin, da die KPI solche Reisen ermöglichte.

Hatte er Deutsch schon in der Schule gelernt?

Er lernte es über seinen Philosophielehrer Giorgio Colli, einen charismatischen Philhellenen und Nietzsche-Fan, der in den Vierzigerjahren in der toskanischen Kleinstadt Lucca eine Schülergruppe - fast einen kleinen George-Kreis - um sich versammelte. Colli legte seinen Schülern ans Herz, Platon auf Griechisch und Nietzsche auf Deutsch zu lesen. Montinari gehörte zu der Gruppe, die ab 1943 auch Verbindungen zum italienischen Widerstand unterhielt.

Wie kamen die beiden überhaupt dazu, sich in Weimar auf die Spuren von Nietzsche zu begeben?

Sie planten eine italienische Nietzsche-Ausgabe. Als in den Fünfzigerjahren durch Veröffentlichungen von Karl Schlechta klar wurde, dass die bestehenden Ausgaben mangelhaft waren und es im Weimarer Archiv noch Unmengen von unpubliziertem Material gab, ging es erst einmal darum, dieses zu sichten und auf seine Tauglichkeit für die Neuausgabe zu überprüfen. Montinari fuhr für drei Wochen nach Weimar, wo man den Nietzsche-Nachlass in das Goethe- und Schiller-Archiv integriert hatte. Als er mit der Aura der Handschriften in Berührung kam, hatte er eine Art Erweckungserlebnis, wie es für viele Editionsphilologen des 19. und 20. Jahrhunderts typisch ist. Es gibt Briefe an Colli, wo er diese Begegnung mit dem Text als den wichtigsten Moment seines Lebens beschreibt. Anfangs dachte er noch, es handele sich um eine Aufgabe von zwei oder drei Jahren, doch die Arbeit wurde zu seinem Lebenswerk. Er ließ sich in Weimar nieder, heirate eine DDR-Bürgerin und bekam mit ihr vier Kinder. Parallelen zur Figur des Hans Castorp aus Thomas Manns Roman »Zauberberg« drängen sich auf. Auch nachdem Montinari in den Siebzigerjahren zurück nach Italien ging, blieb er ein regelmäßiger Gast in Weimar, weil ihn die Recherchearbeit am Nachlass nicht losließ.

Es sieht so aus, als ob er sich in dieser Zeit von der Politik entfernt hätte.

Er blieb Parteimitglied und wurde in den Siebzigerjahren zum Eurokommunisten. Aber man kann an seinem Beispiel beobachten, wie die Arbeit am Text zum Fluchtpunkt einer ideologischen Ernüchterung wurde. Es ist die für das Europa der Nachkriegszeit symptomatische Geschichte der Transformation eines kommunistischen Intellektuellen in einen obsessiven Philologen. Der italienischen Neuen Linken und der von seiner eigenen philologischen Arbeit befeuerten poststrukturalistischen Nietzsche-Rezeption stand er übrigens äußerst skeptisch gegenüber.

Als 1985 mit der von Montinari herausgegebenen Faksimile-Edition von »Ecce Homo« das erste und letzte in der DDR von Nietzsche publizierte Buch erschien, löste das den energischen Protest des marxistischen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Wolfgang Harich aus. Dabei war dieser sensible und hochbegabte Intellektuelle, wie Sie schreiben, selbst von Nietzsche begeistert gewesen.

Genau wie der von ihm verehrte Georg Lukács. Der marxistische Gelehrte hatte 1954 mit »Die Zerstörung der Vernunft« eine Abrechnung mit Nietzsche als Vorbereiter des Faschismus vorgelegt, der sich Harich voll und ganz anschloss. Als Anfang der Achtzigerjahre auch in der DDR eine zarte Nietzsche-Rezeption einsetzte, beschwerte sich Harich darüber in Briefen an Erich Honecker und Kulturminister Kurt Hager und verfasste darüber hinaus rasende Pamphlete, in denen er Nietzsche für schlimmer als Hitler erklärte. Was zeigt, wie sehr er den politischen Einfluss von Intellektuellen überschätzte. Auch Colli und Montinari griff er an. Man habe die Legende in die Welt gesetzt, dass Nietzsche gar kein Faschist gewesen und dessen Werk von der Schwester verfälscht worden sei. Montinari war deshalb für Harich eine Hassfigur. Hager wiederum warf er vor, den beiden Italienern den Zugang zum Nietzsche-Nachlass ermöglicht zu haben. Was in dieser Form gar nicht stimmt.

Wie war es dann?

Der Chef der Gedenkstätten für deutsche Literatur, Helmut Holtzhauer, hielt den Forschern den Rücken frei. Das war ein antifaschistischer Widerstandskämpfer und dekorierter Kommunist, zugleich aber auch ein Bildungsbürger und Italienliebhaber, der Aufsätze über die Weimarer Klassik publizierte und in Nietzsche einen Teil des Bildungskanons des 19. Jahrhunderts sah. Er ging mit Montinari jagen und stellte ihm ein Auto mit Chauffeur zur Verfügung. Holtzhauer ist eine dieser Figuren, wie sie Günter de Bruyn oder Uwe Tellkamp in ihren Romanen geschildert haben. Montinari nistete sich in einer windgeschützten Enklave des ostdeutschen Bildungsbürgertums ein, wo er sich - wie in einer Zeitkapsel - ganz in Ruhe der jahrelangen Arbeit an dem philologischen Großprojekt widmen konnte.

Nun ist die Geschichte einer Edition nicht unbedingt ein spannendes Thema. Überraschenderweise machen sie aus dem trockenen Stoff ein Buch, das den Sound eines Thrillers hat.

Für mich als Autor war das Buch eine Wette. Sie lautet: Würde es mir möglich sein, den denkbar langweiligsten Stoff als einen Kalten-Kriegs-Thriller zu schreiben? Die Editionsphilologie hat ja noch nicht einmal den schillernden Charme der Theorie. Da geht es, wie Nietzsche gesagt hat, der der Philologie in lebenslanger Hassliebe verbunden war, um »Ameisenarbeit«, »Mittelstand des Geistes«. Ich weiß natürlich nicht, inwieweit meine Wette aufgegangen ist. In manchen Passagen vielleicht besser als in anderen. Eine wichtige Frage dabei war: Kann ich die politischen, existenziellen und historischen Energien zum Vorschein bringen, die in einem solchen philologischen Editionsprojekt stecken? Von dieser Hausforderung hat der Schreibprozess gelebt.

Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung. C.H. Beck, 287 S. geb., 26 €.

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