Männliche Gewalt ohne Ende

In der Serie »Shining Girls« jagt eine Frau einen scheinbar übermächtigen Mörder

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss) ist einem üblen Gewalttäter auf der Spur und selbst Opfer eines Verbrechens.
Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss) ist einem üblen Gewalttäter auf der Spur und selbst Opfer eines Verbrechens.

Die in Chicago lebende Mittdreißigerin Kirby Mazrachi (Elisabeth Moss) kann sich nicht mehr auf stabile Koordinaten in ihrer alltäglichen Lebensrealität verlassen. Seit sie mit Ende zwanzig ganz knapp ein abscheuliches Gewaltverbrechen überlebt hat, gerät ihr Leben immer mehr aus den Fugen. Ständig verändern sich auf mysteriöse Weise verschiedene Dinge im Alltag der Hauptfigur in der Serie »Shining Girls«. Mal hat Kirby eine Katze, die plötzlich ein Hund ist, als sie vom Arbeiten nach Hause kommt. Oder sie wohnt in einem Apartement einen Stock höher als am Vortag. Und einmal erwartet sie zu Hause nicht ihre Mutter, eine in die Jahre gekommene Rockmusikerin, sondern ein von ihr geschätzter Arbeitskollege, mit dem sie plötzlich verheiratet ist. Niemand sonst nimmt diese Veränderungen wahr. Leidet sie womöglich an einer Psychose?

In dem Achtteiler »Shining Girls«, der Adaption des gleichnamigen Romans (2013) von Lauren Beukes, die auch für das Drehbuch der Serie verantwortlich zeichnet, geht es um eine Frau, die Anfang der 1990er Jahre einem durch die Zeit reisenden Mann (Jamie Bell) auf die Spur kommt, der Frauen brutal ermordet und den sie fortan jagt, um ihm das Handwerk zu legen.

Kirby Mazrachi arbeitet im Pressearchiv der fiktiven Tageszeitung »Chicago Observer«, wo ihr Kollege Dan (Wagner Moura) in einem Mordfall recherchiert, der Parallelen zu ihrem eigenen Fall hat. Die Mittdreißigerin, die acht Jahre nach dem Verbrechen immer noch schwer traumatisiert ist und deren Karriere auch deswegen abbrach, weshalb sie nicht als Reporterin, sondern als Hilfskraft in der Zeitung arbeitet, klinkt sich in die Recherchen ein. Bald stellt sie fest, dass es eine ganze Reihe Frauen gibt, die im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre in Chicago überfallen, ermordet und dabei ebenso auffällig verletzt wurden wie sie selbst. Die Polizei hat keine Ahnung, dass es sich hier um einen Serientäter handeln muss. Bald stellt sich die Frage, ob ihre eigene Geschichte als Überlebende Teil der journalistischen Story werden soll oder nicht. Ihr Kollege Dan, ein alleinerziehender Vater, ist außerdem völlig von seinem Alltag und dem Job als Reporter überfordert. Und es ergeben sich während der Recherche, bei der sich Kirby mit viel Biss durch riesige Aktenberge arbeitet, immer mehr Ungereimtheiten. Die einzelnen Fälle gehören eindeutig zusammen, aber in der zeitlichen Abfolge der Verbrechen kann irgendetwas nicht stimmen.

»Shining Girls« ist ein unglaublich mitreißender und spannender Krimi, der aber wegen des durch die Zeit reisenden widerlichen und sadistischen Mörders und der sich ständig verändernden Realität auch etwas von einer Science-Fiction- oder Fantasy-Erzählung hat, in der auch Elemente des Horror-Genres zu finden sind. Aber es geht hier auch um die Standards journalistischer Arbeit, denn die Zeitungsredaktion wird bald zum Recherche-Hotspot gegen den Mörder. Oder geht es hier nur um eine sensationsverliebte Journaille, die der nächsten Story hinterherhetzt? »Shining Girls« funktioniert dabei ganz anders als viele Krimis über Serienkiller, in denen ein Detektiv als wahrheitsfindende Instanz alle Fäden in der Hand hält. In »Shining Girls« wird um jedes Rechercheergebnis hart gerungen und nicht selten wirken Kirby und Dan dabei eher hilflos.

Die Serie erzählt von Gewaltverbrechen und Femiziden aus der Perspektive von Frauen, rückt vor allem auch die Traumatisierungen in den Mittelpunkt der Erzählung und fragt, welche Möglichkeiten es gibt oder eben auch nicht, handlungsfähig zu werden und sich zur Wehr zu setzen. Der durch die Zeit reisende Mörder lässt sich auch als Allegorie auf eine nicht abreißende männliche Gewalt lesen, die durch die ganze Geschichte reicht und weder Anfang noch Ende zu haben scheint. Bald stellt sich die Frage, ob der Täter schon ein neues Opfer im Visier hat und wie Kirby dagegen vorgehen kann. Dabei wird die so brüchige Realität immer mehr Veränderungen unterzogen und es geht zurück ins Chicago vergangener Jahrzehnte. Das alles wird als rasant erzählte, handlungsorientierte und durchgängig spannungsgeladene Geschichte inszeniert mit Schauspielern, die wie normale Menschen aussehen und nicht den üblichen glattpolierten ästhetischen Standards amerikanischer Serien entsprechen.

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