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Tradition, Disruption, Endstation?

Das Dilemma der Klassik Stiftung Weimar: Sie muss sich mit alten Männern wie Goethe, Schiller und Wieland immer wieder neu erfinden

Wie rettet man die Weimarer Klassik in die Gegenwart?
Wie rettet man die Weimarer Klassik in die Gegenwart?

Wie stark unser Kulturbegriff einem Wandel unterworfen ist, wurde deutlich, als die Klassik Stiftung Weimar kürzlich ihr Themenjahr »Sprache« eröffnete. Zum Auftakt fragte eine Podiumsdiskussion: Welche Bedeutung kann oder soll die Beschäftigung mit überlieferten Texten haben? Welche Aufgaben haben Gedächtnisinstitutionen wie die Klassik Stiftung Weimar heute? Spannende Fragen, denen sich neben Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung, der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma stellte sowie Petra Lutz, die als Projektleiterin für die Weimarer Dichterhäuser zuständig ist. Die Runde moderierte Marcel Lepper, der zwei Jahre für die Klassik-Stiftung das Goethe- und Schiller-Archiv leitete und kürzlich zur Carl Friedrich von Siemens Stiftung gewechselt ist.

Reemtsma ist vor allem für Christoph Martin Wieland zuständig, denn auch der Wegbereiter der deutschen Klassik wird gefeiert. Fast gewinnt man den Eindruck: weil man es musste. Um den zierlichen Dichter, der vor 250 Jahren als Fürstenerzieher an den Hof kam, den Moralisten und Aufklärer, den Philosophen und vielseitigen Dichter, kam die Stiftung nicht herum. Genau so wird er präsentiert: als vergessener Klassiker, der der Wiederentdeckung bedürfe. Und den man »als Dichter und Revolutionär«, so die Webseite der Stiftung, wie das gesamte Themenjahr vor allem der Generation U 18 ans Herz legen wolle.

Als auf dem Podium Petra Lutz erläuterte, wie man die Dichterhäuser so gestalten wolle, dass sie auch die Zielgruppe U 18 erreichen, verdrehten die Bildungsbürger im Publikum die Augen. Schließlich wurden ihnen, als sie heranwuchsen, ganz selbstverständlich die Märchen der Gebrüder Grimm in der Originalsprache zugemutet. Ein Schatz, in dem sie kramten und wühlten wie in der Knopfschachtel der Großmutter und immer neue funkelnde Wörter und Redewendungen entdeckten. Vielleicht kannten sie nicht alle, aber sie verstanden, dass Wörter eine Geschichte haben, dass sie nicht gut oder böse sein können – sondern nur die, die sie benutzen.
Wo sind die U–18-jährigen Lesesüchtigen, die in Werken der deutschen Klassik nach Spuren von Anti-Haltung gegen Autoritäten stöberten, um sich ihrer eigenen zu vergewissern, weil (zumindest im Osten) gute Gegenwartsliteratur schwer zu ergattern war? Die den Sprachwitz bei Wieland, bei Musäus, bei Tieck entdeckten und ihren eigenen daran schärften? Die sich Offenheit und Internationalismus bei Herder abschauten, die gegen Widerstände kämpften wie Carl-Philipp Moritz, jugendliches Pathos bei Novalis fanden, auch er ein Stiefkind der Aufmerksamkeitsökonomie, den ein Jahrestag für kurze Zeit nach oben gespült hat.

Trefflich hätte man darüber parlieren können, darüber, wie man den Medienwechsel gestalten muss, der unser Wissen neu sortiert und ob und wie mundgerecht man die Klassik, die inzwischen häufig mit dem Wort »verstaubt« attribuiert wird, für die Generation social media aufbereiten muss. Lernen sei immer eine Zumutung und Überforderung, mahnte Reemtsma. Und wenn die erläuternden Texte in den Museen nicht verstanden würden, müsse man sie länger machen, nicht kürzer.

Das Gespräch, das auf den ersten Blick harmonisch verlief, hinterlässt im Nachgang einen bitteren Geschmack. Kein wohliges Sich-Sonnen im Bildungsbürger-Wohlfühlland. Einstellungen kamen zur Sprache, die ein Licht auf den Kulturbetrieb im Allgemeinen, in Thüringen und in Weimar werfen und den Druck deutlich machen, dem er unterworfen ist. Vor allem in den Ausführungen der Stiftungschefin.

Lorenz sprach von »toxischer Wachstumslogik im Kultursektor«, die man »kritischer sehen muss«, denn »Wachstum führt zu Versteinerungen«. »Wir müssen produktiv zerstören, um etwas anderes möglich zu machen«, forderte sie, Abschied nehmen »von liebgewordenen Gewohnheiten«. Denn die Rahmenbedingungen würden kein Wachstum mehr gestatten. Deshalb müsse man das kulturelle Erbe miteinander in ein sinnvolles Spiel bringen, das auch disruptiv sein könne. Die Gesellschaft wandele sich, »wir müssen uns partiell immer wieder neu erfinden«, ein Prozess, ein Experiment, auch »im Hinblick auf eine Umformulierung der Dichterhäuser«.

Wachstum gleich toxisch. Produktiv zerstören. Disruption. Sich immer wieder neu erfinden. Lorenz greift Argumente aus der Degrowth-Bewegung auf und spart nicht an Signalwörtern. Doch kann man die Situation in Wirtschaft und Ökologie eins zu eins auf den Kulturbetrieb übertragen? Schwach nur klang die Mahnung Reemtsmas: »Wir müssen die Literatur freimachen von Aktualitätsdruck. Sonst werden wir wie die Kanzelredner des 18. und 19. Jahrhunderts.«

In solchen Kontexten hört sich das literarische Vermächtnis der Stadt Weimar beinahe wie eine Last an: Goethe. Schiller. Wieland. Herder. Jeder Name ein Schlag mit der Faust in die offene Hand. Der Zwang, Altes immer wieder neu zu präsentieren, kollidiert mit dem Anspruch, alles neu zu erfinden, weil man sich von der verstaubten Literaturwissenschaft verabschieden will. Authentizität heißt der Königsweg jetzt, mit Anklängen an die teilnehmende Beobachtung. Warum nicht. Aber: Muss man dazu wirklich alles zerschlagen?

Jede Generation will die alten Zöpfe abschneiden. Das ist notwendig, es setzt einen Kreislauf der Erneuerung in Gang und krempelt nicht nur die Institutionen um, sondern wirft relevante Fragen auf, verschiebt die Prioritäten der politischen Agenda und verändert das Miteinander und die Kommunikation bis ins zutiefst Private. In diesem Prozess wird auch das Wissen, das zur Verfügung steht, ebenso neu bewertet wie die Art seiner Vermittlung. Idealerweise geht dieser Wandel nicht von den Institutionen aus, sondern der Druck kommt von außen, von unten.
Was aber, wenn nicht die Kinder rebellieren, sondern die Eltern?

So etwas passiert, wenn Eltern nicht erwachsen werden. Die Kinder sind für die Erneuerung zuständig, die Älteren fürs Bewahren. Beides muss ausgewogen miteinander agieren. Seit einiger Zeit jedoch erleben wir eine Abwertung von Erfahrung. Die Alten fliegen (wie die Ostdeutschen) unter dem Radar der woke-Bewegung. Dass diese Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden, merkt man spätestens, wenn man sich mit Mitte 50 einen neuen Job suchen muss. Auch bei den Jungen bindet der Zwang, sich ständig neu zu erfinden, Kraft und Ressourcen und höhlt den privaten Raum aus, in dem man sich erholen muss.

Dazu gesellt sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Spezialisten. In unserer hoch spezialisierten Gesellschaft ist Wissen ein Kapital. Es zu erwerben, dauert lange und kostet viel Geld. Niemand kann alles können, doch mancher scheint das zu glauben. Ein Buch schreiben und es layouten, die Gesetze der Sprache auf den Kopf stellen: Das Laientum schwappt vor allem in die Sektoren, die nicht so stark reglementiert sind, wo Kreativität und Spiel ein Refugium haben – in die Kunst. Es präsentiert sich voller Selbstbewusstsein, überschreit die Profis, die noch zweifeln und mehr Zeit fordern.

Dieser zutiefst demokratische Vorgang ähnelt dem, was die Stadtsoziologie »Gentrifizierung« nennt. Freiräume, in diesem Fall Kunst und Kultur, werden in eine Verwertungslogik eingebunden. Wie stark die Gesellschaft in ihren Randbereichen bereits auf Nutzen und Effektivität fixiert ist, zeigte sich in der Pandemie: Die Kultur wurde zuerst dichtgemacht und zuletzt wieder geöffnet. Dabei ist die Kunst wie ein Unbewusstes der Gesellschaft eine wichtige Ressource für Resilienz. Sie hilft, Angst zu bewältigen und mit Veränderungen umzugehen. Gnade uns Gott, wenn dieser Sumpf von Wildwuchs und Anarchie trockengelegt wird.

Lorenz teilte aus gegen das Bildungsbürgertum, das sein Halbwissen aus dem »Zitatenschatz der Weltliteratur« des Oberlehrers Georg Büchmann geschöpft habe, und vergaß dabei, dass die permanente Anpassung ans Mittelmaß genau dieses Halbwissen erzeugt. Zerreißen nicht disruptive Ansätze die Traditionslinien, an denen wir uns grundlegend in der Welt verorten, auch und gerade in der Auseinandersetzung mit ihnen? »Wir sind nicht Goethe. Wir sind die Eckermänner dieser Welt«, so Lorenz, und die Bildungsbürger schüttelten sacht den Kopf. »Ich schon«, flüsterte einer, »ich bin Goethe.«

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