Zweifelhafter Etappensieg im Angriffskrieg

Russische Videos zeigen die Gefangennahme ukrainischer Kämpfer bei der Einnahme des Asow-Stahlwerks. Kiew hofft auf einen Gefangenenaustausch

Die zerstörten Anlagen des Stahlwerks Azow-Stahl. Am 20.05.22 hatten sich die letzten gut 500 ukrainischen Soldaten in Asovstal ergeben. Das Werk war das letzte Stück der strategisch wichtigen Stadt Mariupol im Südosten der Ukraine, das bis dahin noch nicht komplett unter russischer Kontrolle stand.
Die zerstörten Anlagen des Stahlwerks Azow-Stahl. Am 20.05.22 hatten sich die letzten gut 500 ukrainischen Soldaten in Asovstal ergeben. Das Werk war das letzte Stück der strategisch wichtigen Stadt Mariupol im Südosten der Ukraine, das bis dahin noch nicht komplett unter russischer Kontrolle stand.

Die Waffen schweigen in und rund um das Stahlwerk am Asowschen Meer. Es war der letzte Ort in der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol, der noch nicht unter russischer Kontrolle gestanden hatte. Mangels anderer Erfolge im Krieg gegen die Ukraine zelebrierten Moskauer Medien am ganzen Wochenende den Erfolg der russischen Truppen nahe der in Trümmer geschossenen Stadt im Südosten der Ukraine.

Die Videos, die das russische Verteidigungsministerium von der Gefangennahme ukrainischen Kämpfer freigab, zeigen keinen heroischen Sieg. Ukrainischen Marineinfanteristen, Polizisten, Angehörige des Asow-Regiments, Feuerwehrleute haben den russischen Angreifern über 85 Tage hinweg Widerstand geleistet und zwölf sogenannte taktische Bataillonsgruppen gebunden. Männer in Tarnmonturen, durch weiße Armbinden als russische Kämpfer identifizierbar, warten, bis sich eine kraftlose Kolonne aus den Trümmern des Stahlwerkes herangeschleppt hat. Viele sind verwundet, einige humpeln an Krücken. Die Gefangenen müssen ihre Ausrüstung ablegen. Sie werden, bevor sie Busse besteigen, abgetastet. Auf dem Asphalt liegen Schlafmatten, Rucksäcke, Papiere. Auch fünf Frauen hätte man gefangen genommen, heißt es in Moskau. Im Video wird eine von ihnen gezeigt. Warum man gerade sie ausgewählt hat, wird klar, betrachtet man ihren über die Schulter geworfenen Seesack: »US Army« steht darauf.

Das russische Verteidigungsministerium behauptet, das Werk sei von 8100 ukrainischen Militärs verteidigt worden. Nach Angaben aus Moskau kamen seit dem 16. Mai insgesamt 2439 ukrainische Soldaten, die sich in den weitläufigen Industrieanlagen verschanzt hatten, in russische Gefangenschaft. Am Freitag kam die letzte Gruppe von 531 Kapitulanten. Solche Zahlen werden möglicherweise schon bald zu einer politischen Größe – wenn es um den Austausch von Gefangenen geht. Überprüfbar sind sie nicht. Sicher ist nur: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bemüht sich bereits seit Tagen um die Registrierung ukrainischer Soldaten. Jeder gefangene ukrainische Soldat füllt demnach ein Formular mit seinem Namen, Geburtsdatum und -ort sowie Angaben zu seinen nächsten Angehörigen aus. Dank dieser Angaben kann Kontakt zu den Familien hergestellt werden. Viele der Gefangenen werden angeblich in die selbsterklärte Volksrepublik Donezk gebracht. Natalia Zarytska, Frau eines Asow-Kämpfers, berichtete dem US-Nachrichtensender CNN: »Mein Mann hat mir vor zwei Tagen geschrieben«, er sei »auf dem Weg von einer Hölle in die andere«.

»Wir erwarten, dass alle Kriegsgefangenen in Übereinstimmung mit der Genfer Konvention und dem Kriegsrecht behandelt werden«, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby dieser Tage. Diese Regeln, auf die sich westliche Politiker beziehen, wurden insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in zahlreichen regionalen Kriegen weiterentwickelt – und massenhaft gebrochen. Auch von den USA.

In Kiew hofft man auf einen Gefangenenaustausch. Obwohl man auch dort wenig Rücksicht auf den Gefangenenstatus russischer Kämpfer nimmt. Sie werden auf Propaganda-Shows präsentiert. Einige sind auf bereits für Verbrechen angeklagt, ohne dass die Beweise ausreichend scheinen.

Ein aktueller Austausch von Gefangenen wäre nicht die erste »humanitäre Aktion« zwischen den kämpfenden Parteien dieser Art. Ob es nach dem Fall von Mariupol auch dazu kommt, ist fraglich. Schließlich, so hört man, habe Moskau der Ukraine nie einen Krieg erklärt. Zugleich weigern sich maßgebliche russische Abgeordnete so wie Justizbehörden, einen Teil der Gefangenen als Soldaten anzuerkennen. Es geht dabei vor allem um Angehörige des Asow-Regiments. Sie werden schlicht als »Nazi-Kämpfer« angesehen, die wie Straftäter abzuurteilen sind.

Die Asow-Einheit war ursprünglich eine von vielen Freiwilligenformationen, die 2014 in den Kampf gegen die abtrünnigen Gebiete im Osten der Ukraine geschickt wurden. Als Gründer der paramilitärischen Formation agierte der Nationalist und Rassist Andriy Biletsky. Er zog allerlei Rechtsextremisten und Antisemiten an, pflegte enge Beziehungen zu Neonazi-Gruppen in ganz Europa. Als Vorbilder dienten ultra-nationalistische Kollaborateure wie Stepan Bandera, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion gekämpft hatten. Asow-Bewaffnete terrorisierten auf grausame Weise ganze Regionen, die sich von Kiew abgewandt hatten. So eroberte die Asow-Truppe auch Mariupol von den Separatisten zurück. Kiew gliederte die kampfstarke Truppe in die ukrainische Nationalgarde ein. Damit sind die Kämpfer Kombattanten und als Kriegsgefangene zu behandeln.

Der mit vielen Opfern errungene Erfolg der russischen Truppen bei Mariupol ermöglicht nun eine Neugruppierung. Da russische Kommandeure stark unter Druck stehen, um im Donbass endlich Siege zu erreichen, ist es nach Ansicht westlicher Experten wahrscheinlich, dass Moskau seine Truppen und die prorussischen Milizen ohne angemessene Vorbereitung in die dort weitgehend festgefahrene Offensive schickt. Das hat sich schon einmal als verhängnisvoll erwiesen, als der russische Generalstab seine vor Kiew geschlagenen Einheiten sofort wieder in den Kampf um die Ostukraine geworfen hat.

Doch mehren sich derzeit auch Anzeichen für politische Lösungen. Überraschend kamen Vorschläge aus Rom. »Es braucht jetzt eine diplomatische Gegenoffensive«, sagte Italiens Außenminister Luigi Di Maio der Zeitung »La Stampa«. Ein erstes Ziel sei, lokale Kampfpausen zu erreichen, danach solle ein Waffenstillstand, die Arbeit an der Neutralität und am Ende ein Friedensabkommen folgen. Der Plan sei von Diplomaten und der italienischen Regierung entwickelt und den Unterhändlern der G7-Staaten vorgelegt worden, so Di Maio. Er habe zudem mit UN-Generalsekretär António Guterres gesprochen. Die UN, EU und OSZE sollten andere Länder wie die Türkei und Indien miteinbeziehen.

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