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Linke Verräter

Die Wochenzeitung »Jungle World« wird 25. Sie entstand aus einer Rebellion gegen die »Junge Welt« und die gesamte deutsche Linke.

Ort der Spaltung und des Anfangs: Die ehemaligen Redaktionsräume der
Ort der Spaltung und des Anfangs: Die ehemaligen Redaktionsräume der "Jungen Welt" am Treptower Park (unterm Dach).

Die deutsche Linke ist heillos gespalten. Das ist sie nicht erst, seit sie sich über Waffenlieferungen an die Ukraine, ihre Haltung zu Russland oder zur Nato streitet. Uneinig war man sich schon lange davor.

Ein tiefer Graben zieht sich entlang der Provokationen einer scheinbar proimperialistischen, bellizistischen, hedonistischen und sich selbst nicht ernst nehmenden kleinen Gruppe, die man mit dem Begriff »Antideutsche« assoziiert. Eines ihrer Hauptorgane ist die Wochenzeitung »Jungle World«, die, einst als Streikzeitung von ehemaligen Redakteurinnen und Redakteuren der »Jungen Welt« lanciert, nun ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Ist diese Strömung nicht gar das Hauptproblem, der eigentliche Grund für die Krise der Linken? Besonders im Ausland schüttelt man den Kopf über die Unbrauchbarkeit der deutschen Linken für den sozialistischen Kampf. Man verstehe einfach nicht, was es mit diesen »Anti-Germans« auf sich habe, sie wirkten wie eine Sekte, die die Linke unterwandert und gelähmt habe. Manche äußern, dass gerade der deutschen Linken eine historische Verantwortung zur Einigkeit zukomme. Schließlich befände man sich hier, wo vor noch nicht allzu langer Zeit eine massenmörderische Ideologie zur Herrschaft gelangte, im Herzen der Bestie.

Die sehr traditionelle linke Vorstellung, dass Geschlossenheit und Einheit mit einer wirklich starken Bewegung gleichzusetzen wäre, bedarf allerdings selbst der Aufklärung. Denn die Konsequenz daraus ist, dass fundierte Kritik als lästiges Hindernis oder Schwäche gelten muss. Das führt bisweilen hin zu einer Idee der parasitären Zersetzung der Bewegung oder und zu den bereits angeführten verschwörungstheoretisch klingenden Vorstellungen über die Antideutschen. Dafür, dass diese Denkfiguren antisemitisch aufgeladen sind, fehlt allerdings vielen außerhalb der antideutschen Szene das Verständnis.

Tatsächlich kann Antisemitismus als Bindeglied der internationalen Linken gelten, für viele junge Linke ist er gar das Einstiegsticket in den Aktivismus. Angesichts dessen ist die viel bejammerte Spaltung der deutschen Linken eine Errungenschaft. Deswegen sei noch einmal an den Kampf erinnert, der einst zur Gründung der »Jungle World« führte.

Gemeint ist der Streik in der Redaktion der »Jungen Welt«, der am 21. Mai 1997 begann. Damals lehnte sich die Mehrheit der Redaktion gegen den Geschäftsführer Dietmar Koschmieder auf und produzierte zwei Ausgaben einer Streikzeitung. Auslöser war eine Personalquerele – Koschmieder wollte autoritär eine neue Chefredaktion einsetzen. Dem zugrunde lag jedoch ein Konflikt über die inhaltliche Ausrichtung der Zeitung. Weil die »Junge Welt« die einzige radikal linke Tageszeitung der Nachwendezeit war, ging es auch um den Zustand der Linken insgesamt. Die Redaktionsmitglieder rebellierten gegen »nationalbolschewistische« Tendenzen, die Verklärung der DDR und die Verharmlosung des Autoritarismus. Sie vertraten die Position, dass die falsche Einrichtung der Welt auch vor der Linken nicht haltmache und an dieser umso dringender kritisiert werden müsse. Nicht weil man die Linke besonders verachte und sich eigentlich rechts verorte, sondern weil man sie als emanzipatorische Kraft ernst nehme.

Damals gab es sehr viel Solidarität mit den Streikenden, keine Aussicht auf eine Einigung und daher umso mehr die Entschlossenheit, den Streit nicht beizulegen, sondern dauerhaft zu führen. Nachdem man die Redaktionsräume der »Jungen Welt« wieder verlassen hatte, machte man sich in den eigenen Wohnräumen an die Arbeit, die Berichten zufolge totaler Aufopferung glich. Daher sollte die Geschichte der Gründung nicht allzu sehr verklärt werden, auch wenn Aspekte wie der Tortenwurf eines Redakteurs gegen Koschmieder oder die provisorischen Redaktionsräume der »Jungle World« in der Wohngemeinschaft der Band Ton Steine Scherben dazu taugen. Es geht eher darum, was mit dieser Geschichte eigentlich erzählt werden kann.

Der vor fünf Jahren produzierte Dokumentarfilm »Zwanzig Jahre sind nicht genug« beginnt mit einem Einsprecher des Publizisten Thomas Ebermann, der die Zeitstimmung dieser Auseinandersetzung treffend beschreibt: Die Linke, geschichtsphilosophisch gesprochen, sei zusammen mit der Geschichte am Ende gewesen. Der Streik und die Gründung der Zeitung waren gewissermaßen ein Zeugnis der Ohnmacht der Linken, aber anders als es der traditionslinken Vorstellung von Stärke durch Einheit erscheinen mag. Die Rede von der »Mosaiklinken« heute soll zwar Vielfalt suggerieren, meint aber vor allem ja doch, dass sich alle Teile zu ihrem Ganzen fügen sollen.

Die »Jungle World« jedoch zog aus dem Scheitern einer solchen Idee die Konsequenz. Statt dogmatisch an alten Gewissheiten festzuhalten, bekämpfte die Zeitung den faulen Kompromiss mit dem Bestehenden und entwickelte radikale Forderungen. Diese reichten von dem offensichtlich unrealistischen »Nie wieder Deutschland!« bis zur Kritik der grundlegendsten linken Selbstverständlichkeiten.

Seitdem hat die »Jungle World« einige Maßstäbe gesetzt, inhaltlich wie formal, für Provokationen gesorgt, Streitereien vom Zaun gebrochen und oft um ihre Abozahlen gebangt. Ihr Programm war dabei vom Anspruch her Gesellschafts- als Ideologiekritik, mit dem dringend notwendigen Fokus auf eine linke Kritik der Linken.

Spätestens wenn man heute beim Versuch, die Frage zu beantworten, ob man denn zu Russland oder zur Nato stehe, in eine Sackgasse gelangt, wird sichtbar, dass sich die komplizierte gesellschaftliche Realität nicht mit Schlagworten oder Denkschablonen einfangen lässt – auch wenn dies die Formation einer Massenbewegung begünstigen würde. Wenn sich Linkssein nur in einem bloßen Reflex erschöpft, ist es kaum mehr als Ideologie – Ticketdenken, wie Adorno sagen würde.

Natürlich hat die »Jungle World« mit dieser Linie das Problem bekommen, dass allein Kritik nicht automatisch zum Richtigen führt. Wenn Kritik und Provokation zum Selbstzweck vorgebracht werden, vertragen sich sich sogar hervorragend mit dem Zeitgeist spätkapitalistischer Beliebigkeit. So ist am Vorwurf, die »Jungle World« stehe längst zu sehr auf dem Boden des bürgerlichen Status quo, schon etwas dran. Sie läuft mit ihrer Haltung stets Gefahr, die Kritik zum reinen Gestus verkommen zu lassen und sie der Form nach, nicht am geteilten Problem, zu entwickeln. Dagegen hilft wiederum selbst nur Kritik. Aber es muss eine sein, die über den autoritären Reflex hinausgeht, die Selbstkritik der Linken per se als bürgerlich und revolutionsfeindlich zu denunzieren. Vielleicht ist die »Jungle World« nicht das Medium, in dem das passieren wird, aber sie hat seit 25 Jahren die Möglichkeiten dafür geschaffen.

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