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Terror und Manipulation: Das Stück »Die Spiele müssen weitergehen –München 1972« am Münchner Residenztheater

  • Von Dorte Lena Eilers
  • Lesedauer: 5 Min.
Oben Stimmungserzeugung, unten Konflikte: Hanna Scheibe und Patrick Bimazubute
Oben Stimmungserzeugung, unten Konflikte: Hanna Scheibe und Patrick Bimazubute

Das Olympische Dorf, im Norden Münchens gelegen, galt lange Zeit als unvermietbar. Die ganze Welt hatte am 5. September 1972 mit ansehen müssen, wie in dem steinernen Bienenstock-Komplex der Architekten Heinle, Wischer und Partner während der Olympischen Spiele palästinensische Terrorristen elf israelische Sportler in ihre Gewalt brachten. Keiner überlebte. Heute ist das Areal, lehrt uns Wikipedia, »eines der beliebtesten Wohngebiete in München«, dessen »terrassenförmige Anlage der Balkone« dank »großzügiger Pflanzentröge« mittlerweile »gut eingewachsen« ist. Gras drüber?

50 Jahre nach dem Olympia-Attentat lässt sich kaum behaupten, dass sich Deutschland und die Stadt München nicht mit den Ereignissen rund um den 5. September 1972 auseinandergesetzt hätten. Es gab Ausstellungen, Diskussionen und Erzählcafés; Reportagen, Podcasts und Serien ließen Zeitzeugen zu Wort kommen und neue Thesen aufstellen, warum Stadt, Land und Bundesregierung bei den Versuchen, die Sportler zu befreien, derart versagt hatten. Am Flughafen Fürstenfeldbruck, dem Ort, an dem die meisten Geiseln zu Tode kamen, fand ein offizieller Gedenktag statt. Und dennoch mutete es mindestens ambivalent an, dass just 50 Jahre nach dem Attentat Ende August auf ebenjenem Olympiagelände wieder ein sportliches Großereignis stattfand: die European Championships, die mit fröhlichen Worten auf ihrer Website warben: »Geballter Spitzensport umrahmt von einem bunten Festival – so lässt sich ein goldenes Jubiläum gebührend feiern.« »Mit aller Gewalt heiter«, titelte die »Taz«.

Für das Berliner Dokumentartheater-Duo Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura sind derartige, in weltpolitischem Maßstab haarsträubende Ambivalenzen Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Statt für psychologisch-emotionales Rekonstruieren interessieren sie sich für die Offenlegung nackter Strukturen: behördliche Vorgänge, politische Rochaden, Vertuschung und Schwindel. Für die Manipulation auf den Bühnen der Weltpolitik, die trotz des konkret untersuchten Falles immer auch übergeordnete Mechanismen des Regierens und Regiertwerdens transportieren – so auch in ihrem neuesten Stück »Die Spiele müssen weitergehen – München 1972« am Münchner Residenztheater.

Ausgangspunkt ist eine durch sportliche Aktivitäten ummantelte Chimäre. Die Olympischen Spiele der Neuzeit waren nach Vorstellung ihres Initiators Pierre de Coubertin als friedensstiftende Angelegenheit gedacht. Statt sich vom Schlachtfeld zu schießen, sollten die Nationen im athletischen Wettstreit über die Aschenbahn flitzen. Ein Gedanke, der sich hartnäckig hielt. Erst 2019 verabschiedete die Uno eine weitere Resolution zum Olympischen Frieden. Dass auch der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der vier Tage nach Ende der Olympischen Winterspiele in Peking begann, bereits während der Spiele vorbereitet worden war, passte da natürlich nicht ins Bild.

Verschleierung in weltpolitischem Maßstab ist der rote Faden, der das Recherche-Konvolut aus Zitaten, Daten, Aktennotizen, Telegrammen und Berichten von Personen, zu denen es im Programmheft eines dreiseitigen Registers bedarf, strukturiert. Bühne und Kostüme von Rob Moonen sehen dementsprechend »schlimm« aus. Seltsam geformte Objekte stehen herum, als habe ein sündhaft teures Marketingbüro in einer großen Design-Anstrengung vertuschen wollen, dass ihm in Sachen Olympia-Logo nichts eingefallen war.

Erst am Ende des Abends – schlimmer geht immer – fügen sich die Teile zu einem überdimensionalen Dackel zusammen, dem Olympia-Maskottchen »Waldi«. Farblich, als sei hier jemand auf dem Retro-Filter ausgerutscht, dominieren Apfelgrün, Hellblau und Bananengelb. Designer Otto Aicher hatte damals, 27 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, tunlichst vermeiden wollen, die Farben Schwarz, Rot und Gold zu verwenden. Auch die Sicherheitsbeamten trugen 1972 Himmelblau, ein Design, das angesichts des Terrors zu den bekannten surrealen Bildern führte.

»Die Olympischen Spiele«, schreibt der Sportsoziologe Gunter Gebauer im Programmheft, »sind auf Stimmungserzeugung ausgerichtet.« Doch all die Fahnen, Medaillen und Freudentränen können nicht verdecken, was darunterliegt: konstante geopolitische Konflikte. Dura und Kroesinger machen die Strukturen hinter dem sportlichen Budenzauber deutlich – bis in die kleinsten sprachlichen Details.

Der Begriff »Freischärler« etwa, mit denen DDR-Sportjournalisten die Terroristen in ihren Stasi-Berichten bezeichneten, wirft ein Licht auf die Sympathien, die der erklärtermaßen antifaschistische Staat DDR für den »gerechten Kampf der arabischen Völker« hegte – vom Terror indes distanzierte er sich scharf. Alltagsrassismus tritt zutage, wenn ein Sprecher des BRD-Fernsehens beim Einzug der Mannschaft aus Mali mit den Worten zitiert wird: »Sie muten an, als hätten sie ihre Kamele draußen gelassen.«

Auch Antisemitismus wird thematisiert, als ein Junge erzählt, wie sehr sich die jüdische Gemeinde um ein »Undercover«-Dasein bemühte. Im Fokus aber steht die Großpolitik, die Einflussname der USA auf die Reaktionen Israels etwa, vor allem aber das Ränkespiel Deutschlands – als Architektur eines umfassenden Versagens.

»Die Spiele müssen weitergehen« ist im besten Sinne ein sperriger Abend – im schlechteren bildet er, wie häufig bei Kroesinger und Dura, ein monströses Textgeäst, an dem sich das Ensemble (Patrick Bimazubute, Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger, Pujan Sadri und Hanna Scheibe) sichtlich abarbeiten muss. Die Aufführung hat nicht diese Rasanz, mit der sonst langjährige Kroesinger-Kollaborateure wie Lajos Talamonti die Unerbittlichkeit weltpolitischer Ereignisse zu performativen Sprechtunneln verdichten.

Dennoch hat das Stück, vor allem dank seiner textlichen Komposition, etwas Aufrüttelndes. Wenn am Ende beschrieben wird, wie bis heute entscheidende Akten gesperrt sind – von beiden Seiten mit einem undurchsichtigen Papier vernäht –, wird deutlich, was staatliche Vertuschung bedeutet. Ein Vorgehen, das weiter wirkt, siehe Aufarbeitung beziehungsweise Nichtaufarbeitung des NSU. »Baustelle, Baustelle, Baustelle«, heißt es mehrfach im Stück. Man könnte auch sagen: Hinschauen, hinschauen, hinschauen!

Nächste Aufführungen: 8.10., 23.10., 2.11., 14.11.

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