Die Stadtguerilla aus der Bäckergasse

Bewegung 2. Juni in Wolfsburg: Elf Jahre saß die heute schwerkranke Ilse Schwipper im Gefängnis

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Großstädte wie Berlin und Hamburg werden immer wieder mit der außerparlamentarischen Bewegung in Verbindung gebracht. Doch auch die VW-Stadt Wolfsburg hatte mit der Kommune Bäckergasse ein Zentrum der außerparlamentarischen Linken. »Die Bewohner setzten sich für Kriegsdienstverweigerer, antiautoritäre Erziehung und klassenlose Krankenhäuser ein«, sagt Ilse Schwipper, über die es in der Wolfsburger Lokalpresse kürzlich hieß: »Diese Frau hat den Geist der aufbegehrenden Studentenbewegung nach Wolfsburg getragen.«
Auch in der VW-Stadt engagierte man sich gegen den Vietnamkrieg und stieß schnell an die Grenzen der Legalität. Die Wolfsburger Linke las die Texte der RAF und der Bewegung 2. Juni. Zu letzterer fühlten sich einige Wolfsburger Aktivisten hingezogen, blieben aber eine eigenständige Gruppe. Anders als die RAF verzichteten die Gruppen im Umfeld der Bewegung 2. Juni auf lange theoretische Erklärungen und setzten auf die Vermittelbarkeit ihrer Aktionen in der Bevölkerung. So gab es Anschläge auf eine Schulaula, in der eine NPD-Versammlung stattfinden sollte, und gegen einen VW-Zug. Die Gruppe flog auf, und Schwipper saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis Vechta in Isolationshaft.

Die Affäre Schmücker
Bundesweit Schlagzeilen machte die Kommune Bäckergasse 1974. Die Justiz beschuldigte Schwipper und einige Mitbewohner, für den Tod des Studenten Ulrich Schmücker verantwortlich zu sein, der im Berliner Grunewald erschossen aufgefunden wurde. Zuvor war Schmückers Kooperation mit dem Geheimdienst bekannt geworden. Schwipper saß deswegen über acht Jahre im Gefängnis, wurde aber nie rechtskräftig verurteilt. Bis heute ist die Rolle der Geheimdienste beim Tod Schmückers Gegenstand vieler Spekulationen. Mehrere Bücher sind darüber geschrieben worden, am bekanntesten wurde: »Der Lockvogel« von Stefan Aust. »Oberflächlich und stark fehlerhaft«, kommentiert Schwipper den Bestseller
Die in Berlin lebende Aktivistin hat sich immer geweigert, die Interpretation der Geschichte Autoren wie Aust oder Historikern wie Kraushaar zu überlassen. Noch im September 2006 referierte sie auf einer Veranstaltung unter dem Titel »Unsere Geschichte lassen wir uns nicht nehmen.«
Bis zu ihrer schweren Erkrankung war sie politisch aktiv. Schon kurz nach ihrer Haftentlassung 1982 nahm Schwipper an einer Menschenrechtsdelegation teil, die den Massenprozess gegen 70 türkische Linke beobachtete. Seit Jahren engagiert sie sich in der anarchofeministischen Gruppe Las Loccas in Berlin. »Ich weiß, dass es in der jetzigen Zeit ohne die Frauenbewegung und die anarchistische Bewegung schwer wäre, meine Ideale zu leben«, sagte Schwipper in einem Interview. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Solidarität mit den politischen Gefangenen. Schließlich war sie in den 70er Jahren selbst viele Jahre im Gefängnis isoliert und erkrankte danach schwer. Schwipper ist Mitherausgeberin eines Buches, das sich mit den Folgen von Isolationshaft auf Gefangene befasste.

In Isolationshaft
Ihren großen Wunsch, auch in den Medienrummel um den Deutschen Herbst eine andere Perspektive einzubringen, konnte sie nicht mehr erfüllen. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag erkrankte Schwipper schwer und befindet sich zur Zeit in einen Berliner Hospiz. In einem Interview am Krankenbett ging sie auch auf Fehler in ihrer politischen und persönlichen Biografie ein. »Ein zentraler Punkt dabei ist das Verhältnis zu meinen Kindern, die damals zurückblieben, als ich insgesamt elf Jahre im Gefängnis saß. Früher habe ich gedacht, dass Kinder keine Rolle spielen dürfen im politischen Kampf. Heute weiß ich, dass Kinder gleichberechtigt mitentscheiden sollen und müssen.« Die Versöhnung mit den beiden Töchtern erfolgte erst am Krankenbett. Mit den politischen Verhältnissen bleibt Ilse Schwipper allerdings weiter unversöhnt. »Politik wird mich bis zum letzten Tag begleiten; auch Sterbehilfe ist politisch.«
In Wolfsburg sollen nun die letzten Spuren der linken Vergangenheit getilgt werden. Die Stadt plant, vor dem 70-jährigen Stadtjubiläum neben einigen w...

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