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Manfred Hildermeier: Nach Westen – und zurück

Manfred Hildermeier über eine »rückständige Großmacht«

  • Horst Schützler
  • Lesedauer: 6 Min.
Moscow City, das Business Center der russischen Haptstadt, von Zar Peter begrüßt
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Natürlich sehen sich angesichts des andauernden Ukrainekrieges auch renommierte Osteuropahistoriker in der Pflicht, sich diesem blutigen Konflikt zuzuwenden und in seiner geschichtlichen Verflechtung zu ergründen. So auch Manfred Hildermeier, geboren 1948, Professor emeritus für Osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen. Er hat vor Jahren in zwei voluminösen Bänden mit mehreren Nachauflagen eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte Russlands und der Sowjetunion vorgelegt, die große Anerkennung – auch international – fand.

Aus dem großen Fundus dieser und weiterer Arbeiten reichlich schöpfend, legte nun der renommierte Historiker seine aktuelle Sicht auf die »rückständige Großmacht« Russland dar. Hildermeier kennt die Schwierigkeiten der Anwendung des Begriffs der Rückständigkeit und bezieht denn auch zur »interpretatorischen Leistungskraft« dieser These Stellung. Einerseits sei dieser Begriff aufgrund seiner Wertebeladenheit als Kehrseite von Fortschritt und Modernisierung in die Kritik geraten und beinahe zum Unwort geworden. Anderseits behaupte sich die Meinung in der Wissenschaft, dass gute Gründe dafür sprechen, diesen trotz des Mangels an Neutralität beizubehalten, ihn aber umsichtig und differenziert zu verwenden. Er gestehe gern, dass er letztere Ansicht teilt, so Hildermeier.

Kaum ein anderes Problem durchziehe die russische Geschichte seit ihren ersten Anfängen im 9./10. Jahrhundert so kontinuierlich wie die Frage nach ihrem Verhältnis zum »Westen«. Im Verlaufe der Jahrhunderte, in denen der Westen auch den Osten, Russland, entdeckte, habe sich die gegenseitige Wahrnehmung verdichtet. »Während der Westen sich dabei überwiegend im Gefühl der Überlegenheit sonnte, wurde sie in Russland zum Wechselbad von Hochschätzung und Ablehnung, von Nacheifern und Besinnung auf Eigenständigkeit.« In dieser Wahrnehmung spannt Hildermeier den Bogen der Darstellung von der Kiewer Rus im frühen Mittelalter über mehr als tausend Jahre russische und sowjetische Geschichte hin zur »Putin-Ära«.

Für die Kiever Rus betont der Autor die »dynastische Zugehörigkeit« Russlands zu Europa. Für die nachfolgenden Jahrhunderte erfasst er die durch Kirchenspaltung bedingte geistig-kulturelle Abgrenzung und die Hinwendung zur »verlockenden Technik« des Westens mit der »gewaltsamen Öffnung zum Westen« in den Reformen Peters des Großen und dem »westlichen Kulturimport« unter Katharina der Großen. Im 19. Jahrhundert sieht er »Russland in Europa« im Zeichen der »Identitätssuche«, besonders durch die Slawophilen, und einen neuen Aufbruch gen Westen mit »Großen Reformen« an westlichen Leitbildern orientiert: Justiz-, Stadt-, Armee- und Bildungsreform, mit beschleunigter Industrialisierung, sozialem, politischem und kulturellem Wandel.

Das letzte Jahrzehnt zaristischer Herrschaft sei eine Blütezeit gewesen, die das Zarenreich auch politisch und soziokulturell so nah an Westeuropa, das den Maßstab der Moderne setzte, heranrückte wie nie zuvor. »Die beiden Metropolen des Reiches, St. Petersburg und Moskau, stiegen in die oberste Liga der europäischen Hauptstädte auf … Erstmals verschoben sich die Gewichte. Eine Plejade hochtalentierter Künstler sorgte durch eine wahre Explosion innovativer Phantasie und Schöpferkraft für neue Kunstformen und -theorien, die nun der Westen abschaute. Erstmals gelang es Vertretern der russischen ästhetischen Avantgarde, sich an die Spitze der Weltkunst zu setzen und dort auch anerkannt zu werden.«

Die Sowjetperiode in der Geschichte Russlands gliedert Hildermeier in drei Perioden unter den den Stichworten »Importierter Sozialismus und kapitalistische Hilfe 1917–1941«, »Supermacht der Defizite und sozialistischer Konsum 1945–1985« sowie »Nach Westen – und zurück 1985 bis heute«.

Der sozialistische Sowjetstaat verstand sich programmatisch als Gegenentwurf sowohl zur alten zarischen als auch zur bestehenden Ordnung des »Westens«, den man um die USA spätestens mit ihrem Eintritt in den Ersten Weltkrieg Anfang April 1917 erweitern muss. Es galt, den wirtschaftlich-technologischen Rückstand in nichtkapitalistischer Form aufzuholen und in der Folge den Westen nicht nur einzuholen, sondern zu überholen. Bis zum Zweiten Weltkrieg erwies sich der Sowjetsozialismus primär als Industrialisierungsideologie. Sie fand ihren Ausdruck in der »Stalinschen Aufholjagd«, die das Land brutal in das industrielle Zeitalter katapultierte. Westliche, besonders deutsche und US-amerikanische Mitwirkung bei vielen Großprojekten ist evident. Wesentliche Erfolge kann man dieser Aufholjagd nicht absprechen.

Mit Blick auf die Supermacht Sowjetunion verweist Hildermeier auf die »weitgehend eigenen Leistungen« in der Weltraum-, Atom- und Raketenforschung als »Meisterleistung wissenschaftsgestützter Ingenieurkunst«, über die man sich in der gesamten westlichen Welt die Augen rieb. Doch nicht der Mangel an modernen Raketen wurde der Sowjetunion zum Verhängnis, sondern, bildlich gesprochen, »die Armseligkeit ihrer Küchen«. Damit meint der Autor, dass es nicht gelang, trotz mancher Ansätze auf Dauer die privaten Konsumbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Dabei erscheint die erste Hälfte der 1970er Jahre im Rückblick als eine Art »goldene Zeit« der gesamten Sowjetära. Nie war es den Bürgern besser gegangen, und nie wieder waren sie so relativ zufrieden. Doch unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin erfolgte der Um- und Absturz. Gorbatschow wurde in seiner Reformoffensive angetrieben, sich an den westlichen Demokratien zu orientieren und zumindest einige ihrer politisch-öffentlichen Errungenschaften zu übernehmen. Mit der Perestroika erfolgten ideell-politische Anleihen. Vom »gemeinsamen Haus« Europa war in der Außenpolitik die Rede.

Gorbatschow kam nicht zum Zuge, Jelzin stürzte ihn in beschämender Weise. Unter ihm als Präsident der Russischen Föderation entstand mit »überstürzter Verwestlichung« eine neue Ordnung – die »westlichste«, die es auf russischem Boden je gab. Russland geriet an den Rand des Abgrunds. Hildermeier billigt Jelzin zu, »trotz aller Missgriffe, sozialer Blindheit und allzu großem Vertrauen in den Segen unverwässerter liberaler Marktwirtschaft amerikanischer Prägung, trotz Korruption und oligarchenfreundlicher Klientelpolitik auf den einen Erfolg verweisen« zu können, nämlich »die Rückkehr zum Sowjetsozialismus verhindert und der Demokratie in Russland samt ihrer Wirtschaftsordnung trotz allem den Weg gebahnt zu haben«.

Sein designierter Nachfolger Wladimir Putin tat nach Jahren »beispiellosen Niedergangs und schwerster Turbulenzen das, was man von ihm erwartete: für Stabilität, Ordnung und ein materielles Lebensniveau sorgen, das auch der breiten Bevölkerungsmehrheit einen auskömmlichen Alltag ermöglichte«. Putin führte das Land mit neuer konservativer Abgrenzung in die russische Identität mit der letztlichen »Invasion der Ukraine« vor einem Jahr, verortet in die Wiederbelebung des »großrussischen Chauvinismus« mit der slawophilen Kernthese der Eigenständigkeit und Eigenwertigkeit russischer Kultur, mit einem starken Staat und der Orthodoxie.

In der langen, wechselhaften und sektoral unterschiedlichen, von Kriegen durchsetzten Geschichte von Annäherung und Entfremdung zwischen Russland und Europa hat sich die Waagschale tief zu Letzterem geneigt, resümiert der Autor. Die jahrhundertealte Beziehung sei auf einem Tiefpunkt angekommen.

Bekanntlich kann der Blick in die Geschichte bei der Suche nach Auswegen und Alternativen nur bedingt helfen, da die Konstellationen immer andere sind. Die Rückschau zeigt allerdings, dass sich Russlands Verhältnis zum Westen ständig verändert hat, bisweilen auch recht schnell – und also Hoffnung besteht. Diese durchzieht trotz allem das Buch des Historikers Manfred Hildermeier, der bei dessen Verfassen offenkundig nicht davon ausgegangen ist, dass sich der Krieg in der Ukraine derart lange hinziehen würde, zum Leidwesen des ukrainischen, aber auch russischen Volkes.

Manfred Hildermeier: Die rückständige Großmacht. Russland und der Westen. C. H. Beck, 271 S., br., 18 €.

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