Studie zu »menschlichen Kosten« der US-Kriege zeigt immenses Leid

Nach UN-Erkenntnissen kommen auf jeden direkt im Krieg Getöteten vier weitere, die durch indirekte Folgen sterben

  • René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Krieg und Gewalt sind allgegenwärtig. Sie bringen unermessliches Leid und Zerstörung. Eine zu Wochenbeginn veröffentlichte Studie des »Costs of War-Project« aus den USA zeigt, »wie der Tod den Krieg überlebt«. Man untersuchte vor allem das Schicksal von Menschen, die indirekt durch den von den USA geführten »Krieg gegen den Terror« in Afghanistan, Irak, Libyen, Pakistan, Somalia, Syrien und Jemen getötet wurden. Dieser Feldzug war vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush losgetreten worden, nachdem islamistisch geprägte Terroristen am 11. September 2001 zivile Flugzeuge gekapert und in die New Yorker Twin Towers und das Verteidigungsministerium in Washington gelenkt hatten.

Das »Costs of War-Project« ist am Watson Institute for International and Public Affairs der Brown University angesiedelt. Sie hat ihren Sitz in Providence, der Hauptstadt des Bundesstaates Rhode Island, und zählt zu den ältesten und renommiertesten Bildungsstätten der USA. Die Wissenschaftler stützen sich auf UN-Daten und verschiedenste Expertenanalysen. Dabei räumen sie ein, dass die Folgen der Kriege »so umfangreich und komplex sind, dass sie sich letztendlich nicht exakt quantifizieren lassen«. Sie beziffern die Toten auf 4,5 bis 4,6 Millionen Menschen. Das sind so viele Menschen wie in den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Brandenburg leben. Laut der Studie sind dabei 3,6 bis 3,7 »indirekte Todesfälle« inbegriffen – das entspricht der Einwohnerzahl von Berlin. Die Anzahl der Opfer steige weiter, da die Auswirkungen des Konflikts nachhallen.

»Kriege töten oft indirekt viel mehr Menschen als im direkten Kampf«, sagt Stephanie Savell, Co-Direktorin von Costs of War und Autorin des jüngsten Berichts. Betroffen sind vor allem unschuldige Zivilisten, sie kommen – auch nachdem die Waffen schweigen – durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen, ökologischen, psychischen und gesundheitlichen Bedingungen um, die Folgen der von den USA geführten Feldzüge sind.

Zu den ermittelten Toten gehören einheimische 177 000 Militärs und Polizisten, die zusammen mit einer großen Anzahl gegnerischer Kämpfer allein zwischen 2001 und 2019 in Afghanistan, Pakistan, Irak und Syrien starben. Auch die USA beklagen Opfer. In Irak und Afghanistan wurden mehr als 7000 US-Soldaten getötet. Zudem kamen 8000 sogenannte militärische Auftragnehmer um, die in den besetzten Staaten auf regionaler Ebene Sicherheit garantieren sollten. Bei dieser Zahl handelt es sich um eine Schätzung, denn die Mehrheit derer, die einen Kontrakt mit US-Militärdienstleistern unterschrieben, sind Bürger anderer Staaten. Nicht aufgezählt in der Studie sind die Toten, die mit den US-Truppen verbündete westliche Streitkräfte beklagen.

Interessant ist auch die Selbstmordrate unter den US-Veteranen. Sie übertrifft die der allgemeinen Bevölkerung. Die Studie kommt nach der Auswertung offizieller Regierungsdaten zu dem Ergebnis, dass nach 9/11 mindestens viermal so viele aktive Soldaten und Kriegsveteranen durch Selbstmord gestorben sind wie im Kampf. Nachgewiesen sind 30 177 solcher Suizide. Die Forscher verweisen auf zahlreiche Motive. Genannt werden die Länge und Härte der Kämpfe, Stress, seelische Traumata und körperliche Verletzungen.

Savell verweist darauf, dass vor allem Menschen aus armen Bevölkerungsgruppen betroffen sind und verweist auf zunehmende Armut, Ernährungsunsicherheit, Umweltverschmutzung, die Zerstörung öffentlicher Infrastruktur sowie von Privateigentum sowie anhaltende Traumata der Gewalt. Die Studie hebt viele langfristige und unterschätzte Folgen des Krieges für die menschliche Gesundheit hervor und betont, dass insbesondere Frauen und Kinder in den umkämpften Ländern am stärksten vom Elend betroffen sind. Eine vorangegangene Studie der Forscher aus dem Jahr 2012 hatte ergeben, dass mehr als die Hälfte der Babys, die zwischen 2007 und 2010 in der irakischen Stadt Falludscha geboren wurden, Geburtsfehler aufwiesen. Von den schwangeren Frauen, die in der Studie befragt wurden, erlitten mehr als 45 Prozent noch zwei Jahre nach den US-Angriffen auf Falludscha 2004 Fehlgeburten.

Über all diese »menschlichen Kosten des Krieges« wüssten die US-Bürger nicht genug, um darüber wirklich nachzudenken, erklärt Savell. Sie wies darauf hin, dass die Zahlen, die in Washington offiziell und insbesondere über zivile Opfer genannt werden, oft weit niedriger sind als die in den lokalen Berichten.

Fazit der Forscher: Die Regierung der Vereinigten Staaten, die über acht Billionen Dollar für diese seit 2001 geführten Kriege ausgab, sei »zwar nicht allein für die Schäden verantwortlich, hat aber eine erhebliche Verpflichtung, in humanitäre Hilfe und den Wiederaufbau zu investieren.«

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