Importierte Erdbeeren sind mit Vorsicht zu genießen

Erdbeeren sind heute fast ganzjährig zu haben, der Anbau ist jedoch oft problematisch

  • Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Am allerbesten schmecken Erdbeeren immer noch aus eigener Ernte.
Am allerbesten schmecken Erdbeeren immer noch aus eigener Ernte.

»Ich schicke Ihnen Erdbeeren wo nicht in meinem Garten doch in unsrer Gegend gewachsen.« Johann Wolfgang von Goethe schrieb seiner geliebten Charlotte von Stein diese Zeilen am 17. Juni 1778, beste Erdbeerzeit also. Dass man die Früchte, die er so mochte, eines Tages fast das ganze Jahr über würde kaufen können, hätte sich der Dichter nicht träumen lassen. Ein entscheidendes Problem dabei: Die Beeren sind oft eben nicht »in unsrer Gegend gewachsen«.

Schon ab März liegen in Supermärkten Plastikschalen mit hellroten Erdbeeren aus. Sie stammen aus Ländern wie Spanien, Griechenland oder auch Marokko. Was ist von solchen Angeboten zu halten? »Wir sehen das sehr kritisch«, sagt Ernährungsexpertin Antje Warlich von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. »Der CO2-Fußabdruck solcher Ware ist sehr viel größer als der hiesiger Freilanderdbeeren.« Die importierten Früchte wachsen meist unter ökologisch bedenklichen Bedingungen, nämlich in Monokulturen auf kargen Böden. Hinzu kommen die Transportwege. Erdbeeren aus Spanien sind lange in Lastwagen unterwegs. Früchte aus Marokko und Ägypten werden sogar eingeflogen, wie Warlich erklärt. »Zudem entsteht enorm viel Verpackungsmüll.« Für die Reise werden Erdbeeren in festen Plastikschalen samt Folie verpackt.

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Im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt gut 110 000 Tonnen Erdbeeren nach Deutschland importiert. Spitzenreiter war hier mit rund 70 000 Tonnen Spanien, mit viel Abstand gefolgt von Griechenland und den Niederlanden. Doch gerade der Anbau in Spanien wirft arge ökologische Probleme auf. Die Erdbeere ist nämlich eine empfindliche, wasserliebende Frucht. Um ein Kilo ernten zu können, braucht man laut der Umweltschutzorganisation WWF um die 300 Liter Wasser – etwa zwei Badewannen voll.

In ohnehin eher trockenen Gebieten kann der Anbau besonders schlimme Auswirkungen haben. So etwa in Andalusien, wo der Grundwasserspiegel unter anderem wegen des immensen Wasserverbrauchs stark gesunken ist. Der Doñana-Nationalpark, ein ehemaliges Feuchtgebiet mit einzigartiger Fauna, ist seit Jahren von Austrocknung bedroht. Um ihn herum wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Unter anderem werden Erdbeeren angebaut, für die dem natürlichen System immense Mengen Wasser entzogen werden – zum Teil mittels illegaler Brunnen. »Infolge des intensiven Anbaus ist das Wasser in der Region außerdem stark mit Nitrat und Pestiziden belastet«, sagt Johannes Schmiester, Wasserexperte beim WWF. »Abgesehen davon sind die Arbeitsbedingungen für die Erntehelfer zum Teil verheerend.«

Erdbeeren, botanisch als Sammelnussfrüchte eingeordnet, sind nährstoffreiche, zugleich aber kalorienarme Lebensmittel. Ihr Vitamin C-Gehalt ist höher als der von Orangen: Bereits 150 Gramm der roten Früchte decken den Tagesbedarf eines Erwachsenen, heißt es beim Bundeszentrum für Ernährung (BZfE). Daneben enthalten sie unter anderem Folsäure, Vitamin B1 und K, Zink, Kupfer, Mangan und Polyphenole, die günstig für die Gesundheit sind.

»Die Nährstoffe entstehen zunehmend, wenn die Erdbeeren heranreifen«, sagt BZfE-Ernährungsexpertin Gabriele Kaufmann. Vollreife Früchte haben also den höchsten Nährstoffgehalt. Importerdbeeren werden aber häufig schon geerntet, wenn sie noch nicht voll ausgereift sind – erkennbar an hellen Flecken oder Spitzen. Anders als etwa Nektarinen reifen Erdbeeren nicht nach. Dass sie die lange Reise nach Deutschland überstehen, liege in erster Linie an den Sorten, so Kaufmann. »Es handelt sich meist um festfleischigere Sorten, die früher reif sind und etwas säuerlich oder fad schmecken.«

Abgesehen davon müssen Verbraucher bei weit gereisten Erdbeeren mit Schadstoffbelastungen rechnen. Um während des Transports die Schimmelbildung zu reduzieren, werden konventionell erzeugte Früchte laut BZfE oft mit Pflanzenschutzmitteln behandelt. Tatsächlich sind sie häufig mehrfach belastet: Kontrolleure des Bundesamts für Verbraucherschutz fanden 2022 in 75 Prozent der gut 600 untersuchten Proben Rückstände gleich mehrerer Pflanzenschutzmittel. Allerdings wurden die Grenzwerte nur bei 0,3 Prozent überschritten.

»Generell fährt man im Hinblick auf Schadstoffe besser, wenn man Bio-Früchte kauft«, rät Kaufmann. Sie haben weniger Schadstoffe, dafür mehr Nährstoffe: Forscher der Washington State University stellten fest, dass Bio-Erdbeeren einen etwas höheren Gehalt an Antioxidantien und Vitamin C haben.

Abgesehen von der Empfehlung für regionale und saisonale Ware ist es schwer, allgemeingültige Tipps zu geben. Wie groß der CO2-Abdruck der im Supermarkt angebotenen Ware jeweils ist, können Verbraucher kaum abschätzen. Auch in Deutschland werden immer mehr Erdbeeren unter Abdeckungen oder Gewächshäusern angebaut – die Ökobilanz solcher Früchte ist unklar. Man sollte dennoch auf das Etikett schauen. Ob es allerdings spürbare Auswirkungen hat, wenn man ein Produkt bewusst nicht kauft, ist fraglich. »Die Supermärkte selbst haben einen viel stärkeren Einfluss«, meint Schmiester. Trotz allem sollte man die Macht der Konsumenten nicht unterschätzen: »Die Campact-Kampagne im vergangenen Jahr hat in Spanien hohe Wellen geschlagen«, sagt der WWF-Experte. Mehr als 270 000 Menschen hatten per Online-Petition deutsche Supermarktketten aufgefordert, vorerst keine Erdbeeren aus spanischen Dürregebieten mehr zu verkaufen.

Die Hauptsaison deutscher Freilanderdbeeren dauert meist von Mai bis Juli. Es gibt laut BZfE um die 1000 Erdbeersorten, die sich in Blüte- und Erntezeit, Aroma, Farbe, Größe, Festigkeit und Haltbarkeit unterscheiden. In der Saison am besten selbst bevorraten: einfrieren, einwecken oder Marmelade kochen. Wer dann im Winter Lust auf die Früchte hat, kann auf wächserne Import-Beeren verzichten.

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