Multiple Persönlichkeit: »Wir sind kein Rest«

Hannah C. Rosenblatt macht mit dem Podcast »Viele Leben« Menschen mit dissoziativen Identitätsstörungen sichtbar

  • Susanne Gietl
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei DIS ergeben viele »Ichs« ein »Wir«.
Bei DIS ergeben viele »Ichs« ein »Wir«.

Manche Wirklichkeiten sind fernab von dem, was wir uns vorstellen können, und doch sind sie Teil unserer Lebenswirklichkeit und unserer Gesellschaft. Die Autorin Hannah C. Rosenblatt lebt ein Leben als Viele, als multiple Persönlichkeit. Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten, Wünschen und Erfahrungen ergeben zusammen die Person Hannah C. Rosenblatt. Die Person, die ihr Denken und Handeln bestimmt, wechselt. Viele »Ichs« liegen in ihrem »Wir«. Immer nur eine Person kommt zutage.

Hannah C. Rosenblatt betreibt schon länger Aufklärungsarbeit zur dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Anfang 2000 begann Rosenblatt zu bloggen, seit 2012 setzt sie sich in Podcasts für die Selbstvertretung vieler und ihrer Themen ein; seit 2019 bietet sie das Selbsthilfeformat »Was helfen könnte« an, in dem sie Übungen, Gedanken und Konzepte bespricht, die sich als hilfreich erwiesen haben. Außerdem gibt sie Workshops zum Thema Gewalt und Inklusion behinderter Menschen. Ihr Podcast »Viele Leben« ist ein weiteres Stück im Puzzle der DIS-Welt. Wie bereits ihr Roman »aufgeschrieben« ist auch der Podcast »Viele Leben« keine Nebenbeiunterhaltung.

»An uns ist nichts komisch oder kaputt. Wir sind Menschen mit vielen Leben, und damit können wir sichtbar sein.«

Hannah C. Rosenblatt

Viel zu komplex sind die Einzelfolgen, die auch durch die Mehr-Personen-Erzählungen (oft spricht eine Person von einem »Wir«, meint aber das »Ich« im »Wir«) herausfordern. Wenn man sich aber darauf einlässt, eröffnen sich neue Welten. Allem voran geht eine Einführungsfolge, die sogenannte »Nullnummer«, um den Podcast vorzustellen. Einige mit DIS bezeichnen sich selbst als »Überlebende« (»Survivers«), weil sie extreme Gewalt erlebt haben und immer noch die Folgen ihres Traumas (er)leben.

Statt eines Blickes von außen bevorzugt die Autorin die Berichterstattung von innen heraus. Niemand muss sich bei Rosenblatt in seinem Multipel-Sein erklären, wie sie in der Einführungsfolge klarstellt: »An uns ist nichts komisch oder kaputt. Wir sind kein Rest. Wir sind Menschen mit vielen Leben, und damit können wir sichtbar sein.«

Rosenblatts Ansatz ist kein psychologischer, vielmehr stellt sie multiple Persönlichkeiten in ihren unterschiedlichen Leben vor. Einfühlsam geht Rosenblatt auf ihre Interviewpartner*innen ein. Nach und nach erfährt man, welche Aspekte ihr Viele-Leben prägen und wie ihr Viele-Sein ihr Leben beeinflusst. Jede Folge hat einen anderen Fokus: ein spätes Outing, Öffentlichkeitsarbeit zu organisierter, sexueller und ritualisierter Gewalt, Schwangerschaft und Familiengründung.

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Bereits die erste Folge ist ein Sprung in neue Gewässer. Denn Johanna, die unter »some_of_many« über ihre dissoziative Identitätsstruktur bloggt, hat ein ganz eigenes Familienmodell. Sie teilt sich gemeinsam mit ihrem Partner und einem anderen Paar ihre drei Kinder. Rosenblatt fragt gezielt nach Selbstbestimmung in der Schwangerschaft und Schwierigkeiten durch das Viele-Sein, nach inneren Auseinandersetzungen und der Geburt an sich, Gewalterfahrungen und Triggermomenten.

Ganz offen spricht Johanna über Traumatisierung und Therapie und darüber, wie sie mit Erinnerungslücken umgeht. Rosenblatt möchte wissen, was gleichberechtigte Kinderziehung für Johanna bedeutet. Dabei tritt das Konzept des Ko-Parenting nicht in den Hintergrund, sondern vervollständigt das Bild eines eher ungewohnten Modells, das Johanna für sich gefunden hat, um ihr Leben als Mutter zu meistern.

Nach Johanna spricht die Grafikdesignerin Felix Meer über ihre späte Diagnose und erzählt, wie sie sich über den Webcomic »Püppi & Tante« mehr als 20 Jahre nach ihrem Liebes-Coming-out als Viele outete. Nebenbei lernt man so einiges über Grafikdesign und Verfremdung durch Abstraktion.

Man merkt, wie viel Arbeit in »Viele Leben« steckt. Der durch Spenden finanzierte Podcast ist ein Projekt der Initiative Phoenix, des Bundesnetzwerks für angemessene Psychotherapie. Bisher wurden drei Folgen und eine Sonderfolge über das Leben mit DIS veröffentlicht, die zeigen, dass das Bild, das in der Gesellschaft von diesen Menschen existiert, viel vielfältiger und freier gedacht werden sollte, als es kommuniziert wird.

»Viele Leben«, verfügbar auf allen gängigen Podcast-Plattformen.

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